—
792 Noveſſen⸗Zeitung.
eben bemüht war, den Flammen Einhalt zu thun und weitere Frevel zu verhüten. Ein ebenſo unſeliges als natürliches Mißverſtändniß ließ ihn die wackern Krieger für die Brandſtifter ſelbſt halten; mit dem Befehle, das Leben keines einzigen zu ſchonen, ſtürzte er ſich mit ſeiner überlegenen Schaar auf ſie und veranlaßte ſo die eben ge⸗ ſchilderte Scene. In dem Augenblicke, da mit dem Wacht⸗ meiſter der letzte der Uhlanen gefallen war, gewahrte er deren Officier vor ſeiner am Boden liegenden Tochter knien und erkannte zugleich in ihm den Gegner, der ihn vor eini⸗ gen Tagen zur Flucht gezwungen hatte und den er als die Urſache des traurigen Todes ſeines Schwagers betrachtete. Um denſelben in jenes Blute zu rächen, ſprengte er auf ihn an, allein die Todesbläſſe Minna's, die ohnmächtig zurückſank, nachdem ſie einen Augenblick lang die Arme ſchützend über Eduard ausgebreitet hatte, ließ ihn den raſchen Vorſatz vergeſſen, um ihr zu Hülfe zu eilen; aber indem er vom Pferde ſprang, hatte der Nächſte aus ſeiner Umgebung ſchon die Lanze geſchwungen und, ohne zu wiſſen, was er that, den verderblichen Schlag nach dem Retter ſeiner Tochter geführt.
Die während jenes vernichtenden Kampfes ſich ungehin⸗ dert weiter verbreitenden Gluthen des brennenden Schloſſes nöthigten den Grafen, den Hof zu verlaſſen, und auf ſeinen Armen trug er das noch immer ohnmächtige Kind in eine dicht umrankte Laube des Parkes, wo er ſich nun mit dem ihn begleitenden Wundarzte bemühte, die erſtarrten Lebens⸗ geiſter wieder wachzurufen. In kurzer Zeit erwachte Minna aus ihrem todtenähnlichen Zuſtande, und kaum war ſie ihrer Sinne und Sprache wieder mächtig geworden, als ſie mit ängſtlicher Sorgfalt nach ihrem Beſchützer fragte und den beſtürzten Vater in wenigen Worten unterrichtete, daß die⸗ ſer Officier ſie von Schande und Tod gerettet habe. So⸗ fort entſandte Graf N.. y ſeine Diener nach dem Ver⸗ wundeten und bald brachten ihn dieſelben, nachdem ſie ihn von dem ſchon brennenden Portale des Schloſſes hinwegge⸗
zogen, und kaum hatten ſie den Hof verlaſſen, als dieſes in einen Trümmerhaufen zuſammenſtürzte und das Grabmal der Heldenleichen von hundert deutſchen Reitern bildete. Nach einer oberflächlichen Unterſuchung erklärte der in ſeiner Kunſt wenig erfahrene Wundarzt Eduard für todt, allein der Graf mißtraute dieſem Urtheile und drang auf eine ſorgfältigere Prüfung des allerdings regungsloſen. V Körpers. Um nach dem Herzſchlag zu fühlen, öffnete der Arzt das Collet und fand das um den Hals hängende Portrait, welches er dem Grafen überreichte. Stumm vor Erſtaunen erkannte dieſer das Bild ſeiner Tochter, welches dieſelbe ſeinem Neffen beim Abſchiede überreicht hatte. Die Löſung eines wunderbaren Räthſels erwartend, befahl er nun die Sorgfalt bei den Belebungsverſuchen an dem ver⸗ meintlichen Todten zu verdoppeln, und nach langem Be⸗ mühen entdeckte man zur unendlichen Freude an demſelben⸗ untrügliche Lebenszeichen, obgleich weder Bewußtſein noch⸗ Sprache zurückgekehrt war.
Der Ahnenſitz des Grafen bot ihm keine ſchützende Zufluchtsſtätte mehr, welche er zur Pflege der ihm theueren Kranken bedurfte, er traf daher augenblicklich Anſtalten, dieſelben nach einem ſeiner anderen Schlöſſer zu bringen, deſſen von der Heerſtraße entferntere Lage auch eine größere Sicherheit vor den umherſtreifenden feindlichen Parteien verhieß. Noch an demſelben Abende erreichte er daſſelbe und fand dort auch ſeinen bewährten Hausarzt, unter deſſen umſichtiger Behandlung Minna ſich bald ſtark genug fühlte, die Folge der Ereigniſſe der letzten Tage umſtändlicher und im Zuſammenhange mittheilen zu können. Ihr Vater hatte ſie am Tage vor der Schlacht an der Moskwa unter dem Schutze der Diener zurückgelaſſen, um ſich zu ſeinem Schwager zu begeben, und ſie war nach dem für die ruſſi⸗ ſchen Waffen ſo unglücklichen Ausgange jener Schlacht eben im Begriffe geweſen, aus dem väterlichen Schloſſe nach einem ihr bezeichneten Orte zu entfliehen, als die Ma⸗ rodeure daſſelbe beſetzten und tagelang dort ihr Unweſen
dem äußeren Erfolge nach, im Theater ſelbſt das Glück des Herrn Tempeltei nicht minder glänzend begründete als in Wien, ſo hat es doch vor der hieſigen Kritik und den unbefangener denkenden Beurtheilern ſein frühzeitiges Ende erreicht. N. Anmerkung der Redaction: Dieſen Bericht unſers geehrten Berliner Correſpondenten
haben wir ſeit der dortigen Aufführung bis jetzt in unſerem Pulte liegen laſſen, weil wir nicht, das Glück eines neuen Stückes zu hindern, eilig bereit erſcheinen wollten und mehr noch, als der Herr
Berichterſtatter, uns veranlaßt fühlen mußten, einem neu auf⸗ tauchenden Talente ermunternden Erfolg zu gönnen. Seit das Stück nun über die meiſten Bühnen gegangen und auch in Leipzig uns vor Augen geführt iſt, können wir nicht umhin, obiges Urtheil ohne Rückſicht als berechtigt zu⸗ unterſchreiben. Weder in Betreff des Stoffes noch der Form ſehen wir in dem Stücke eine neue be⸗ willkommenswerthe Errungenſchaft.
Was den Stoff betrifft, ſo ſteht derſelbe zwar mit Goethe's Iphigenie in directer Verbindung, hat aber gegen dieſe den Nach⸗ theil, daß in ihm der Wahn und die Unthaten in Scene geſetzt ſind, die in dem anderen Drama geſühnt und überwunden werden; die geſchlachteten jungen Thyeſtiden ſind bei Goethe die Voraus⸗ ſetzung, bei Tempeltei gewiſſermaßen der Schlußſtein des drama⸗ tiſchen Gebäudes,— das iſt der große Unterſchied! Wenn man in der Form ferner die Dialektik rühmt, ſo iſt gegen dieſe ein ge⸗ wichtiger Einwand zu machen: die Figur der Kaſſandra iſt da, um Klytämneſtra zur Kataſtrophe zu bringen,— das Motiv dazu aber iſt hier im 3. Acte daſſelbe, das Klytämneſtra bereits im zweiten erfunden hat, der Opfertod Iphigenia's. Abgeſehen da⸗
von iſt dieſe Dialektik des Herrn Tempeltei nur die äußerlich logiſche, nur die der abſtracten mathematiſchen Nothwendigkeit, die mehr als ein jüngerer und älterer Dichter durchzuführen im Stander iſt; die äſthetiſche aber, die der Schönheit, der ſittlich freien Harmo⸗ nie, fehlt ihm. Er vermag zu ſpannen, zu überraſchen, zu erſchrecken; die große, ſeltene, aus dem ſpecifiſch poetiſchen Gemüthe ſtammende Kunſt zu intereſſiren, zu rühren, zu erheben und zu verſöhnen, ſie beſitzt er nicht.— Bei der hieſigen Aufführung können wir die höchſt anerkennenswerthe Darſtellung der Titelrolle durch Fräul. Huber, ſo wie des Oreſt durch Fräulein Francke und des Aga⸗ memnon durch Herrn Stürmer nicht unerwähnt laſſen.
*
„Für den Friedhof der evangeliſchen gemeinde in graz.“
Mit dieſer Ueberſchrift erläßt Holtei aus ſeinem jetzigen Wohnoörte einen Aufruf an die deutſchen Schriftſteller, der ſowohl wegen der Sache als auch der des Dichters Stimmung charakteri⸗ ſirenden Ausdrucksweiſe wegen hier Platz finde:
„Unter obigem Titel ſoll im Laufe des Jahres 1857 ein Buch erſcheinen, deſſen Ertrag beſtimmt iſt, die Ausgaben decken zu helfen, welche der Ankauf eines neuen Gottesackers mit ſich bringt und welche ſich, alle Nebenkoſten eingerechnet, auf die Summe von beinahe 10,000 Gulden C. M. belaufen. Die hieſige Gemeinde iſt klein und unvermögend. Noch drückt ſie eine bedeutende Schul⸗ denlaſt, vom Bau des Schulhauſes und Erneuerung der Kirche herrührend. Ich möchte gern nach Kräften thun und mein Scherf⸗ lein beiſteuern. Werde doch auch ich wahrſcheinlich mein Grab auf dieſem Platze finden! Aber meine Kräfte ſind ſchwach: ich bin
(II. Jahrg.


