Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
791
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um einen Hieb zu pariren, den der Genoſſe des Gebliebe nen nach ihm führte, nun aber dem ſtürmiſchen Andringen des Officiers unterlag und bald neben jenem ſich im Blute wälzte.

Die weibliche Geſtalt war während dieſes kurzen Kampfes leblos zur Erde geſunken, und Eduard bemühte ſich, ſie emporzuheben und ſie aus dieſem Ort des Schreckens wieder an das Tageslicht und die freie Luft zu bringen. Da dieſelbe unvermögend war, ſich zu bewegen, nahm er ſeinen rechten Arm und trug ſie mit einer Anſtrengung, die nur die höchſte Noth möglich macht, in namenloſer Angſt die Treppe hinauf, denn ein unheimliches Getöſe, das er von obenher vernahm, ließ ihn befürchten, daß das Ge⸗

Dritte Folge.

bäude jeden Augenblick in Trümmer fallen und ſie unter

demſelben begraben würde. Endlich hatte er den Ausgang aus dem Souterrain und den Gang, welcher nach dem Schloßhof führte, erreicht, als ihm nunmehr deutlich wie⸗ derholtes Schießen mit Kampfgeſchrei in die Ohren tönte. So ſchnell, als die Bürde, die er trug, es erlaubte, eilte er, zu den Seinigen zu gelangen, die er in einem Gefecht mit den räuberiſchen Haufen wähnte, der geſammelt zurück⸗ gekehrt ſein mochte, um Rache zu nehmen; aber unbeſchreib⸗ lich war ſein Entſetzen, da er auf den Schloßhof hinaus⸗ trat und denſelben mit Koſaken angefüllt erblickte, die mit grimmiger Wuth auf das Häuflein ſeiner Kameraden ein⸗ hieben, welche, in eine Ecke zuſammengedrängt, vergeblich um ihr Leben zu kämpfen ſchienen.

Behutſam ließ er die Gerettete aus ſeinem Arm auf

den Boden gleiten, um jenen Unglücklichen zu Hülfe zu

legen waren. rück, ſie ſchlug die Augen auf und mit leiſem Druck hielt ſie ſich an Eduards Hand feſt, um ſich ſelbſt aufzurichten. Jetzt erſt wollte dieſer einen flüchtigen Blick auf ſie wer fen, ehe er ſich von ihr entfernte, um ſie vielleicht nie wie⸗

der zu ſehen, aber wie durch Zaubermacht gebannt blieb

ſein Fuß am Boden haften, und die Welt hätte um ihn in Trümmer ſtürzen können, er würde nicht gewichen ſein. Wortlos kniete er neben ſie nieder, unempfänglich für Alles, was um ihn vorging, und ſelbſt der allgemeine Sieges⸗ jubel der Feinde über den Fall des tapferen Wachtmeiſters, der ſich wie ein Löwe gewehrt hatte und der Letzte auf dem Kampfplatze fiel, ging ungehört an ihm vorüber, denn er fand ſich vor dem Original des Portraits, das er ſeit eini⸗ gen Tagen auf der Bruſt trug.

Eine Ewigkeit würde er ſo gekniet haben, das ſchöne Mädchen im Arme haltend, hätte nicht eiu plötzlicher Schrei⸗ deſſelben und eine heftige Bewegung, die es machte, gleich⸗ ſam um etwas abzuwehren, ihm die Beſinnung wiederge⸗ geben. Sich umdrehend, ſah er einen Reiter und hinter ihm mehrere Koſaken gegen ſich anſprengen; ſchon hatte der erſtere den Arm mit dem gezogenen Säbel erhoben, um einen kräftigen Hieb gegen ihn zu führen, als der Anblick des Mädchens ſeine Kraft zu lähmen ſchien, er ſchleuderte die Waffe von ſich, hielt gewaltſam das Pferd an und ſprang herunter, aber in demſelben Momente erhielt Eduard

einen fürchterlichen Schlag auf das Haupt und ſank be⸗ wußtlos neben der bei dieſem Anblicke erbleichenden Geſtalt

der geretteten Jungfrau nieder.

Der Graf N...y, der vom Schloſſe Krasnor auf die nächſte Station geeilt war, um daſelbſt die nöthigen Vor⸗ bereitungen zur Fortſetzung der Flucht ſeines Schwagers zu treffen, hatte mehrere Stunden auf deſſen Ankunft ge

wartet, und die bangen Ahnungen, die ſich in ihm geregt, eilen, deren Mehrzahl den Streichen der Feinde ſchon er⸗

Da kehrte das Leben in die Bewußtloſe zu⸗

waren durch den Bericht eines ihm nachgeeilten Dieners beſtätigt worden. Von heißem Rachegefühl entbrannt, war er hierauf nach dem Orte geeilt, wo ein Theil des Freicorps ſeiner harrte, und mit dieſem der Truppe Eduards gefolgt, welche er in der Nähe ſeines eigenen Beſitzthums in dem nämlichen Augenblicke erreichte, als dieſer die Nachzügler⸗ horde aus demſelben vertrieben und mit ſeiner Mannſchaft

was Berlin denkt, ſo können wir unſererſeits auch auf keine eigentliche Kritik eingehen, ſondern beſchränken uns darauf, unſere

Anſicht ganz kurz und überſichtlich auszuſprechen.

Nothgedrungen

muß ſie in eine ſubjſeelive und ohjegtive zerfallen, wollen wir nicht

den Schein der Härte auf uns laden. In erſter Beziehung ge⸗ ſſtehen wir gern dem Autor ein unverkennbares Talent zu, das ſich in poetiſcher Gedankenfülle, in Tiefe der Empfindung, Gewalt des Ausdrucks, zur Charakteriſtik, genauer Bekanntſchaft mit der Bühne und ihren erforderlichen Effecten und einer großen Herrſchaft der Dialektik zeigt und ſomit zur Hoffnung berechtigt, Zewiſſenhafter Studien es einſt

Erſtlingswerk und alle anderen Umſtände, welche als Milderungs⸗

gründe in die Wagſchale der Gerechtigkeit geworfen werden könn⸗ ten, ſo müſſen wir unſere Ueberzeugung ausſprechen, daß wir es für Alles in der Welt eher, als für ein Bühnenſtück, am aller⸗ nwenigſten aber für ein Trauerſpiel halten.

Detail eingehen zu können, was Ort und Raum nicht geſtatten,

wollen wir nur den einen Hauptfehler anführen, worauf ganz na⸗ mentlich ſich unſere Behauptung gründet. Die Tragödie hat den Zweck, uns zu erſchüttern, zu rühren. Das kann ſie nur durch ein Motiv, dem nothwendig eine Wahrheit zu Grunde liegen muß. Othello's Eiferſucht, die uns entſetzt, wuͤrde den Charakter der Poſſe annehmen, wenn er ſelbſt von der wandelloſen Treue Des⸗ demonas überzeugt wäre; Lear's Verzweiflung über den Undank ſeiner Töchter würde uns ſpaßhaft erſcheinen, ſein Wahnſinn ſtatt aller geiſtigen Theilnahme nur den Wunſch und Rath eines Ader⸗

Ohne hier ins

Beherrſchung der Form, hie und da ſogar im Anlauf

bei ſtrenger Verfolgung 6 zur wirklichen Größe ſich entfalten zu ſehen. Was den objectiven Theil betrifft, das Stück ſelbſt betrachtet ohne Rückſicht auf die Jugend des Autors, auf ſein

laſſes erzeugen, wenn alle ſeine Töchter ihm die Zärtlichkeit der Cordelie weihten. Weshalb? Weil ein großer Jammer, der ſich auf keine Wahrheit gründet, zum ridiculen Lamentum wird, das jede Theilnahme in uns unterdrückt. In dieſem ſehr traurigen aber leider! gar nicht tragiſchen Falle befindet ſich Klytä⸗ mneſtra. Im 2. Act, wo ihr kein Zweifel über die Rückkehr Aga⸗ memnon's bleibt, ſucht ſie nach einem Motiv, das ihre Untreue und den beabſichtigten Gattenmord entſchuldigen könnte, und da ihre Liebe zu Aegiſth, des Gatten Abweſenheit, ja die Verdächti⸗ gung ſeiner Liebe zu Kaſſandra ihr nicht als genügende Gründe erſcheinen, fällt ihr plötzlich die Opferung Iphigenia's ein, an die ſie zehn Jahre lang nicht gedacht. Wenn eine Verzweifelnde, ſich ſelbſt täuſchend, einen Moment ſich an einen ſolchen Scheingrund

anklammert, wie der Ertrinkende an einen Holzſpan, ſo mag das

gehen; aber nun 4 Acte lang ihre Lüſte

Feigheit und endlich den Mord ihres einſt von ihr heiß geliebten Gatten damit ent⸗ ſchuldigen wollen, heißt die Selbſttäuſchung bis zur Lüge treiben, und dieſe Lüge zum Motiv eines Trauerſpiels machen, kann nicht verfehlen, der Heldin all' und jegliche Theilnahme zu rauben und einen der Geſchichte nach wahrhaft tragiſchen Charakter zu einem ganz gewöhnlichen Alltagsweibe zu erniedrigen, das wegen Biga⸗ mie und Mord vor die Aſſiſen, aber nicht auf die Bühne gehoͤrt. Ueber die danfſiunloſe Entſtellung der Geſchichte, die Ver⸗ zerrung der Charakkere(z. B. in der Gemeinheit Aegiſth's u. ſ. w.) hier kein Wort. Auch ohne alle dieſe Mängel würde der Un⸗ haltbarkeit, ja der totalen Verwerflichkeit des Motivs dieſer tragi⸗ ſchen Handlung wegen das Stück keinen Anſpruch auf den Chrentitel eines Trauerſpiels machen können. Dieſe Anſicht ſcheint auch hier die vorherrſchende zu ſein, und obgleich das Werk,

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