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es doch morgen noch regnen wollte!“ Das freute wie⸗
der uns. Es regnete am nächſten Tage, o, es regnete! Hübſch
gleichmäßig dicht gerade herunter. Graf Serdan begrüßte
uns mit dem freudigſten Geſicht und ſagte, indem er hin⸗ Sitten und Gewohnheiten der Canaleſen gethan. Graf
Serdan war immer ausgewichen. Heute mußte er daran, ntwortete er.„Wenn es mir V Otto nagelte ihn, wie einen Käfer auf ein Pappblatt, an
auszeigte, ganz triumphirend:„Sehen Sie wohl?“
„Glücklich feſtgeregnet,“ ſagte ich lachend.
„Wirklich glücklich,“ an nicht um Ihretwillen wäre, ich wünſchte,, es regnete acht Tage ſo fort.“
„Gott behüte!“ rief ich erſchrocken.„Da wäre Canali unter Waſſer, und wie ſollten wir da überhaupt zurück⸗ kommen? Zwei Mal haben wir nun ſchon feſtgeſeſſen, in Citta vecchia und in Cattaro, aber hier ganz ſitzen bleiben, ſo comfortable es auch iſt in Ihrem Salon und hauptſäch⸗ lich in Ihrer Bibliothek,— dio buono!“
„Beruhigen Sie ſich, Signora,“ ſagte er freundlich, aber melancholiſch,„morgen iſt gutes Wetter.“
„Wenn Sie Geſellſchaft ſo gern haben, warum—“ „Warum ſitz' ich hier? Ja, Sie haben ſehr Recht, warum ſitz' ich hier? Da iſt die Chocolade.“
Es war Alles vortrefflich bei ihm und ſein Hausweſen
ein wirklich geregeltes. Als ich ihn fragte, wie er es in
Dalmatien dazu gebracht, antwortete er mir ernſthaft:
„Ja, ich glaube, ich wäre ein unvergleichlicher Regent ge⸗ worden, denn ich habe ein Haus in Dalmatien und noch dazu in Canali zu einem ordentlichen gemacht. Haben Sie nicht bemerkt,“ fuhr er mit humoriſtiſchem Stolz fort,
„daß bei mir immer alle Thüren zugemacht werden?“ „Bemerkt und bewundert.“
„Oh, es war aber auch eine Arbeit! Die zwölf des
Hercules ſind Nichts dagegen.“
„Aber wie haben Sie es nur angefangen?“
„Genie, Baronin,“ ſagte er auf franzöſiſch, mit einer
unübertrefflich geſpielten Suffiſance.
Novellen⸗Zeitung.
nicht,— dadurch beweiſt es ſich eben als Genie.“
„Genie, ſei's, aber das Genie weiß auch, wie es etwas
gemacht hat.“
„Nein, Madame, ich bitte um Verzeihung, es weiß es
Otto hatte ſchon am vorigen Tage Fragen nach den
den Schreibtiſch in der Bibliothek feſt. Er executirte ſich mit dem drolligſten Widerwillen.„Muß ich mich auch heute, an dem zweiten Tage, wo ich ſeit drei Jahren Men⸗ ſchen ſehe, mit den Beſtien beſchäftigen, mit denen ich mich V Tag für Tag zu quälen habe? Und oft auch noch in der Nacht,“ ſetzte er nach einer Pauſe hinzu, als hätte er das noch vergeſſen. Otto ſaß und ſah unerbittlich fragewüthend V aus. Graf Serdan ſeufzte und antwortete.
„Und iſt es wahr,“ forſchte auch ich,„daß die Cana⸗ leſen ihre Frauen aus Eiferſucht ermorden?“
„Ja, das iſt wahr. Und was iſt's weiter?“ fragte er und ſah mich herausfordernd an.
„O nichts, als daß die Frauen—“
„Dann todt ſind? Warum nicht? Was iſt beſſer: eine Frau ihr Leben lang durch Eiferſucht quälen, oder ſie gleich kurz und gut tödten?“
„Ich überlaſſe die Entſcheidung den Canaleſinnen,“ antwortete ich trocken.
„O, die wären für das Leben, natürlich,“ ſagte er ge⸗ ringſchätzig.
Otto meinte, es könnten vielleicht auch noch andere Frauen dieſen Geſchmack haben.
„Sie auch, Baronin?“ 5
„Lieber Gott,“ ſagte ich entſchuldigend,„es iſt gerade nicht angenehm, mit einem ſolchen großen Meſſer geſchlach⸗
tet zu werden, und wenn auch der Griff zehn Mal von maſ⸗ ſivem Silber iſt.“
Nur eine ſolche Seele kann
So tief zum Seelenſchachte dringen, Vom treuen Weib, vom freien Mann So lautres Gold zu Tage bringen.
Und jede Seele, die erſtrebt
Gleich ihr das menſchlich Wahre, Reine, Fühlt ſich geſtärkt und neubelebt— Sie trank von echtem Dichterweine.
So— der Sänger.
hinzu: Nur eine ſolche Seele und— ein ſo ſcharfer Verſtand konnten ein ſolches Stük ſchreiben, ja, wir möchten ſogar die Ar⸗ beit des Verſtandes daran als die vorzüglichere, jedenfalls als die verdienſtvollere begrüßen. Es iſt eine edle, echt humane Geſinnung r einen Seele“ zur Darſtellung gekommen; die Kunſt dieſer Darſtellung aber iſt es, was der Dichter vor vielen Anderen voraus hat, die an Geſinnung nicht ärmer ſind. Dieſe Technik iſt
hier um ſo mehr anzuerkennen, als ſie ſich an einem ſehr ſpröden, n Stoffe zu be⸗ in Petersburg, wie er leibt und le
logiſchen Pro⸗ corridor ausrufen hören, und:„Und wi
in dieſer„nu
der poetiſchen Behandlung nicht entgegenkommende währen hatte. Nicht die Innerlichkeit eines pſycho
V ceſſes, nicht die Dialektik hochtragiſcher Leidenſchaft iſt der Gegen⸗ ſſtand dieſes Drama's; es handelte ſich hier darum, uns fernliegende 1 3 ethnographiſche Thatſachen zur Anſchauung zu bringen und Con⸗ war der biederbe Patriarch, der ſeinem Bauerjungen, den
flicten mit
greiflich und jedenfalls antipathiſch ſind, ein poetiſches Intereſſe
abzugewinnen.
Das Glück, welches das Stück auf den meiſten deutſch Bühnen gefunden hat, zeigt, daß der Dichter dieſe Aufgabe erfü
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Wir vom kritiſchen Standpunkt ſetzen Wirkung vereinigt
der brutalen Gewalt, wie ſie unſrer Bildung kaum be⸗
en Ult elegante alte Herr na
hat. Der Erfolg in Dresden war vorzüglich der Darſtellung des Fürſten Michel durch Dawiſon zu verdanken. Wer das Stück eſt, denkt ſich unter dieſer Rolle nicht viel Andres, als einen ſchnauzbärtigen polternden Alten,— wie wir hören, iſt die Figur auch meiſt auf den Theatern ſo aufgefaßt und in der altruſſiſchen Kutka geſpielt worden. Unſer Regiſſeur Pauli in Leipzig, der das Stück zuerſt in Scene ſetzte, ga ſie dagegen im modernen Frack und arbeitete ſie mehr in chevaleresker Weiſe aus. Dieſe Seite ergriff Dawiſon und brachte eine Geſtalt zur Anſchauung, in der Lebenswahrheit und Liebenswürdigkeit zur überraſchendſten waren. Wenngleich Referent nicht Gelegenheit gehabt hat, die ruſſiſchen Fürſten auf ihren Gütern kennen zu lernen, ſo darf er dennoch von Lebenswahrheit hier ſprechen, eben ſo gut als man an einem Portrait von Van Dyk oder Rubens die Treue nach der Natur erkennt, ohne das ſeit Jahrhunderten ver⸗ moderte Original zu kennen. Daß Dawiſon’s Michel aber auch in anderem Sinne lebenswahr i*ſt, vermochte man gerade in Dres⸗ den zu erfahren, wo ſo viele in Rußland bekannte Perſönlichkeiten V heimiſch ſind.„Das iſt ja mein alter Patient, der Fürſt Soundſo btſ konnte man im Theater⸗ eer ſich ſo vornehm be⸗ iſt doch, als ſähe ich meinen Guts⸗ vor mir!“— Dieſer Fürſt Michel er die Flöte lernen ließ und in einen ſchwarzen Frack kleidete, freund⸗ ſchaftlich hinter die Ohren ſchlägt, wie man es wohl mit ſeinem Hunde thut, wenn man ihn als einen ſehr braven Hund behandeln und auszeichnen will. Dieſer Fürſt Michel war aber aus der ch der neueſten Pariſer Mode, der lüſterne
quem auf das Sopha ſetzt, es nachbar, den Grafen von X.


