in ſeiner Jugend auf Reiſen geſellt und in den traulichſten Verhältniſſen geſtanden hatte.
Bei der Abendtafel ſtellte der Wirth dem willkommenen Gaſte ſeine liebliche Tochter vor, wobei jener erſt erfuhr, daß die Gräfin, welche er nur einmal in ſeinem Leben ge⸗ ſehen und deren Schönheit einen unauslöſchlichen Eindruck auf ihn gemacht hatte, ſchon vor vielen Jahren geſtorben ſei. Die wunderbare Aehnlichkeit zwiſchen Mutter und Tochter erinnerte den General an das von Eduard erhaltene Portrait, welches, von ihm auf der Bruſt verborgen, bei ſeiner Gefangennehmung nicht entdeckt worden war und welches er nun dem Grafen überreichte. Dieſer, erſtaunt, das theuere Vermächtniß ſeiner geliebten Gattin in den Händen ſeines Freundes zu erblicken, forſchte natürlich nach, wie er in den Beſitz deſſelben gelangt ſei, und durch Rede und Gegenrede erklärten ſie ſich nun den Zuſammen⸗ hang der Ereigniſſe, welche den Gegenſtand dieſer Erzählung bilden. Der Graf gab ſich als jener räthſelhafte Reiter zu erkennen, welcher die Brieftaſche mit ſeinem verhängnißvol⸗ len Inhalte verloren, der General bekannte offen, daß er den Beſehl gegeben, den Grafen Z... auf ſeinem Schloſſe zu verhaften, und erfuhr nun in Betreff deſſen Ausführung, was ihm bisher noch unbekannt geblieben war und das weitere Schickſal Eduards. Ihm war es auch vorbehal⸗ ten, dem Grafen N...y von dem rühmlichen Ende ſeines Neffen Kunde zu geben, ohne eine Ahnung von den beider⸗ ſeitigen Beziehungen zu einander zu haben, da er den Fa⸗ miliennamen der Gräfin, den dieſer geführt, niemals hatte nennen hören. Tief ergriffen ſtanden ſich nach dieſen Mit⸗ theilungen beide Männer einander gegenüber; verbunden durch eine innige Freundſchaft, hatte hier einer dem andern, einer höheren Macht als blindes Werkzeug dienend, Verluſt und Schmerz bereitet, und indem er als Gaſt die Schwelle deſſen Hauſes betrat, war es ihm zugleich beſchieden, der Herold ſeiner Thaten zu ſein. Der Edelmuth des Grafen, der vollkommen begriff, was in dem Gemüthe des Generals
2 Novellen⸗Zeitung.
[II. Jahrg.
vorging, kürzte die nach dieſem Geſtändniß eingetretene peinliche Pauſe ab, indem er dieſem ſchweigend die Hand reichte und ſeinen auffordernden Blick auf Minna warf, welche bei der Nachricht von dem Tode ihres Vetters in Thränen ausgebrochen war, ſich nun aber erhob und, alles Uebrige unberührt laſſend, dem General für die Erhaltung des Bildes ihrer Mutter dankte.
Eduard hatte während dieſer Vorgänge faſt 48 Stun⸗ den lang in einem lethargiſchen Schlafe gelegen, deſſen Verlauf über Leben und Tod entſchieden hatte. Bei ſeinem Erwachen zur vollen Beſinnung zurückgekehrt, betrachtete V er mit Erſtaunen ſeine Umgebungen, aus denen ihn nichts V
Bekanntes anſprach, was ſeiner Erinnerung als An⸗ knüpfungspunkt hätte dienen können. Da nahte ſich ihm behutſamen Schrittes der Arzt, der über ſein Leben gewacht und dieſen Augenblick erwartet hatte. Eduard verſuchte ſich zu erheben und wollte ihn mit Fragen beſtürmen, aber ſchwer fiel ſein Haupt auf das Lager zurück, und des Sprechens noch unfähig, vermochte er nur unzuſammen⸗ hängende Worte zu ſtammeln. Mit freundlicher Miene ermahnte ihn der ehrwürdige Mann, indem er ihm eine ſtärkende Arzenei reichte, jede Anſtrengung zu vermeiden und ſich des Sprechens zu enthalten. Nur in kurzen Sätzen theilte er, um die Spannung zu vermindern, in welcher ſich der Kranke befand, demſelben mit, daß er ſich in dem Hauſe einer befreundeten Familie befinde, wohin er ſchwer verwundet gebracht und liebevoll gepflegt worden ſei. Doch ſchon die letzten Worte ſprach er zu einem Schlummernden, und er entfernte ſich leiſe, um dem Grafem das frohe Ereigniß zu verkünden.
Von dieſem Tage an begann Eduard zu geneſen und ſeine ungeſchwächte Jugendkraft führte ihn mit ſchnelleren Schritten der Herſtellung entgegen, als es die kräftigſten Tiſanen ſeines Aesculap vermocht haben würden. Dieſer unterrichtete ihn nach und nach genauer von dem, was ſich ereignet hatte, und über die Bewohner des Schloſſes, wo⸗
ein halbes Jahr hier und auch ſchon ein halbes Jahr krank; ich habe in dem halben Jahr viel gelernt. Ich denke, Horn ſoll die Zeit über auch mehr gelernt haben; wir werden einander nicht mehr tennen, wenn wir einander wiederſehen. Gewiß, Horn hat nicht halb ſo viel Luſt mich zu ſehen, als ich ihn. Der gute Menſch ſoll aus Leipzig und hat kein Blut geſpieen. Das mag ſchwer ſein. Sie ſind ſo luſtig, ſagte ein ſächſiſcher Officier zu mir, mit dem ich den 28. Aug. in Naumburg zu Nacht aß, ſo luſtig und haben heute Leipzig verlaſſen. Ich ſagte ihm, unſer Herz wiſſe oft nichts von der Munterkeit unſeres Bluts. er nach einer Weile an. Ich bin's wirklich, verſetzt' ich ihm, und ſehr, ich habe Blut geſpieen. Blut geſpieen? rief er, ja, da iſt mir alles deutlich, da haben Sie ſchon einen großen Schritt aus der Welt gethan, und Leipzig mußte Ihnen gleichgültig werden, weil Sie es, nicht mehr genießen konnten. Getroffen, ſagte ich, die Furcht vor dem Verluſt des Lebens hat allen andern Schmerz erſtickt. Ganz natürlich, fiel er mir ein, denn das Leben bleibt immer das Erſte, ohne Leben iſt kein Genuß. Aber, fuhr en fort,
hat man Ihnen nicht auch den Ausgang leicht gemacht? Gentacht?
fragt’ ich, wie ſo? Das iſt ja deutlich, ſagte er, von Seiten der
Frauenzimmer; Sie haben die Miene, nicht unbekannt unter dem Ich bückte mich für's Compliment. — Ich rede, wie ich's meine, fuhr er fort; Sie ſcheinen mir ein
ſchönen Geſchlecht zu ſein.
Mann von Verdienſten, aber Sie ſind krank, und da wette ich zehn gegen nichts, kein Mädchen hat Sie beim Aermel gehalten. Ich ſchwieg und er lachte. über'n Tiſch, ich habe zehn Thaler an Sie verloren, wenn Sie auf Ihr Gewiſſen ſagen: Es hat mich Eine gehalten. Topp, ſagte ich, Hr. Capitain, und ſchlug ihm in die Hand, Sie behalten Ihre
Sie ſcheinen unpäßlich, fing
Nun, ſagte er, und reichte mir die Hand
zehn Thaler. Sie ſind ein Kenner und werfen Ihr Geld nicht weg. Bravo, ſagte er, dann ſeh' ich, daß Sie auch Kenner ſind. Gont bewahre Sie darin, und wenn Sie wieder geſund werden, ſo werden Sie Nutzen von dieſer Erfahrung haben. Ich— und nun ging die Erzählung ſeiner Geſchichte los, die ich verſchweige: ich ſaß und hörte mit Betrübniß zu und ſagte am Ende, ich ſei con⸗ fundirt, und meine Geſchichte und die Geſchichte meines Freundes Don Saſſafras hat mich immer mehr von der Philoſophie des Hauptmanns überzeugt. 11. 1212 Unglücklicher Horn! Er hat ſich immer ſo viel auf ſeine Waden eingebildet; jetzt werden ſie ihm zum Unglück gereichen. Laßt ihn nur lebendig weg. Satt ſehen könnt Ihr Euch noch an⸗ ihm, denn er iſt der letzte Frankfurter in Leipzig, der gerechnet wird, und wenn der fort, da könnt Ihr warten, bis Ihr wieder einen zu ſehen kriegt. Doch tröſtet Euch, ich komme bald wieder. Du lieber Gott, jetzt bin ich wieder luſtig, mitten in den Schmerzen. Wenn ich auch nicht ſo munter wäre, wie wollt' ich's aushalten? Faſt zwei Monat an einem fort ganz eingeſperrt! Leben Sie wohl, beſte Freundin; grüßen Sie Ihre Eltern und Ihre Freundin, und wenn Sie einmal ſchreiben, ſo berichten Sie mir, wie die Glieder der ehemaligen ſonntägigen Geſellſchaft jetzt unter einander ſtehen. Lieben Sie mich, krank oder geſund, bis an den Tod.“——— 4 Horn kam Anfangs April wieder nach Frankfurt. In ſeinem erſten Briefe heißt es:„Goethe läßt Sie grüßen, Mamſel! Er ſieht immer noch ungeſund aus und iſt ſehr ſtupide geworden. Die Reichsluft hat ihn ſchon recht angeſteckt. Ich muß machen, daß ſonſt geht es mir ebenſo, und ich bin doch
ich wieder wegkomme, ſ— und de noch zu jung, um ſtupide zu werden. Die Zeit wird mir aber


