Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
796
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796 Novellen

der Tapeten noch nicht gedrungen, wo zwei, höchſtens drei Zeitungen auf weißen Holztiſchen herumlagen; dieſe Zei⸗ tungen, harmlos wie ihre Leſer, erzitterten noch nicht unter der fieberhaften, nach telegraphiſchen Nachrichten ſuchenden Hand angehender Politiker, ſondern brachten neben den Anzeigen höchſtens locale Nachrichten und ſolche über Ordens⸗ b Verleihungen.

Der Beſitzer einer ſolchen Kaffeeſtube war gewöhnlich ein wackerer Schweizer, der zu uns gekommen, um deutſche b Sitten und deutſches Geld zu ſtudiren, und auf den der Anblick der abendlichen Kaſſe wohlthuender wirkte, als die romantiſchen Gegenden ſeines freien Vaterlandes: die Zei⸗ ten haben ſich geändert!

Der allgemeine Drang des neunzehnten Jahrhunderts nach Kuchen, Politik und Bequemlichkeit forderte mehr! Die grüne Waſſerfarbe der Wände verſchwand unter koſt⸗ baren Tapeten, die hartherzigen Holzſtühle machten weiche⸗ ren Divans Platz; die ſpärliche Oellampe ward verdrängt durch die Macht des Gaſes; neue Zeitungen entſtanden mit jedem Tage, reinliche Kellner oder hübſche Kellnerinnen⸗ nahmen die Stelle der früheren ſchmuzigen Conditor⸗Lehr⸗ burſchen ein; die Zeitungen paradiren auf Mahagoni⸗ oder Marmortiſchen in beſonderen Leſecabinetten. V

Seitdem aber die allgemeine Kaffeemanie bei uns ein⸗ geriſſen, entſtand unter der allgemeinen Bezeichnung Kaffeehaus jene Legion von Reſtaurationen, Kneipen⸗

und Spielhäuſern, welche den Schweizer Conditoren ernſt⸗ liche Concurrenz machten.

Dank dieſem Fortſchritte gibt es heutzutage Cafés, in welchen man alle Bequemlichkeiten des Lebens genießen kann, und wer Luſt oder Beruf hat, ganze Tage dort zu verweilen, findet neben den Apfeltörtchen auch die ent⸗ ſprechende Auswahl von Speiſen und Getränken, deren man bei der anſtrengenden Arbeit der Faullenzerei bedarf, um nicht Luſt und Liebe zum Geſchäft zu verlieren.

Die BenennungCafé iſt in der Neuzeit ſo allgemein

Zeitung.

[II. Jahrg.

geworden, daß faſt jede Bierwirthſchaft, die in ihrem In⸗

nern ein invalides Billard birgt, ſich dieſen Titel anmaßt,

und der Fremde, welcher in größeren Städten eine lockende Inſchrift in möglichſt fehlerhaftem Franzöſiſch gewahrt, möge ſich erſt überzeugen, ob nicht aus dem Inneren eines ſolchen Locals eine Fuſelausdünſtung zu ihm herausdringt,

bevor er ſich durch Meidinger's franzöſiſche Grammatik

anlocken läßt.

In den eigentlichen Kaffeehäuſern zerfällt die Bevölke⸗ rung in Zeitungsleſer und Schachſpieler! Die Kellner ſchleichen auf dünnen Schuhen umher, um nicht die Ruhe zu ſtören. Es iſt nicht ſchwer, im Allgemeinen das Weſen eines Zeitungsleſers zu erkennen, wenn man die Farbe der Journale und die Art und Weiſe, wie er dieſe Journale lieſt, beobachtet. Der Kaufmann wirft den erſten Blick⸗ auf die Courſe, der ſanguiniſche Politiker auf die tele⸗ graphiſchen Depeſchen, der bedächtigere Politieus auf die Leitartikel und der Bummler auf die Vergnügungsanzeigen. Es gibt Leute, welche nur eine einzige Zeitung leſen, dieſe aber von dem Titel bis zu dem verantwortlichen Redacteur und dem Namen des Druckers. Es gibt andere Leſer wiederum von fünfzehn bis zwanzig Zeitungskraft, die täglich mehrere Stunden ihrer überflüſſigen Zeit zwiſchen Chocolade und Politik theilen! Ein ſolcher Leſer zieht eine Parlamentsrede dem beſten Beefſteak vor. Ein Ber⸗ liner Pfannkuchen und ſechs Leitartikel genügen ihm für

den Unterhalt eines Tages. Iſt dieſer Zeitungsleſer Jung⸗

geſelle, ſo ſpart er im Winter Heizung und Beleuchtung zu Hauſe. Dieſe Leute haben gewöhnlich keine eigene politiſche Färbung, ſondern leſen alle Blätter mit gleicher Theilnahmloſigkeit! Iſt zufällig die neueſte Zeitung aus⸗ geblieben, ſo wird ſolch ein guter Mann verzweifelt und berechnet, um die gewohnte Zeit todtzuſchlagen, wie viel der Verleger dieſes oder jenes Blattes wohl an den An⸗

Dies iſt ein neuer erzählender Band der bekannten Spamer' ſchen Jugend⸗ und Hausbibliothek. Die Ausſtattung iſt von ver mehrter Cleganz. Für das Intereſſante dieſes Bandes ſpricht der Titel ſelbſt genuͤgend.

Bilder und Schilde Mit meh⸗

Die Wunder der Waſſerwelt. rungen für Jung und Alt. Von Heinrich Stahl. reren Tonbildern und in den Text gedruckten Abbildungen. Leipzig, Otto Spamer, 1857.

Dies iſt ein neuer Band der im ſelben Verlage erſcheinenden Sammlung:Maleriſche Feierſtunden. Volks⸗ und Familien⸗ bibliothek zur Verbreitung nützlicher Kenntniſſe. Auch hier iſt die Ausſtattung in hohem Grade elegant und geſchmackvoll. Dieſe Bibliothek hat bereits ſo viel Eingang in das Publieum gewon nen, daß die Anzeige eines neu erſchienenen Bandes Empfehlung genug iſt.

Miscellen.

Das angewandte Lebenselixir.

Thatſachen, die bloß außergewöhnlich ſind, werden oft erſt nach langen Streitigkeiten zugegeben, während ſich dagegen die handfeſteſte Leichtgläubigkeit an die abgeſchmackteſten Fabeln hält, wenn ſie nur das Bedürfniß befriedigen, das ſo viele Menſchen empfinden, die unverträglichſten Eigenſchaften in einem und dem⸗ ſelben Gegenſtande zu vereinigen. So haben viele Geſchichts⸗

ſchreiber nicht daran gezweifelt, die Alten hätten das Geheimniß

gekannt, das Gold durchſichtig zu machen wie das Glas, und das

Gefäß von außerordentlich künſtlicher Arbeit überreichte.

Glas hämmerbar wie das Gold. Nach einer unrichtig ausgeleg⸗ ten Stelle des Plinius haben Petronius, Dio Caſſius, Iſidorus und beinahe alle ſpäteren Geſchichtsſchreiber, welche über die Kunſt

der Glasmacherei ſchrieben, die Verſicherung gegeben, daß ein

Architekt, welcher ſich den Haß Tibers zugezogen, das Geheimniß

entdeckt habe, das Glas hämmerbar zu machen, und dem Kaiſer,

in der Hoffnung deſſen Gunſt wieder zu gewinnen, ein gläſernes Doch weit entfernt, freundlicher geſtimmt zu werden, wollte Tiber das Gefäß zerſchmettern, indem er es zu Boden warf. Aber der Künſt⸗ ler hob ſein Meiſterſtück auf, das nur einige Beulen bekommen, hatte, welche er auf der Stelle durch Hammerſchläge glättete. Da

fragte ihn Tiber, ob er ſein Geheimniß ſchon irgend Jemand mit⸗

getheilt hätte, und auf des Künſtlers verneinende Antwort ließ er ihm den Kopf abſchlagen, weil er, wie er ſagte, fürchtete, dies koſt⸗

bare Geheimniß würde den Werth des Goldes und des Silbers ganz berabſetzen.

Dieſe lächerliche Erzählung iſt im 17. Jahrhundert erneuertt worden. Danach ſoll ein Gelehrter dem Cardinal Richelieu häm⸗ merbares Glas überreicht, der Cardinal ihn aber als Belohnung zu ewigem Gefängniß verurtheilt haben. Bis zum vorigen Jahr⸗ hundert haben die Schriftſteller, welche ſich mit der Glasmacherei beſchäftigten, die Chimäre des hämmerbaren Glaſes als leicht er⸗ reichbar betrachtet, und zwar durch das Lebenselixir;denn, ſagen ſie,es iſt nicht zweifelhaft, daß dieſes Wunderelixir die Haͤrte des Glaſes mildern könne, da es unedle Metalle in edle verwandelt und alle Krankheiten heilt.