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1 in Barfüßle.
Nr. 51.] Dritte folge. 805
Als wir nach Tiſche in den Salon zurückkehrten, fan den wir die Thüren zur Bibliothek offen. Ich trat in dieſe ein und rief freudig überraſcht:„Ah, ein Flügel!“
„Ein gutes Inſtrument,“ ſagte der Graf und ſetzte ſich hin, um mir es flüchtig vorzuſpielen. In Dalmatien gehört ein correctes Spiel unter die größten Seltenheiten. Der muſikaliſche Takt erfordert mehr Diseiplin, als die Dalmatier ſich auferlegen mögen oder können. Eben ſo ſingen ſie auch mit einer großen Geringſchätzung gegen Maß und Zeit. Graf Serdan ſpielte mit vollendeter Schule. Er hatte in Paris ſtudirt. Ich fragte, ob er auch ſinge.„Ja,“ antwortete er,„aber nicht jetzt. Sie
müſſen müde ſein nehmen Sie mein Zimmer jetzt ſchon in Beſitz und ruhen Sie einige Stunden. Ich bleibe mit dem Baron hier in der Bibliothek will er auch ſchlafen,
werd' ich ihn nicht ſtören.“
Er führte mich in ſein Schlafzimmer, welches auf der andern Seite des Salons lag. Es war bequem, voll von prächtigen Waffen, mit einer möglichſt maleriſchen Aus⸗ ſicht in das Thal. Ich that einen Blick hinaus, ich muß bekennen, einen ſchläfrigen. Dann ließ ich die Vorhänge niederfallen und legte mich auf einen Divan, der aus mehr
Der Speiſeſaal war ſo völlig dalmatiſch ſchlicht, um nicht zu ſagen entblößt, daß es mich auf den eleganten Salon ganz verblüffte.
„O, wenn Sie erwartet haben, mein ganzes Haus europäiſch zu finden, haben Sie ſich ſehr getäuſcht,“ ſagte heiter unſer Wirth, dem mein unwillkührliches Herum ſchauen nicht entgangen war.„Drei Zimmer ſind es, der Salon, die Bibliothek und meine Schlafſtube, aber was den Reſt betrifft Sie ſehen's,“ endete er lachend und legte mir Suppe vor.
„Aber Ihr Koch iſt europäiſch,“ ſprach ich, nachdem ein Theil des Diners vorüber war.
„Nur eine Köchin,“ verſetzte er.„Dieſe treue Perſon bleibt— aus Liebe zu ihrem Lohne, mein franzöſiſcher Kammerdiener hat mir Adieu und mein Groom g000-bye geſagt Beide erklärten, ſie könnten's unter den Bar⸗ baren nicht mehr aushalten.“
„Und Sie?“
„O ich— ich bin hier geboren und will darum auch ſterben.“
Ich ſah ihn an und lachte.
„In ſechzig Jahren,“ erläuterte er.„Wir aus den alten Raguſäer⸗Geſchlechtern werden achtzig und neunzig Jahre alt, wie Sie wohl in Raguſa ſchon bemerkt haben werden.“
„Ja, Sie ſind aus haltbarem Stoff,“ ſagte ich.
hier
beſtand, als aus einem Sack voll Maisſtroh und einer Matratze. Ich ſchlief mehrere Stunden. Otto that das⸗ ſelbe in der Bibliothek, unſer Wirth wachte im Salon zwiſchen uns Beiden. Er hat mir ſpäter geſagt, daß dieſe Situation ihn zu ſehr philoſophiſchen Reflexionen geſtimmt
„Wie Gobelintapete und zäh wie Pergament,“ fuhr er habe. Ihn ſtimmte eben Alles zu philoſophiſchen Re⸗ fort.„Kennen Sie z. B. nicht—“ und damit ging er flexionen. auf einige lebende Reliquien aus der Republik über und entfernte uns abermals von ſich ſelbſt. Kaminlicht in der Bibliothek. Graf Serdan ſang wie er Das war in Dalmatien ſo ungewöhnlich wie Alles an ſpielte. Ich ließ nach langer Gefangenſchaft meine Stimme dieſem jungen Manne und in ſeiner Umgebung. Meiſtens wieder ein Mal frei. Es war ein Abend, wie wir ihn wer
ſprechen die Dalmatier gern von ſich ſelbſt, und wenn nicht das, ſo doch von ihrem Lande. Graf Serdan dagegen ſprach von Allem, außer von ſich und von Dalmatien.
weiß ſeit wann nicht gehabt. Wir ſagten es unſerm Wirth; er nahm es unbefangen an und freute ſich darüber. Als
Der Abend vereinigte uns bei Thee, Lampen⸗ und 2 uns für die Nacht trennten, ſagte er naive„Wenn
das Bewußtſein es thun muß, einen Plan von ſolchen koloſſalen Dimenſionen ausführen zu ſollen, und wenn man Lebenszeit dazu hätte. Gutzkow ſelbſt äußerte eine ähnliche Stimmung, aber er hat eben den Muth und das Kraftgefühl, den Himalaya erſteigen zu können. Sein Buch— ſo viel darf ich wohl für die neugieri gen Freunde ausplaudern— will das ſüddeutſche Leben ſchildern wie die„Ritter“ das aorMutſche⸗ die katholiſche Bildung ſoll der proteſtantiſchen gegenüber geſtellt werden; wie es ſcheint, wer den die ſogenannten romantiſchen Sympathien nicht ganz ver (eugnet werden; beſtehende Thatſachen des Volkslebens ſollen ihre Darſtellung und poetiſche Rechtfertigung finden. Der Roman Heginnt in Köln, ſchildert im zweiten Vande Weſtphalen, verbreitet ſich dann in Süddeutſchland, geht nach Italien über und ſchließt in Rom. Das folgende Jahr wielleicht erlebt ſchon die Veröffent⸗ ſichung des Anfanges.— Wie ſeltſam contraſtirt gegen dieſe immenſe Ausdehnung die a en der poetiſchen Intentionen auf das Detail, in der
ten Beſuche für die nächſten Tage an und verſprach, es ſolle uns erquicken und belehren, wir haben ihm in der That zweifachen Dank zu erſtatten.
Im November war W. Wolfſohn durch die Aufführung ſeines Stückes„Nur eine Seele“ in Dresden ein Geſpräch des Tages. Das Drama, das die meiſten deutſchen Bühnen über ſchritten hat, wurde in Dresden mit wahrem Enthuſiasmus auf genommen. Das Gedicht eines Kunſtfreundes aus ſolcher Stim mung, das uns von befreundeter Hand zukommt, möge dafür
Zeugniß geben:
Nur eine Seele weich und zart, Geweiht den höchſten Idealen, Vermocht' ein Bildniß ſolcher Art Mit Herzens⸗Farbengluth zu malen.
Nur eine Seele, tief erglüht
Für alles menſchlich Schön' und Echte, Die glaubenstreu im Kampf ſich müht Für Menſchenthum und Menſchenrechte:—
Autrhach lebt. Wir kommen nie zuſammen, ohne über den Con⸗ raſt der realiſtiſchen und der idealiſtiſchen Anſchauungsweiſe zu prechen; freilich gibt es darin nie ein abſchließendes Reſultat; Nur eine Seele, die getreu
Der Lieb' und Freiheit iſt geblieben,
Wie Viel' auch immer ſonder Scheu
Sie aus dem Herzensſchrein vertrieben:—
Auerbach in ſeiner
iſ Productionsweiſe, Gutzkow gegen⸗ ober, ein glücklicher Mann
zu nennen; er iſt nicht genöthigt, auf
ſtets bei Kaſſe mit vollwichtigem Kleingeld nd Niemand wendet ſich an ihn, der gicht eine kleine Pretioſe mit ſech nähme. Eine ſolche, klein, aber pretiös in der That, iſt auch Der Dichter ſagte uns das Buch bei unſerem letz⸗
Nur eine Seele, die empört
Sich wendet von den Götzenbildern,
So draußen gleißend, drin verſtört,
Mit Witz und Kitzeln uns verwildern:—


