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22 Seine gefurchte Stirn war bereits kahl, und das ſtruppige, ſchwarze Haar quoll unter dem tief im Nacken ſitzenden Hute hervor. Er behandelte den jungen Mann mit Miß⸗ trauen und Zurückhaltung, erklärte, daß er ſeines Rechtes ſicher ſei und weder von Vittori, noch von den Baſtarden ſeines Onkels etwas wiſſen wolle. Vittori gab ihm ganz Recht, er meinte, daß er im ſelben Falle eben ſo denken würde, daß er es ganz in der Ordnung finde, ein ſo ſchönes Vermögen, das ihm zugehöre, nicht gutwillig aufzugeben. —„Aber,“ fügte er mit ſchlauem Lächeln hinzu,„Sie ſind in der Stadt fremd, Sie werden das Vorurtheil gegen ſich haben. Eine ſo reiche Familie hat viele Freunde,— weshalb wollen Sie ſich alle dieſe Leute zu Feinden machen, da es nicht nöthig iſt? Sie wollen doch das Geld nicht im Kaſten behüten, Sie wollen es genießen, eine Rolle ſpielen, unter den erſten Firmen der Stadt einen Platz einnehmen, und alle dieſe Leute werden Sie mit Kälte und Mißtrauen behandeln, man wird Sie grauſam und unmenſch⸗ lich nennen. Wahren Sie alſo den Schein der Großmuth gegen die Familie Ihres Onkels, ſtatt die Frau und Tochter zu vertreiben aus dem Hauſe, welches er ihnen hinter⸗ laſſen! Nehmen Sie ſeinen Platz darin ein, und da die Mutter zu alt iſt, heirathen Sie die Tochter!“
Der Mäkler hatte ſchweigend zugehört, mit der Hand das Geſicht beſchattend; bei den letzten Worten jedoch rich⸗ tete er ſich auf und ſah den Sprecher fragend an. Dieſer fuhr fort:„Der Gedanke iſt Ihnen neu und doch iſt er ſo einfach. Ellena iſt zweiundzwanzig Jahre alt, Sie ſind
Novellen⸗Zeitung.
im beſten Mannesalter, kräftig und geſund; ſie iſt ſchön, ſehr ſchön, fragen Sie die jungen, reichen Söhne der erſten Kaufleute, es kann Ihnen mancher einen erhaltenen Korb von der ſtolzen Schönen zeigen; beweiſen Sie allen, V daß Sie keinen zu fürchten haben. Sie bekommen di ſchönſte Frau der Stadt, das Vermögen gehört Ihnen, Sie ſind dann ihr großmüthiger Wohlthäter, der die ſtolze Schöne ganz in ſeiner Gewalt hat. Der Schwiegermutter V
gönnen Sie für einige Jahre noch den Schein des theil⸗ weiſen Beſitzes, und die ganze und Liebe.“
Der Mäkler ſaß eine lange Weile im Schweigen ver⸗ ſunken, endlich ſagte er:„Das Mädchen iſt ſchön und
ljung, ich bin keines von beiden; auch bin ich ein einfacher
Mann, ſie würde nie Liebe für mich empfinden.“
Vittori lachte.„Meine Frau war noch ein halbes Kind, als ich ſie heirathete, ich hatte ſie kaum zweimal zu⸗ vor geſehen, die Heirath war auf der Börſe abgemacht, wie ein andres Geſchäft. Glauben Sie, daß die Väten nach der Schönheit die Schwiegerſöhne wählen?
„Und wenn ſie mich abweiſt?“
„Zuerſt müſſen Sie Ellena ſehen,“ entſchied der ſchlaue Vermittler,„dann ſprechen wir mehr darüber. Gehen Sie morgen ins Theater, ich werde dafür ſorgen, daß ſie darin iſt, die Loge iſt zu ebener Erde; Sie werden ſie ganz in der Nähe ſehen können. Wenn Sie mir eine Antwort auf meinen Vorſchlag zu geben haben, treffen Sie mich über⸗ morgen wieder hier.“
Vittori hatte ſeinen Mann richtig erkannt. Ellena war ſtrahlend ſchön im Theater; ſeit langer Zeit hatte ſie das erſte Mal wieder eine reiche Toilette gewählt, ein meer⸗ grünes Moiréekleid mit ganz matt roſa Schleifen und Fluthen koſtbarer Spitzen. Iſidor war bezaubert wie ein Dichter, Sebenzich verliebt, wie ein Mann in ſeinen Jah⸗
ren und ſeines Charakters es ſein kann; er brannte vore⸗ Begierde, das ſchöne Weib zu beſitzen, und ſeine Eitelkeit
war nicht der ſchwächſte Verbündete Vittori's; die ganze Nacht träumte er davon, daß ſie ſeine Frau ſei und er neben ihr in der Loge zu ſitzen das Recht habe, beneidet von der ganzen Stadt.
Vittori ſah beim erſten Blick, daß er jetzt im Vortheil ſei, er wurde nun ſeinerſeits kühl und zurückhaltend. Se⸗ benzich entſchloß ſich endlich mit dem Verlangen heraus⸗ zukommen, daß er ſeine Sache bei der Mutter führen ſallte,
den Papa Mikſch in ſein Stübchen neben der königlichen Loge rufen und machte ihm die freudige Mittheilung, daß er allerhöch⸗ ſten Orts beauftragt worden ſei, für meine fernere Ausbildung Sorge zu tragen. Meine Gage wurde von 100 nun auf 200 Thlr. erhöht, auch ließ mir Herr v. Lüttichau durch Madame Werdy einen ſehr ſchönen dunkelblauen Tuchmantel, mit Pelz ausgefüt⸗ tert, zum Geſchenk beſorgen.“
Zweihundert Thaler Jahresgage und ein blauer Tuchmantel mit Pelz verbrämt! Das war im Jahre 1831. Und zwei Jahre darauf beginnt der„arme verhungerte Judenjunge“ eine Rund⸗ reiſe durch Deutſchland, auf der Triumphe ſich an Triumphe reihen. Wie Wolkenbrüche platzt jetzt der Beifall hernieder; Contracte mit Tauſenden von Gulden, Pretioſen von hohen Herren und Damen, kritiſche Verherrlichungen, poetiſche Ergüſſe, empfindungsloſe Hul⸗ digungen, ſie regnen jetzt in Maſſen auf die b Selten hat eine Künſtlerin ſo ſchnell wie die Schebeſt ihre Lauf⸗ bahn gemacht. Ihr erſter Ausflug von Dresden nach Peſth ſchon machte auf ihr enormes Talent aufmerkſam, und kurze Zeit darauf
dem Zenith ihres Ruhmes, ſo daß ſie allgemein für
ſtand ſie auf 1 die Rivalin der Schröder⸗Devrient galt. Nachdem dieſe kurz vor⸗
her in Breslau gaſtirt hatte, trat die 10 Jahre jüngere Schebeſt
1838 eben dort auf, und„ein Gelehrter, ein alter Herr“ urtheilte
dort in öffentlichen Blättern über ſie, daß ihr Romeo doch endlich
„einmal ein glühender, liebekühner, hochherziger Fürſtenjüngling, kein welſcher Dandy⸗Romeo ſei“ u. ſ. w. 3
Freilich waren dieſe Erfolge nicht ohne ſehr ernſte Studien zu erreichen. Der Stand des gefeierten Künſtlers gilt im Allge⸗ meinen als ein ſo glücklicher, ſo beneidenswerther, ſo mühe⸗ und ſorgenloſer, und doch— denkt der Zuſchauer ſo gar nicht an die
Beglückte herab.
Vorbereitungen, deren er bedarf, um die wenigen Stunden in ſei⸗ nem Glanze dazuſtehen? Der rein geiſtigen Thätigkeit, der künſt⸗ leriſchen genialen Schöpfungskraft dabei gar nicht zu denken, mußt Du nicht erſchrecken, geehrter Leſer, über das muſikaliſche oder
rhetoriſche Material allein, deſſen der Sänger und der Schau⸗ ſpieler durch das Gedächtniß ſich bemächtigen müſſen? Und Du,
freundliche Abonnentin, die Du gewiß bei jeder Balltoilette, die Du zu vollenden haſt, zuletzt Dich übereilen und überhaſſen mußt und die Du, trotz tagelanger Vorbereitungen, ſicher am Ende doch eine Nadel, eine Schleife, eine Blume 58 ein Löckchen vergeſſen haſt, bedenkſt Du, daß die Künſtlerin, die Du um ihr glänzendes Loos in dieſer oder jener Hinſicht vielleicht beneideſt, Abend für Abend ſolche Toilette, und zwar mit künſtleriſchen Mitreln und Effecten, die Dir zum großen Theil hoffentlich unbekannt ſind, nicht Ein Mal, nein oft binnen drittehalb Stunden fünf Mal an ſich zu Stande bringen muß? Und das geringſte Vergeſſen da⸗ bei kann den Erfolg des Abends zerſtören. Neben den Noten aber und neben der Toilette, an was iſt da Alles noch zu denken, an welche Nuancen jedes Wortes und jeder Stellung, an welche Oeko⸗ nomie des Athems und der Bewegungen, an welche Berechnung der Blicke für die Mitſpielenden und für die Zuhörenden,— und der Zuhörenden, die Blicke verlangen, ſind ihrer nicht oft ſo viele? — Nur wer das ſelbſt erlebt hat, der weiß es, und wer es weiß, er darf es nicht immer beſchreiben!
Von wirklich kunſtwiſſenſchaftlichem Intereſſe an dem Buche der Schebeſt*) ſind die Schilderungen, wie ſie ihre großen Rollen
*) Aus dem Leben einer Künſtlerin. Von Anneſe Schebeſt. Stutt⸗ gart, Ebner& Seubert, 1857.
Sache endet in Freundſchaft
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