Jahrgang 
01-26 (1857)
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Jahrg

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lingsſorte mir zu erleſen.

Literariſche Beſprechungen.

Neue Gedichte von Emanuel Geibel. Stuttgart und Augsburg. J. A. Cotta'ſcher Verlag. 1856.

Singe, wem Geſang gegeben In dem deutſchen Dichterwald! Das iſt Freude, das iſt Leben,

. Wenn's von allen Zweigen ſchallt! Nicht an wenig ſtolze Namen Iſt die Liederkunſt gebannt; Ausgeſtreuet iſt der Samen Ueber alles deutſche Land. Deines vollen Herzens Triebe Gib ſie keck im Klange frei! Säuſelnd wandle Deine Liebe, Donnernd uns Dein Zorn vorbei! u. ſ. w.

Uhland.

Ich würde mich durchaus nicht dabei befriedigen, in aner Geſchichte der Cultur, der Geſelligkeit oder dergl. zu ſen, daß unſere Vorfahren den Wein getrunken haben, daß der Wein des Menſchen Herz berauſche und daß dieſer

Rauſch von ſo und ſo viel Procent Alkohol auf ganz na⸗

Kürlichem, phyſtologiſchem Wege erzeugt werde; ich für meinen Theil würde es immer noch für nöthig halten, bei tieſem wiſſenſchaftlichen Bewußtſein vom Vergnügtſein

Dritte folge.

der Alten auch auf eigne Fauſt den Wein zu koſten, auf

au Fauſt das Vergnügen des ſüßen Rauſches zu empfin⸗

den und nicht nach der chemiſchen Analyſe, ſondern nach don individuellen Geſchmack meiner eignen Zunge die Lieb⸗ Ganz ebenſo, meine ich, könne un vernünftiges Zeitalter ſich nicht dabei beruhigen, ſeine

Poeſien in Goldſchnitt gebunden im Bücherſchrank aufzu-

ſellen und in den Literaturgeſchichten ſeine Dichter aufge⸗ aihlt und analyſirt zu ſehen, ein jedes vernünftiges, ſebildetes und genußfähiges Zeitalter wird auch eigne Empfindungen haben, ſeine Empfindungen poetiſch geſtal⸗

ſen und an dieſen poetiſchen Geſtaltungen Theilnahme und

Reude beweiſen wollen. gegeben!

Ein Uebelſtand iſt es freilich, wenn die dichtenden See⸗ ſen mit dieſem Uhland'ſchen Aufruf zur Emancipation des Lſedes nicht das Goethe'ſche Bekenntniß vereinigen:

Drum ſinge, wem Geſang

Ich ſinge, wie der Vogel ſingt, Der in den Zweigen wohnet; Das Lied, das aus der Kehle dringt, Iſt Lohn, der reichlich lohnet.

Es iſt eine gerade in den Gemüthern der deutſchen Jugend tiefgewurzelte, krankhafte Sehnſucht, in dem poe⸗ tiſchen Drange nicht nur einen Genuß, ſondern einen Be⸗ ruf finden, ihm nicht nur des Daſeins Ausſchmückung, ſondern des Daſeins Begründung verdanken zu wollen. Hier paßt denn Goethe's Warnung, daßdie Muſe das Leben zwar gern begleitet, aber keineswegs es zu leiten verſteht. Auf ſolche Verirrungen hat Julian Schmidt's Ausſpruch über die Poeſie des Weltſchmerzes ihre richtige

Anwendung:Wer die Poeſie als ein Unglück empfindet,

fann ſicher ſein, daß ſie nicht ſein eigentlicher Beruf iſt, daß ſie ihm nur in eben dem Sinne Sorge und Beſchwerde macht, wie jede Aufgabe, der er nicht gewachſen iſt. Am widerwärtigſten iſt dieſe Verblendung, wenn ſie ihr eignes

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ſieches Weſen, ihre kleinlichen Hoffnungen und Sorgen mit dem Weſen, den Hoffnungen und Sorgen des deutſchen Volkes verwechſelt.

Der Wenigen Einer, die trotz dieſer Ueberfülle dilet⸗ tantiſcher und kränkelnder Production in unſeren Tagen zu wahrer Künſtlerſchaft, zu echt menſchlicher Freiheit des

Gemüthes und zu weiter, nationaler Anerkennung ſich em⸗

porgeſchwungen haben, iſt Emanuel Geibel. Man bezeich⸗ net die Aufgabe des lyriſchen Dichters als eine doppelte, er ſoll einerſeits Empfindungen und Leidenſchaften in der Menſchenbruſt zum Bewußtſein erwecken, und er ſoll an drerſeits zugleich dieſes Bewußtſein durch die künſtleriſche Weihe verklären und beſchwichtigen. Jene erſte Aufgabe, die er durch den Inhalt ſeiner Lieder erfüllt, ſchildert Carriere in der realiſtiſchen Weiſe ſeiner Betrachtungen: Wie das All klanglos, dunkel, in ſchweigender Macht da⸗ ſtände, wenn nicht die Wellen der Luft an ein Ohr und die Schwingungen des Aethers an ein Auge ſchlügen, wo dann die Seele ſie empfindend zu Tönen und Farben wer⸗ den läßt; ſo ſollen wir in der Subjectivität des Dichters die Macht erkennen, welche in aller Fülle der Natur und der Geſchichte den Widerſchein ihrer eignen Gefühle erblickt; aus ſeinem Auge entſpringt der Morgenſtrahl, der die Memnon⸗ ſäule tönen macht, und der Hauch ſeines Mundes wird der belebende Odem für die Geſtalten der Außenwelt. Sein Gefühl ſingt er, um das Echo im Herzen der Andern wach zu rufen. Der Erfolg zeigt es, daß Geibel dieſen Zweck erreicht, daß die Empfindungen, die er ſang, in tauſenden von Herzen ein Echo fanden, daß ſein dichteriſcher Blick, ſeines Geſanges belebender Odem für die Mehrzahl ſeiner Zeitgenoſſen das Leben im eigenen Buſen nicht nur, das Seelenleben in Natur und Geſchichte zum klaren, poetiſchen Bewußtſein wach rief, daß Geibel die Leiden und Freu⸗ den ſeines Zeitalters, das Hoffen und Trauern ſeiner Na⸗ tion, die Empfindungen und Anſchauungen reiner, echter Menſchlichkeit zum Ausdruck brachte.

Aber nicht dieſer Stoff ſeiner Lieder allein begründete ihren Erfolg; erſt die in Rhythmen und Bildern ſo har⸗ moniſche, bei ſtrengſter Kunſtgerechtigkeit ſo leichte, ſo an⸗ muthige Form machte ſie zur Lieblingsquelle geiſtiger Er⸗ quickung. Daß er die Fähigkeit beſaß, über den Lebens⸗ gehalt, den er ſchilderte, künſtleriſch ſich zu erheben; von den Conflicten der Wirklichkeit, indem er ſie zur Geſtal⸗ tung brachte, ſich ſelbſt zu befreien; mit dem Gewicht des Daſeins, das er ſchwer im eignen Buſen trug, ein freies, gratienhaftes Spiel zu treiben, das erſt machte ihn zum wahren Dichter. Was Vilmar von Goethe's Liedern ſagt, gilt im Allgemeinen auch von denen Geibel's:In ihnen ſind eigne Lebenserfahrungen, eigne Herzensgeſchichten in ihrem höchſten Stadium feſtgehalten; aber die unruhige Haſt der Leidenſchaft, die trübe Gährung der Gefühle, welche vergeblich nach einem Ausdruck ringt und den rech⸗ ten nur einzeln und gleichſam zufällig trifft, welche bald zu viel, bald zu wenig ſagt, dieſemenſchliche Bedürftig⸗ keit iſt überwunden, iſt mit allen ihren Zeugen ausge⸗ ſtoßen. Die Gährung hat ſich abgeklärt zu dem goldenen, duftenden Wein, dem man ſeine Heimath, ſein Gewächs, ſeinen Jahrgang, ſeine Erde und Traube noch anſchmeckt, der aber von allen dieſen nur die feinſten, lieblichſten Arome behalten und ſie in die köſtlichſte Weinblume vergeiſtigt