Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
829
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Nr. 52.] Dritte

Some days must be dark and dreary. Longfellow.

Some must be dark and dreary. Wahr, doch alle? Von allen, die mir auf mein Loos gefallen.

Nicht Einer leicht und licht mein Herr und Gott, Was that ich Dir, daß Du mich alſo ſtrafſt?

Sie lehren uns: Du miſſeſt nach der Kraft

Die Laſt bin ich denn der Giganten einer,

Daß Bergeslaſten Du mir auferlegſt

Von unbeweglich ſtarr und kaltem Leid,

So kalt wie das Geſtein zu einem Grabmal!

Daß niemals Du auf eine Stunde nur

Die Bruſt mir zu erleichtern mir geſtatteſt?

Daß ich hinſchreiten muß und tragen, tragen

Den ganzen Tag, und wenn die Nacht gekommen, Wo Jeder auszieht ſich ſein Kleid und ruht

In ſeiner Glieder Freiheit, daß ich dann

Mich niederlegen muß mit meiner Laſt

Und noch im Schlafe fühlen wie ſie drückt?

.

O ich bin jung und feurig laß mich leben! Laß ſtarken Schritts mich das Gebirg erſteigen, Wo Gold und Purpurglanz am Morgen iſt, Am Tage freie Luft und Adlerflug,

Am Abend noch zuletzt das ſchöne Licht,

Und in der Nacht o, welch ein Sterngeflamm! Laß mich hinauf, und bin ich oben, laſſe

Mich jauchzen, daß es halle durch die Welt Hinunter, in die Himmel hoch empor,

Laß jauchzen mich des Lebens mächt'ges Lied, Wie es die Ströme ſingen, wie die Dichter

Es in der Kindheit von den Strömen lernen, Wie es die Herzen von den Dichtern lernen, Und dann es beſſer ſingen als die Dichter Das Lied des Lebens, welches wirklich lebt, Das Lied der Liebe, welche wirklich liebt,

Das Lied des Glückes, das kein Leiden iſt,

Das ſchöne, ſüße Hohelied der Jugend!

O ich bin alt und traurig laß mich ſterben. Und ich bin müde, müde müde meiner, Und müde Deiner nimm mein Daſein hin. Ich will nicht die Unſterblichkeit. Was iſt ſie, Als ew'ge Wiederholung? Was ich bin,

folge. 829 Soll ich auf immer ſein? Ich will es nicht

Ich will vergehn, mein Gott. O, aufzuhören!

Dieſer Wunſch der höchſten Ermüdung und der heftig⸗ ſten Ungeduld zugleich iſt ihm, aus deſſen innerem Leben ich einige Schatten und Lichter gab, wenigſtens im irdiſchen Sinne erfüllt worden. Er hat aufhören dürfen, das Leben zu tragen wie eine Laſt. Er hat aufgehört zu lieben, zu leiden und ſich zu langweilen. Sein Name ſtarb mit ihm, ſeine Güter gingen durch Fideicommiß in eine entfernt verwandte Familie über. Von ſeiner Einrichtung, ſeinen Büchern wurde eine Auction abgehalten. Der Einſiedler des Canali hataufgehört.

Möge ihm von einer oder der andern der Frauen, welche V dieſe Skizze leſen, eine wenn auch leider nur nachträgliche

Theilnahme werden.

V Eine hiſtoriſche Erinnerung.

Der Held dieſer kleinen Geſchichte war ein berühmter Mann; er war aber auch ein guter Mann; dieſe beiden Eigenſchaften werden ſelten bei einem und demſelben Men⸗ ſchen angetroffen; aber er beſaß noch viele andere. Vor Allem war er ein vortrefflicher Familienvater.

Seit funfzehn Monaten ungefähr genoß der große

Mann die Freuden der Vaterſchaft, ſeit ſechs Monaten be⸗

durfte der Sohn des großen Mannes die Bruſt nicht mehr, und Katharina, die Säugamme, eine junge, friſche Bäuerin, bat um die Erlaubniß, in ihr Dorf wieder zurückkehren zu dürfen, da der Kleine ihrer nicht mehr bedürfe und er

ſchon, wie ſie ſich ausdrückte, die Suppe wie ein Großer eeſſe. Der große Mann wünſchte nicht, daß die Amme fort⸗

gehe; denn der gute Mann hatte ſeine Vorurtheile. Der

Miscellen. Zwerge.

Im 16. Jahrhundert herrſchte in vielen Ländern, beſonders aber in Italien, die Mode, Zwerge zu halten; man ſah dergleichen kleine Geſchöpfe beinahe in allen Paläſten, wo ſie Pagendienſte verrichteten. In Rom gab im Jahre 1566 der Cardinal Vitelli ein Feſt, bei dem die Gäſte nur durch Zwerge, 34 an der Zahl, be⸗ dient wurden. Alle waren zwar ſehr klein, beinahe ſämmtlich aber mißgeſtaltet oder verwachſen, ſo daß ſie einen ſehr widerlichen An⸗ blick gewährten. Auch in Frankreich war der Geſchmack an Zwergen unter Franz I. und Heinrich II. ſehr allgemein verbreitet; dann verſchwand er allmählich, wurde aber durch Maria von Me⸗ dicis wieder in Mode gebracht. Der letzte Hofzwerg war der des Königs Stanislaus von Polen, dann Herzog von Lothringen. Er war nicht größer wie 2 Fuß, als er im Jahre 1764, zwanzig Jahre alt, ſtarb. 95 a

Holländiſche freundſchaſt.

Ein reicher Kaufmann aus Amſterdam, d Geſchäften zurückgezogen hatte, lebte in Toulon, welche Stadt er beinen Aufturhalis erwählte, und Zurückgezogenheit das Leben auf ſeine Weiſe angenehm zu machen. Er beſuchte des Morgens regelmäßig ein Kaffechaus Bun uu in aller Gemüthsruhe eine Pfeife Tabak rauchte und eine Taſſe Thee ttrank. Um ganz ungeſtört zu ſein, ſaß er einen Tag um den an⸗ dern in einem Erker nach einer Sackgaſſe hinaus. Eines ſchönen

Morgens trat ein gleichfalls nicht ganz junger Mann ein, ſab ſich

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er ſich ganz aus den. 1 dt. u kommt ein Schriftſteller, der Betrachtungen über den Selbſtmord ſuchte ſichdort in behaglicher

einen Augenblick im Saale um, bewegte ſich dann gemeſſenen Schrittes nach dem Erker, grüßte den Theetrinker mit einem faſt unmerklichen Kopfnicken und ließ ſich ihm gegenüber im Erker nie⸗ der. Es war ein Landsmann des frühern Gaſtes. Der Kellner brachte auch ihm Thee und Pfeife. Keiner von beiden Männern ſprach ein Wort. Als der Thee getrunken und die Pfeifen geraucht

waren, gingen beide fort und enifernten ſich vor der Sackgaſſe nach

verſchiedenen Seiten. Am andern Morgen genau daſſelbe Ver⸗ halten. So ging es beinahe ſechs volle Jahre hinter einander fort, ohne daß die Leute auch nur ein Wort mit einander gewechſelt hätten. Plötzlich blieb eines Morgens der zuletzt in Toulon ein⸗ getroffene Myn-Heer aus. Der frühere Gaſt ſah dies eine Woche lang mit an, dann aber richtete er an den Kellner die bedächtige Frage:Wo iſt der?Er iſt geſtorben und begraben, lautete die Antwort.Das thut mir leid, ſagte der Holländer,es war mein beſter Freund.

Von dem Selbſtmorde.

Nicht mit Unrecht klagt man über die in unſerer Zeit auf eine entſetzliche Weiſe zunehmende Zahl der Selbſtmorde. Dabei

anſtellt, auf die Bemerkung, daß im Alterthum der Selbſtmord oft als eine erhabene Tugend erſchien, und daß er zuweilen ſogar förmlich in der Mode war. Plato ſprach Worte der Rührung über die Seele, welche durch den Selbſtmord der vollen Ewigkeit theilhaftig wird, und der freiwillige Tod wurde von Meiſtern und Schülern der drei Akademien geſucht. Chryſippus, Arkeſilaos und Karneades tödteten ſich; Cato, der Stoiker, ließ ſich Plato's Phädon

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