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altgothiſchen Baues hervordrang und dem Rauſchen eines
Novellen⸗Zeitung.
(II. Jahrg.
bei ſich entſchieden hatte, ob er ſich ihrer bemächtigen und
ſchäumenden Waſſerfalles glich. Die dicht belaubten Bäume ſie als Gefangene fortführen ſollte, verſchwanden ſie durch⸗
verbargen ihm noch die nächſten Umgebungen des Schloſſes, allein plötzlich ſah er neben einem der ſpitzen Thürmchen eine Rauchwolke aufſteigen, die ſich ſäulenförmig gen Him⸗ mel erhob, und eine zackige Flamme praſſelnd emporſchla⸗ gen, welche ſich mit Blitzesſchnelle weiter verbreitete. Eduard, dem mehrere ſeiner Uhlanen gefolgt waren, um Waſſer und Lebensmittel herbeizuſchaffen, ſandte einen von ihnen zu⸗ rück, um einen Theil der Mannſchaft zum Löſchen auf⸗ zubieten, und eilte mit den Uebrigen dem brennenden Schloſſe zu.
Was er ſogleich geahnet hatte, beſtätigte ſich vor ſeinen Blicken. Der rohe Uebermuth elender Feiglinge, die in Banden geſchaart, die Gefahren, welche das Leben jedes braven Soldaten täglich bedrohen, vermeidend, wie die Peſt der Armee nachfolgten und von Ort zu Ort zogen, um wehrloſe Einwohner zu plündern und durch Mord und Brand die verruchteſten Schandthaten zu verüben, wüthete auch hier. Kaum war Eduard mit ungefähr fünfzehn ſeiner Reiter in den weiten Schloßhof getreten, als er ſich inmitten eines Haufens italieniſcher Soldaten verſchiedener Waffengattungen befand, welche mit teufliſcher Freude der um ſich greifenden Flamme zujauchzten und be⸗ müht waren, den ſchon gemachten Raub in Sicherheit zu bringen. Glühend vor Zorn, riß Eduard den Säbel aus der Scheide und ohne an die Gefahr zu denken, welche ihn von einer zügelloſen Horde bedrohte, die ſich weder der militairiſchen Disciplin beugte, noch überhaupt die Heilig⸗ keit eines Geſetzes anerkannte, ſtürzte er ſich ihr entgegen und befahl ihr mit donnernder Stimme, ſich ſofort zu ent⸗ fernen und die Waffen niederzulegen, welche von Einzelnen ſchon gegen ihn erhoben wurden. Die edle Geſtalt des zürnenden Jünglings, die gewichtigen Worte, die er ge⸗ ſprochen, und endlich die Haltung der ihm nachfolgenden Reiter flößten den Elenden Furcht ein, und noch ehe Eduard
die Eingänge des nebenſtehenden Gebäudes. Er begnügte ſich vor der Hand, ihrem Treiben an dieſer Stelle ein Ziel geſetzt zu haben, und begab ſich ohne Säumen in das Innere des Schloſſes, um die Bewohner deſſelben, von denen er bisher noch keinen erblickt hatte und die ſich mög⸗ licherweiſe noch in der Gewalt von Plünderern befinden konnten, zu befreien und ſie aus den Flammen zu retten, in welchen ſie ohne ſeine Hülfe ihr Grab finden mußten. Er entſendete deshalb einen Theil ſeiner Begleiter nach allen Richtungen hin und verfolgte ſelbſt einen langen Gang, welcher in ein Souterrain zu führen ſchien. Nach wenigen Schritten vernahm er unter ſich rauhe Stimmen, vermiſcht mit einem leiſen Stöhnen, das aus einem Ge⸗ wölbe zu dringen ſchien, deſſen geöffnete Thür er ſogleich darauf erreichte. Vorſichtig betrat er die Stufen einer dunklen Treppe, welche hingbleitete, allein noch war er nicht am Fuße derſelben angekommen und eben um eine Ecke ge⸗ bogen, als ihn der helle Schein einer Blendlaterne traf, welche ihm den Eingang in ein kellerartiges Gemach zeigte. Das Licht der Laterne war ihm entgegen gerichtet und blendete ſein Auge, ſo daß er erſt allmählich die ihn hier umgebenden Gegenſtände unterſcheiden konnte: aber bald bemerkte er zwei Marodeure, welche ſich eines weiblichen Weſens bemächtigt hatten, das ſich augenſcheinlich nur noch mit dem letzten Reſt ſeiner Kräfte der Zudringlichkeit der Unmenſchen zu erwehren ſuchte. Wie ein Blitzſtrahl ſtürzte Eduard unter ſie, welche zwar im erſten Augenblick ihre Beute aus den Händen ließen, da ſie aber nur einen ein⸗ zigen Gegner gewahrten, dieſelbe wieder faßten und Miene machten, ſich dieſes läſtigen Zeugen mit Gewalt zu ent⸗ ledigen. Ein Piſtolenſchuß ſtreckte den nächſten der Frevler zu Boden, und ſchnell die Waffe wegwerfend, erfaßte Eduard, der wegen ſeiner im Schloſſe Krasnor erhaltenen Wunde ſich nur des rechten Armes bedienen konnte, den Säbel,
Aus der Gegenwart. Was ſich Berlin erzählt. Herrn Tempeltei's Glück und Ende. Wir Berliner ſind ein leichtgläubig Volk. Was wir gedruckt
Gſen, wird geglaubt; und da hier viel Gedrucktes erſcheint und
alle Berliner leſen und ziemlich alles Gedruckte leſen, ſo muß der Neid ſelbſt uns zugeſtehen, daß wir ſtark im Glauben ſind. Dabei ſind wir nicht völlig frei von Eitelkeit, wie die böſe Welt uns nachrühmt, und unterſtützt jene noch jenen, ſo wär's kein Wunder, wenn er ſich zur Kraft ſteigerte, Berge zu verſetzen.
Bis zu dieſem bibliſchen Glauben ward unſer Gemüth durch die überſtrömenden Lobartikel gefeſtigt, in welche ſich die Wiener Journale über das Erſtlingswerk eines jungen Poeten ergoſſen. Dies Werk war eine Tragödie, altgriechiſchen Inhalts und Form, und hieß Klytämneſtra. Der Autor derſelben ward ſchon deshalb von der Kaiſerſtadt als ein Phänomen geprieſen, da dies„claſſiſche Meiſterwerk“, das Erſtlings⸗Opfer auf dem Altar der Muſen, von einem ganz jungen Manne herrührte, der noch nicht einmal ſeine Studien beendet, mithin die Menge noch ſchwankte, ob er das Ge⸗ wicht ſeines Genius in die Schale Apollo's oder der Themis wer⸗ fen würde.„.
Dieſer junge Mann— mit einer gewiſſen Genugthuung ſagen wir's— iſt„ein Berliner Kind,“ Sohn eines eben ſo be⸗ ſcheidenen, als in der zeichnenden Kunſt hochgeachteten Mannes, des Landſchaftsmalers Tempeltei, deſſen Studien, namentlich für den Baumſchlag, in faſt allen Schulen eingeführt worden. Sein Sohn, von Allen, die ihn kennen, als ein eben ſo geiſtreicher wie
liebenswürdiger junger Mann geſchätzt, hat hier eine ziemlich um⸗ fangreiche Familie, zahlloſe Kreiſe von Bekannten und Freunden
und durch ſeine Commilitonen die geſammte Jugend Berlins für ſich. Iſt es nun zu verwundern, wenn unter ſolchen Umſtänden
ein von Wien ausgegangener großer Ruf, von Familien, Freun⸗
den, Bekannten, Patriotismus und Eitelkeit unterſtützt, die Theil⸗ nahme für den jungen poetiſchen Landsmann den Siedepunkt des
Enthuſiasmus ausgohr? Auch fehlte es an Beifall nicht; an der
Caſſa ſchon wurde applaudirt, in den Corridors gerufen, und im Innern des Saales waren die begeiſterten Zuhörer bereits ent⸗ zückt, noch lange vor Auffliegen des Vorhangs. Endlich rollte
dieſer in die Höhe und das Trauerſpiel begann. Da unter den
obwaltenden Conſtellationen der Erfolg des Stückes ſchon vor der⸗ Vertheilung der Rollen geſichert war, ſo wäre es überflüſſig des rauſchenden Enthuſiasmus zu erwähnen, den die Vorſtellung, durch ein wirkliches poetiſches Talent unterſtützt, unter den an⸗ weſenden Freunden des Dichters erzeugte. Beifall und Hervor⸗ ruf war endlos, und Jedermann verließ voll Entzücken das Haus. Auf dem Schlachtfelde der Bühne ſelbſt hatte der Autor einen Triumph errungen, der dem in Wien gefeierten ſchwerlich an Größe und Geräuſch nachſtand. 1 Etwas Anderes iſt es mit der Kritik, bei der ex officio nicht die Begeiſterung, ſondern kalte Prüfung vorherrſchen ſoll; die
Wahrheit, nicht Leidenſchaft die Feder führen muß; deren Urtheil
auf Ueberzeugung, nicht auf Verwandtſchafts⸗ oder Freundſchafts⸗ bande ſich ſtützen darf. Sie fiel im Allgemeinen ſowohl dem Wie⸗ ner Journalismus, als der dortigen und hieſigen Theater⸗Begeiſte⸗ rung ſehr widerſprechend aus. Da ſich unſere Mittheilungen hier darauf beſchränken, zu verkünden„Was ſich Berlin erzählt“, nicht
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