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er alles Verſäumte einholen und uns, bevor wir noch unter Dach kämen, bis auf die Haut durchnäſſen.
Der erſte Führer klopfte mit dem ſchweren Ringe, der an der Pforte hing. Und nun geſchah Alles wie inn einem Romane: Hunde ſchlugen an, Stimmen wurden laut, dann Schritte, die Hofpforte ging auf, wir ritten ein, in der Hausthür ſtand ein alter Diener———
Zehn Minuten ſpäter ſaßen wir mit Erſtaunen in einem höchſt eleganten kleinen Salon, in einem wirklichen Kamin brannte ein wirkliches Feuer, und vor uns auf das Kamin⸗ ſims geſtützt, ſtand der Beſitzer des Hauſes, ein ſchlanker, bleicher, junger Mann von etwa ſechsundzwanzig Jahreu im modernſten costume de campagne.
„Was ſetzt Sie ſo in Verwunderung, Madame?“ fragte er lächelnd, als ich mich überall umſah.
Ich antwortete:„Dieſer Salon, dieſes Kamin und Sie, Graf!“
Er hatte uns ſeinen Namen genannt, Graf Serdan, der Letzte aus einer der älteſten Familien Raguſa's. Ich nenne den Namen nicht— in Raguſa kennt man ihn.
„Sie wundern ſich, hier gerade keinen Wilden zu fin⸗ den,“ ſagte der Graf.
₰ „₰
Kamin zu finden. matien iſt?“
„O mein Gott, ich kenne das Land,“ erwiderte er.
„Aber ich, der ich gar keine Geſellſchaft habe, bedarf hier
des Feuers.“
„Oft die beſte— mit einem Buche, verſteht ſich. Und Sie haben hier auch Bücher?“
„Einige.“
„Die neueſten,“ ſagte Otto, der bereits am großen Tiſche blätterte.
Novelſen⸗Zeitung.
Geläufigkeit geſprochen— doch.
ch wundere mich, einen Pariſer und, wie geſagt, ein Wiſſen Sie, daß es das erſte in Dal⸗
uns.
Der Graf bat mich am Kamin zu bleiben. Er brachte
mir, was er zuletzt erhalten. Alles war für mich neu, ſeit
länger als einem Jahre war ich von der Literatur abge⸗ ſchnitten geweſen. Graf Serdan hatte ſchon Alles geleſen und ſprach darüber einfach, aber blitzend. Alle ſeine Worte waren fein, nur daß bei ihm die raguſäiſche Origi⸗ nalität durch die Welt geſchliffen war. Wir hatten bisher italieniſch geſprochen, jetzt griff er, wenn er ſich modern ausdrücken wollte, zum Franzöſiſchen, welches er mit Na⸗ tionalität ſprach. Bald kam auch deutſch hinein, endlich ſogar engliſch. Der Fremde hat das Recht, ſich zu wun⸗ dern— ich wunderte mich abermals. Lächelnd ablehnend ſagte Graf Serdan:„Ich hoffe doch, daß es in Raguſa keine ſolche Seltenheit iſt, eine fremde Sprache zu hören.“
„Von einer Perſon ſo viel und beſonders mit ſolcher Engliſch nun gar.“
„Ich war in England.“
„Und in Paris auch?“
„Auch, und auch in Deutſchland, in Berlin— Berlin gefiel mir ſehr. Wie viel Zukunft dort! Auf Sand welche Saat! Hier ſind wir im Vergangenen. Wir Raguſäer gehören vollkommen zu den Geweſenen.“
So wandte er das Geſpräch wieder von ſich ab. Aber er ſprach lebhafter. Im Anfange hatte er es nur aus Ar⸗ tigkeit gethan, jetzt aus Intereſſe. Wir vergaßen wahr⸗ haftig, daß es regnete. Erſt als der alte Diener das Mittageſſen ankündigte, blickte ich bedenklich aus dem Fenſter.“
„O, es regnet,“ ſagte der Graf, indem er mir den Arm bot.
„Da werden wir aber bei Ihnen bleiben müſſen?“
„Das will ich eben ſagen,“ antwortete er. Es war Herzlichkeit in ſeiner Stimme. Man ſah, daß es ihn freute, ein Mal Menſchen bei ſich zu haben. Wir— reſignirten Dies war hier um Vieles leichter, als wohl ſonſt in Dalmatien, z. B. in einer Höhle, in der man nicht aufrecht ſitzen konnte.
Feuilleton.
Was ſich Dresden erzählt.
Was iſt heutzutage aus unſerem Leipzig, als dem berühmten⸗ Mittelpunkte der Literatur und der Literaten, geworden! Ende 1848 nach der großen Wiener Emigration ſoll man die Herren „Schriftſteller“ bis auf Hundert in einem Local zuſammen ange⸗ troffen haben. Und jetzt da die Herren von den Grenzboten bekanntlich keine Literaten ſind, ſondern im Gegentheil gute Men⸗ ſchen vielleicht— oder was ſonſt wohl?— jetzt paſſirt es unſer⸗ eins wohl, wenn er gedankenſchwer über die Straße ſchreitet, daß ein bejahrter Mitbürger, der aus dem vorigen Jahrhundert noch Pietät für unſer Märtyrerthum ſich bewahrt hat, mit dem Finger auf uns weiſend dem Schmerz Worte gibt:„Unſer letzter Literat“ ein Schmerz übrigens, den weder die Polizei, noch Großberger und Kühl, noch auch diejenigen Buchhändler theilen ſollen, die ihre Bücher lieber allein machen!
Was auch René Taillandier kürzlich in der Revue des deux Mondes auf ſeiner großen literariſchen Tour durch Deutſchland bemerkt hat,— es iſt eine Thatſache, daß die Sammelplätze geiſti⸗ gen Lebens in Deutſchland aus den großen Weltſtädten und der Metropole des Buchhandels in die Reiddenzen des weiten Ranges
übergeſiedelt ſind. In Dresden, Weimar, ſelbſt Coburg⸗Gotha,
D7.—
vor Allem aber in München gibt es jetzt wieder Kreiſe, die man als literariſche Mittelpunkte von allgemeiner Bedeutſamkeit be⸗ zeichnen kann. So müſſen wir letzten Leipziger Literaten das alte literariſche Leipzig denn nun in Dresden ſuchen, und es führt uns, ſo oft wir geiſtig geſellige Anregung bedürfen, die Eiſenbahn auf einer Spazierfahrt von drei Stunden dorthin, wo wir eine Zahl literariſcher Namen antreffen, wie auf ſo kleinem Terrain kaum anderswo in den lieben deutſchen Vaterländern,
Den ſonſt ſo grollenden Leuen trafen wir heuer mit einer un⸗ gewohnt heitern, wolkenloſen Stirne. Eine neue große Arbeit iſt es, die Gutzkow friſchen Sinn und frohſtes Selbſtvertrauen ein⸗ flößt. Er iſt wieder mit einem umfangreichen Romane, einem Seitenſtück zu den„Rittern vom Geiſte“ beſchäftigt. Ich kann aber nicht glauben, daß der Porter, den wir bei Loͤſch getrunken hatten, mich ſchwindlich machte, als er in ſtundenlanger traulicher Unterredung davon erzählte,— noch heute befällt mich daſſelbe beängſtigende Staunen, wenn ich an die Großartigkeit dieſes Planes denke. Wenn in dieſem Augenblicke Jemand zu mir in das Zimmer träte und ſagte: Du ſollſt, wie Du da biſt, über Ja⸗ pan reiſen und den Himalaya erſteigen, in einer Stunde geht der Zug direct dahin ab,— ſo würde mich dasnicht ſo bedrücken, als
[II. Jahrg.
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