Jahrgang 
01-26 (1857)
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28 Novellen⸗ bringe ich die Anzeige von dem baldigen Erſcheinen Ihres Romans.

Adieu denn, Herr Redacteur.

Leben Sie wohl, Madame! Ich ſehe in Ihnen

ſchon die George Sand der Zukunft!

Ach die Sand! Oh ja! Recht talentvolle Dame.

Die gnäodige Frau hat ſich entfernt. Der Chefredacteur hüpft freudig in ſeinem Bureau herum und ruft:

Mein Glück iſt gemacht! Einen Originalroman für mein Feuilleton! Wenn das ſo fortgeht, kann ich den Doctor ganz abſchaffen.Die Vatermörderin, welch pikanter Titel! Jetzt kann ich dem Verlangen nicht wider⸗ ſtehen, gleich etwas zu leſen. Aha! Erſtes Capitel.

Dumpf ſchlugen die Glocken vom Herein!

Habe ich die Ehre mit dem Redacteur desWag⸗ gon zu ſprechen? fragt ein eintretender, blonder, bleicher Jüngling.

Zu dienen.

Sie waren ſo freundlich, mich mit einigen Zeilen zu beehren.

Sind Sie vielleicht der junge Dichter?

Jawohl, ich habe mich einige Mal verſucht, und da die Frau Directorin mir die Ehre erzeigte, meine Dich⸗ tungen ausgezeichnet zu finden, ſo bin ich entſchloſſen, mich ganz den Muſen zu widmen, und würde glücklich ſein, wenn Sie mir die Spalten des Waggon für meine Ge⸗ dichte öffneten.

Ich kann das Glück nicht hoch genug anſchlagen, mit Ihnen bekannt zu werden. Ihr Name iſt Reinhold Berder?

So heiße ich; doch wünſchte ich auf den Nath der Frau Directorin einen andern Namen zu wählen. Meine Gedichte ſollen unter dem poetiſchen NamenGottlieb Frühling erſcheinen, ſo meint die Frau Directorin, und ich folge hierin wie in Allem der Meinung einer Dame,

Zeitung.[III. Jahrg.

die mit Recht als die geiſtreichſte unſerer Stadt gilt und auch ſelbſt vortreffliche Gedichte macht.

Wico, die Frau Directorin dichtet?

Gewiß, Herr Redacteur, und zwar mit ungeheurem Erfolge; neulich hatte ich Gelegenheit, eine Ode an den Mond von ihr zu leſen, und muß geſtehen, daß es ſchade um ein ſo ausgezeichnetes Talent iſt, das der Oeffentlichkeit entzogen iſt.

Glauben Sie nicht, daß die Frau Directorin aus patriotiſchem Eifer für unſere Stadt ſich herbeilaſſen würde, dem Waggon einige ihrer Gedichte anzuvertrauen?

Ich glaube kaum, die Frau Directorin meint, es vertrüge ſich nicht mit ihrer Stellung.... doch dürfte ich mir erlauben, Ihnen meine Gedichte vorzuleſen? Meine Sammlung iſt bereits bis einhundertundſiebenzehn Stück angelaufen, und gefallen die Sachen, ſo will ich ſie drucken laſſen, wenn meine hohe Gönnerin die Gewogenheit hat, die Widmung anzunehmen. Das Widmungsgedicht habe ich bereits fertig. Dürfte ich es Ihnen vortragen, um Ihre Meinung darüber zu hören?

Gewiß, ich bin ſehr geſpannt!

So hören Sie.

An meine hohe Gönnerin die Directorin N. Du, die Du biſt die Freundin aller Muſen

Und ſelbſt auch führeſt wohl der Dichtung Zügel,*. Durch Dich nur angeregt ſchwang ich mich in den Büget Des ſtolzen Flügelroſſes.....

Herein! Ah, ſind Sie endlich zurück, Herr Doctor,

ich erlaube mir Ihnen hier den jungen Schiller, Herrn Reinhold Berder, vorzuſtellen. Herr Berder Herr Doctor Kornmann!

Herr Berder, ſagt der Doctor, ich freue mich der Gelegenheit, ein Talent kennen zu lernen, von dem man ſo viel Rühmenswerthes erzählt.

Bitte, lieber Dortor das Vergnügen iſt ganz auf meiner Seite. Man ſpricht von Ihnen in der Stadt mit

Fräulein Ungar, unſere aus Mannheim neu engagirte muntere Liebhaberin, deren Lorle allerliebſt geweſen ſein ſoll, kam in der Jeannette des genannten Stückes zu einem durchgreifenden Er folge und erwies ſich als glückliche Acquiſition.

Herr Röſicke aus Breslau ſoll Erſatz für Herrn Othegraven bieten. Die Verſe des Pylades wollten ihm zwar nicht recht von Herzen kommen, dagegen zeigt er als Marſan inMan ſucht einen Erzieher eine ſehr glückliche Begabung für das Converſations⸗ fach; ſein Melchthal und ſein Carlos waren recht tüchtige, wohl⸗ geſchulte Leiſtungen.

Sonſt iſt die Beſetzung der übrigen Fächer die vom vorigen Jahre. Herr Pauli, der Oberregiſſeur, der kürzlich in Stuttgart mit Erfolg gaſtirt hat, iſt ſeitdem wenig zum Spielen gekommen, und wenn er auftrat, haben wir ihn faſt immer als Juden ſehen müſſen. Im Sinne der darſtellenden Künſtler ſchließen wir uns bei dieſer Erwähnung dem Wunſche an, den Kaliſch in einem Couplet ſeinesActienbudikers ausſprach, endlich einmal irgend jemand Anderes als ewig den Juden zum Hanswurſt auf der Bühne zu verwenden. Die Conflicte, welche durch die beſtehenden Religions⸗ und Stammesdifferenzen in unſer öffentliches wie pri⸗ vates Leben gebracht werden, ſind viel zu gewichtig, zu ſchwierig und oft tragiſch, als daß man hier die brutale Verhöhnung äußer⸗ licher Eigenthümlichkeiten ſtatthaft finden könnte, die auf der einen Seite nur einen auffallenden Mangel an Humanität erweiſt, auf der anderen aber unnöthigerweiſe einen nicht ungefährlichen Haß er⸗ wecken muß. Wer übrigens geiſtreiche Juden über ihre eigenen Schwächen hat witzeln gehört, muß dieſe Komik der Theaterjuden im höchſten Grade für plebejiſch und witzlos und für ein Armuths⸗ zeugniß deschriſtlichen Witzes erklären. Herr Pauli hat ſelbſt

ein ſehr richtiges Gefühl dafür und dieſe immer ihm aufgebürdeten Rollen längſt verwünſcht.

Noch haben wir die beiden Glücksnummern des Directors, ſeinen Troſt für Iphigenia und Klytämneſtra, die Lieblinge des Publicums aufzuführen, die ſchon oben erwähnten Poſſen von Kaliſch und Röder. Beides ſind ſehr luſtige Stücke, der Actien⸗ budiker ſogar ein echt poetiſches und echt moraliſches. Der Aus⸗ bildung der Poſſe auf dieſem Wege kann man nur Glück wünſchen. Die Aufführungen beider Stücke zeigten ein treffliches Enſemble. Herr Böckel zeigte als Robert wieder, wie ſchon früher inAuf dem Lande,Steffen Langer u. A. ſeine prächtigen Mittel für volksthümliche komiſche Charakterrollen. Herr Ballmann als Bertram ſtand ihm mit ſeiner burlesken Urkomik glücklich zur Seite. Den Knetſchke im andern Stücke gab Herr Denzin, der durch ein durchdachtes, honnettes, oft vortrefflich charakteriſirendes Spiel mehr und mehr beliebt wird. Fr. Günther⸗Bachmann endlich, die unerſchöpflich vielſeitige Künſtlerin, die noch immer in Oper, Tragödie und Poſſe mit ihrem ſtets liebenswürdigen Spiel unerſetzlich iſt, brachte die Rolle der Köchin Karline zu einer Wirkung, die man ſelbſt bei den Berliner Aufführungen ver⸗ mißt hat..

Nennen wir ſchließlich noch Herrn Laddey, unſern Charak⸗ terdarſteller, der zu ſeinen Erfolgen als Narciß kürzlich einen neuen Succeß als Mohr im Fiesco fügte, ſo haben wir die Kräfte unſres Schauſpiels aufgeführt, die für dieſen Winter, wenn auch keine neue Epoche der Kunſt, ſo doch dem Publicum manchen genußreichen Abend und dem Director recht volle Kaſſen ver⸗ ſprechen. R. G.

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