Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
822
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angelernten Sprache von mir ſelbſt ſchreiben, das konnte ich nie dazu bedurfte ich der erſten, einzigen, der Mut⸗ terſprache.

Wenn Sie dieſe Zeilen leſen, werde ich mein Geſchick erfüllt haben. Es wäre zu vermeiden geweſen und iſt ein völlig unnützes, aber auch ich bin unnütz, und darum, je ſchneller das Leben mit mir fertig iſt, je beſſer.

Gedenken Sie freundlich Eines, der einſam geſtorben ſein wird.

Aus den Papieren dieſes unbekannt Geſtorbenen nun theile ich Einiges mit. Nur ſehr wenig von den Tage⸗ blättern nur drei oder vier Proben, von den Gedichten vielleicht zwanzig. Dieſe klingen nicht ganz glatt ich ſuchte mich ſo dicht wie möglich an das Original zu halten es handelte ſich ja hier nicht um Verspolitur, ſondern um das Wiedergeben einer Seele. Wenn ich nirgends ein Datum ſetzte, ſo war es, weil Datum und überhaupt jede genauere Bezeichnung überhaupt fehlt. Die Gedichte nur ſind meiſtens mit Namen überſchrieben, und zwar ſtehen die Namen außer einem, Mathilde, alle in den dal⸗ matiſchen Abkürzungen. Dieſe geringe Andeutung hat mich in den Stand geſetzt, die Gedichte einigermaßen zu

rdnen. Die paar Tageblätter folgen auf einander wie 8 gerade lagen.

Von Graf Serdan. Tageblätter.

Ich denke manchmal daran wenn ich Santa ge⸗ heirathet hätte, wenn ich mit ihr ein Leben geführt hätte, wie meine Eltern es geführt haben, der Vater draußen, die Mutter drinnen, er eintönige Vergnügungen genießend, ſie ſich ſtill mit Verpflichtungen beſcheidend; ſie innerlich furcht⸗ ſam zärtlich und äußerlich zurückgehalten, er äußerlich voll ſchicklicher Freundlichkeit und innerlich voll von vollkomme⸗

Novellen⸗Zeitung.

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[II. Jahrg. ner Selbſtſucht; beide Verbundene und doch nicht Ver⸗ einigte, nicht ſehr glücklich, aber auch nicht ſehr unglücklich, überhaupt nicht unglücklich, weil das ein ſchmerzlich be⸗ ſtimmter Zuſtand iſt und alle Zuſtände dieſer Ehe bequem unbeſtimmt waren wenn ich mir ſo eine vom Herkom⸗ men überlieferte raguſäer Ehe denke und mich mit Santa in ſie hinein arme Santa, ſie lebt in einer ſolchen, und ich ich glaube doch, Santa und ich, wir hätten einan⸗ der lieber gehabt als meine Eltern, und wir wären glück⸗ lich mit einander geworden, aber die Treue!

Wenn ich ein Haus bauen ſehe, frag' ich: wozu? Warum ſo viel Lärm mit allerlei Eiſen auf allerlei Holz und Stein? warum ſo viel Schweiß? warum ſtehen die Arbeiter mit der Sonne unluſtig und unausgeſchlafen auf und hämmern und ſägen und pochen den lieben langen Tag hindurch, bis ſie endlich Abends verbrannt oder erfroren ſich verdrießlich niederlegen können? Wozu das Alles? Um für ſo und ſo viel Menſchen ein neues Gefängniß auf⸗ zuführen. Was wird in dieſem Hauſe Alles geſchehen? Wird darinnen geflucht oder gebetet werden? Geweint gewiß, verzagt gewiß, wenn auch nur von einer Mutter bei der Wiege eines Kindes. Und dieſes Kind ſteckt vielleicht dieſes Haus an, verführt vielleicht ſeine Schweſter, ermordet vielleicht ſeinen Vater. Oder doch wenigſtens ſeinen Onkel. Warum nicht den Onkel? Caboga that's en plein sénat. Und dann ſtürzte ſein Kerker ein, als Raguſa zuſammenbrach. Für Raguſa Vernichtung, für ihn Freiheit. Wie kam ich auf ihn? A propos des Hauſes, welches gebaut wird. Was unſere Gedanken vagabon⸗ diren! Wer ſie zu concentriren verſteht, ſchafft. Ich möchte ſchaffen können. Und doch wozu auch das? Unſer Schaffen Ironie! Unſer ganzes Leben iſt ein Epi gramm Gottes, leider ohne Pointe.

Wilſon's erſchießen? Wenn ihm dieſer Mann in Erinnerung kommt, wird er ſein Gewehr ſinken laſſen.

Ich ſehe im Uebrigen auch nicht ein, warum man dieſe Mörderei von Vögeln bis ins Unendliche fortſetzen will, wenigſtens könnte man ſie in Bezug auf die Gattungen unterlaſſen, welche wir in unſeren Muſeen beſitzen und in den gemalten Muſeen Wilſon's und Audubon's, ſeines bewunderungswürdigen Schülers, deſſen herrliches Buch ſowohl die Familie wie das Ei, das Neſt, den Wald, ſelbſt die Landſchaft darſtellt und ein Wettſtreit mit der Natur iſt.

Die großen Beobachter haben etwas, das ſie von allen andern unterſcheidet. Ihr Gefühl iſt ſo fein, ſo genau, daß keine Allge⸗ meinheit ihnen genügen kann; ſie beobachten die einzelnen In⸗ dividuen. Gott kümmert ſich gewiß nicht um unſere Claſſificationen: er ſchafft dies oder jenes Weſen und läßt ſich dabei nicht auf die imaginären Linien ein, durch welche wir die Geſchlechter und Gattungen trennen. Ebenſo kennt Wilſon die Vögel nicht im Allgemeinen, ſondern nur das Individuum, in ſolchem Alter, mit ſolchen Federn, unter ſolchen Verhältniſſen. Er kennt es, hat es geſehen, wieder geſehen und er wird uns ſagen, was es macht, was es frißt, wie es ſich geberdet, uns dies oder jenes Abenteuer, jene Anekdote aus ſeinem Leben erzählen.Ich habe einen Grün⸗

ſpecht gekannt, ſah oft einen Baltimore. Wenn er ſo ſpricht,

können wir uns ihm ganz anvertrauen, er war mit dem Vogel in fortgeſetzter Beziehung, ſtand in freundſchaftlichem, verwandtſchaft⸗ lichen Verhältniſſe zu ihm. Wollte der Himmel, wir kennten den Menſchen, mit dem wir zu thun haben, ſo genau, als er den Vogel Qua oder den Reiber der Carolinen!

Es läßt ſich denken und leicht errathen, daß dieſer Vogel⸗

menſch, als er zurückkehrte, Niemand fand, der ihn hören wollte. Seine ganz neue Originalität, die unerhörte Genauigkeit, ſeine einzig daſtehende Fähigkeit zu individualiſiren(das einzige Mittel, das lebende Weſen nachzuſchaffen) war gerade ſeinem Er⸗ folge hinderlich. Weder die Buchhändler noch das Publicum wollten was anderes als die edlen, vornehmen und unbeſtimmten Allgemeinheiten, getreu der Vorſchrift des Grafen Büffon:Ge⸗ neraliſiren heißt veredeln, man nehme daher ſtets den allgemeinen Begriff. 4 V 1 Es bedurfte der Zeit und nach dem Tode dieſes reichen Geiſtes der Nachfolge eines ähnlichen Genie's, des pünktlichen, ausdauern⸗ den Audubon, deſſen koloſſales Werk das Staunen und Intereſſe des Publicums erregt und bewieſen hat, daß die wahre und leben⸗ dige Darſtellung der Individualität edler und großartiger iſt, als die gezwungenen Werke der Kunſt des Generaliſirens. 1 Die Seelengüte des braven Wilſon, die ſo jämmerlich ver⸗ kannt wurde, kommt in der Vorrede ſeines Werkes ſo recht zum Vorſchein. Mancher ſindet ſie vielleicht kindiſch, aber kein un⸗ ſchuldiges Gemüth wird ſich der Rührung dabei entſchlagen können. Auf Beſuch bei einem Freunde, traf ich daſelbſt deſſen acht⸗ oder neunjährigen Sohn, der in der Stadt erzogen wurde, aber jetzt auf dem Lande war und eben bei einem Spaziergang auf den Feldern einen ſchönen Strauß von Feldblumen aller Art gepflückt hatte. Mit hoher Freude bot er ihn ſeiner Mutter an und ſagte: Sieh nur, liebe Mntter, was für ſchöne Blumen ich gepflückt. O, ich kann noch mehr pflücken, die draußen im Wald ſtehen, und noch viel ſchönere! Nicht wahr, Mama, ich ſoll Dir noch mehr bringen? Sie nahm zärtlich lächelnd den Strauß, bewunderte ſchweigend dieſe einfache rührende Schönheit der Felder und ſagte

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