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- Jahrg.
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Namen werden, unter deinen Emporkömmlingen, die vor
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Dritte folge.
Novellen-Zeitung.
Soll und Haben im Süden.
Geheimniſſe aus dem Deben einer Handelsſtadt. . Es war das ſchönſte Glück die Jugend 1 1 Und meiner Jugend Glück warſt Du. Große Stadt mit deinem Meere weißer Häuſer, ge⸗ ſchmackſos wie rieſige Zuckerkiſten, mit deinen breiten, vom Winde gepeitſchten, von der Sonne durchglühten Straßen, — da liegſt du auf dem ſchmalen Striche Landes, hinter dir eine zweite chineſiſche Mauer, die kahlen Berge, die dich von deutſcher Sitte und deutſcher Bildung trennen; vor dir das weite Meer, das dir die Exiſtenz ſichert, die Schiffe aller Zonen dir zuführend:— was wird mir in deinen
wenig Jahren dich mit einigen Kreuzern in der Taſche be⸗ traten und ſich heute auf den ſeidenen Kiſſen der eleganten Equipage dehnen, hochmüthig herabſehend auf den kleinen ſchmuzigen Speculanten, der heute noch um den Gulden feilſcht und im künftigen Jahre vielleicht in noch eleganterem Wagen noch aufgeblaſener dahinrollen wird!
Dieſe Gedanken ungefähr waren es, mit denen ein junger blonder Mann von der letzten Höhe herab die große Hafenſtadt begrüßte, die unter ihm lag, während der Poſt⸗ wagen einen Augenblick raſtete, einige Briefe zurückzulaſſen oder einzunehmen. Des Reiſenden klare Augen ſtreiften weiter hinaus über das blaue Meer, das die Morgenſonne mit blitzenden Funken beſtreute; ein Wald ſchlanker Maſten ragte in die klare Luft und kleine Küſtenfahrer mit aufge⸗ ſpannten weitleuchtenden Segeln durchſchnitten die klare Fluth wie zierliche Möwen.
„Thalatta— Thalatta,“ ſagte er leiſe mit Heinrich Heine,„ſei mir gegrüßt, du ewiges Meer, ſei mir gegrüßt viel tauſend Mal!— Wir werden Freunde ſein,— und ſollte ich auch dann keinen andern finden!“—
Als bei der nächſten Windung des Weges das Bild verſchwand und die Straße durch öde Steinmaſſen ſich raſch ſenkte, lehnte ſich der junge Mann mit geſchloſſenen V Augen in die Wagenecke und ließ die Bilder der letzten, für ihn ſo ereignißreichen Tage an ſich vorübergleiteen.
Er war der jüngſte Sohn eines königlichen Finanz⸗ raths, der mit Mühe und Noth ſeine Familie halb ver⸗ ſorgt hatte, wie eben ſolch eine Bureaukraten⸗Familie ver⸗ ſorgt zu werden pflegt. Der älteſte Sohn war Arzt mit
kleinen Anfängen einer künftigen großen Praxis, der zweite
— Officier, ein ganzer Capalier, der dem Vater viel Geld gekoſtet hatte; zwei Schweſtern waren leidlich glücklich an junge Beamte verheirathet, die älteſte, über die erſte Ju⸗
gend bereits hinaus, führte das Hausweſen des Vaters, die Stelle der frühverſtorbenen Mutter ausfüllend. Iſidor, der jüngſte Sohn, war zum Kaufmann beſtimmt und hatte
jetzt das erſte Mal das väterliche Haus verlaſſen, um ſich hier in der Seehandelsſtadt im größeren Stile auszubilden,
als es auf den Comptoirs der Binnenhandelsſtädte möglich war, wo der Handel neben dem großſtädtiſchen und gelehr⸗ ten Treiben der Reſidenz nur eine untergeordnete Rolle hatte.
Wenn ſchon ein flüchtiger Blick in Iſidor den Sohn eines guten Hauſes zeigte, ſo ließ eine nähere Betrachtung den Günſtling der gütigen Natur erkennen, der, ohne mit einer Krone über der Wiege geboren zu ſein, den echten Adel der äußeren Erſcheinung entfaltete, verbunden mit jener leichten angenehmen Sicherheit des Benehmens, die nur denen eigen iſt, die ſich von Jugend auf ſtets im Kreiſe gebildeter Menſchen bewegten. Iſidor Wildman hatte ſo eben ſein Jahr als Freiwilliger bei den Jägern abgedient, ein Verhältniß, welches ihm dadurch angenehm geworden war, daß ſein Bruder als Officier in demſelben Regimente ſtand. Trotz der Uniform des gemeinen Soldaten ſtanden ihm ſo die beſten Häuſer des Beamtenſtandes offen, durch den Bruder war er in die Kreiſe der Gelehrten⸗ und Künſt⸗ lerwelt eingeführt, und ſo hatte gerade dieſes letzte Jahr, in dem er frei war vom Comptoirdienſte, ihm nicht nur äußerlich einen gewiſſen freien chevaleresken Anſtrich ge⸗ geben, ſondern im Verein mit ſeiner vortheilhaften Per⸗ ſönlichkeit ein gewiſſes Selbſtgefühl in ihm entwickelt, das freilich nicht ſehr verſchieden war von dem chevaleresken Hochmuthe, den er zuweilen als veraltet an adligen Lieutenants belächelt hatte. So ging er nicht ganz unbe⸗ fangen den neuen Verhältniſſen entgegen, ſein ariſtokrati⸗ ſcher Sinn ſträubte ſich bei dem Gedanken, einen Principal zu haben, der, obgleich jetzt Millionair, vor Jahren noch um Tagelohn gearbeitet hatte und deſſen von grober Ar⸗ beit ſteife Finger kaum ſeinen eigenen Namen zu ſchreiben im Stande waren. Halb ſcherzend, halb ſpöttiſch hatte er ein kleines Flacon Eau de Cologne von der Toilette der Schweſter mitgenommen, weil er meinte, es in den Salons der Seeſtadt gebrauchen zu können, wo Alles noch nach
neuer Politur riechen werde, abgerechnet die Droguenge⸗
rüche, die in ſeinen eigenen Kleidern ſo oft den Tadel der Schweſtern erfahren hatten. Und als er Abſchied nahm von der blonden Blanche, ſeiner Herzdame, der lieblichen Tochter eines barſchen penſionirten Obriſten, da hatte er ſie um ein Andenken gebeten an ihre feine, etwas ſenti⸗ mentale Lieblichkeit, weil er doch nun in Jahren keine ele⸗ gante Dame mehr ſehen würde, und Blanche hatte ihm einen
Uihrer ſchmalen Handſchuhe von der kleinen Hand geſtreift,


