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776 Royeſlen⸗Zeitung.
den Befehl, den Zweck der Sendung erſt in einem, zehn Werſte von dem Aufenthalt des Edelmannes entfernten Orte der Mannſchaft bekannt zu machen. Der General ſelbſt forderte dieſe in einer kurzen Anrede auf, ihrem jungen Führer in Allem blinden Gehorſam zu leiſten und bei Ausführung ſeiner Befehle ſelbſt die augenſcheinliche Todesgefahr nicht zu ſcheuen. Ein lautes Hurrah war die Antwort des todesmuthigen Häufleins, das fröhlichen Sin⸗ nes, als gälte es einen luſtigen Streich auszuführen, in ſüdweſtlicher Richtung dahinziehend, beim Klange munterer Soldatenlieder hinter einer Waldecke verſchwand.
Der Mann, deſſen Haupt ein ſo nahes Ungewitter be⸗ drohte, der Graf von Z..., war einer der begütertſten Großen des Czarenreiches, gleich ausgezeichnet durch Bil⸗ dung und Kenntniſſe, wie durch Eigenthümlichkeiten, welche ihn zu einem Sonderling ſtempelten. Er hatte den größ⸗ ten Theil ſeiner Jugend auf Reiſen, namentlich in Italien und Frankreich, verlebt und er war in Rom, Neapel und Paris einheimiſcher als in den Hauptſtädten ſeines Vater⸗ landes. Aber dem äußeren Firniß, welchen ſeine Sitten in jenen Metropolen der Kunſt und feineren Cultur ange⸗ nommen, hatte ſtets die Schroffheit ſeines Inneren wider⸗ ſtanden, welches, jeder ſanfteren Regung unzugänglich, nur die Leidenſchaft kannte: nicht diejenige Leidenſchaft, welche, leicht entflammt, ſchnell wieder verraucht und abſchäumt, ſondern jene zähe, unvertilgbare Gluth der Liebe wie des Haſſes, die ſich im Jünglinge entzündet und im Greiſe noch ungeſchwächt fort lodert, auf die Höhen des Herois⸗ mus führt oder zu Handlungen grauſer Barbarei hinreißt, und die den Sprößlingen ſlaviſcher Nation ſo eigen iſt. Im geſelligen Umgange ein vollkommener Weltmann, war er oft von überwältigender Liebenswürdigkeit; allein ein gewiſſes Etwas in ſeinem Weſen hielt von jeder näheren Gemeinſchaft mit ihm ab und unter ſeinen Bewunderern zählte er nicht einen einzigen Freund. Bald finſter und
abgeſchloſſen, bald von heiterer Zuvorkommenheit, behan⸗
delte er die Menſchen nur als Werkzeuge ſeiner Launen, weshalb ſelbſt diejenigen, für welche er eine Neigung ge⸗ faßt zu haben ſchien, ſeine Gunſtbezeigungen als zweideu⸗ tiges Geſchenk betrachteten. Obgleich er, zu eiferſüchtig auf ſeine Unabhängigkeit, es wiederholt verſchmäht hatte, ihm angetragene wichtige Poſten im Staatsdienſte zu über⸗ nehmen, fand er ſich doch unaufhörlich in politiſche In⸗ triguen verwickelt und ſein Ehrgeiz ließ ihn immer nur danach trachten, irgend wie eine hervorragende Rolle zu ſpielen. Er hatte ſchon das reifere Mannesalter erreicht und die zügelloſen Ausſchweifungen, denen er ſich zu Zei⸗ ten hingegeben, ſchienen zum Beweiſe zu dienen, daß er zarteren Banden zu widerſtreben verſtehe, als eine ſchöne Landsmännin, die ihm in einem glänzenden Kreiſe zu Rom entgegentrat, ihm Gefühle einflößte, deren Macht dies bis dahin ungebändigte Herz unterlag. Von dieſem Augen⸗ blick an, da er für Olga erglühte, war die Brücke zu ſeiner Vergangenheit abgebrochen, der Strom ſeiner Leidenſchaft wogte nur nach der Geliebten hin, den Beſitz ihrer Hand um jeden Preis zu erringen, warf er alle ſeine Begierden, ja ſich ſelbſt in deſſen Fluth und ſchien geläutert wieder emporzutauchen. So beſaß er alle Eigenſchaften, um Gegenliebe zu gewinnen, und ſeine Bewerbungen waren den Eltern Olga's ſo willkommen, daß ſie bald ſeine Gattin wurde. Mit ihr empfand er, der nur ſtets auf den rau⸗ ſchenden Tummelplätzen der Geſellſchaft Befriedigung ge⸗ funden hatte, nun plötzlich eine mächtige Sehnſucht nach Ruhe und Einſamkeit. Gern folgte ihm ſeine junge Ge⸗ mahlin aus dem ſchönen Italien in die unwirthlichen Ge⸗ filde der Heimath auf eines ſeiner Lieblingsſchlöſſer und lebte dort der Geſelligkeit zwar nicht ganz entwöhnt, aber doch in ziemlicher Abgeſchiedenheit an ſeiner Seite. Glück⸗ lich in des Grafen ſchwärmeriſcher Liebe, ſänftigte ſie mit dem ſiegenden Zauber edler Weiblichkeit die wilden Wogen ſeines Gemüths. Er ſelbſt glaubte in ihren Armen aus
in Coventgarden in der Rolle der Peggy in Garrick's Luſtſpiel: The country girl auf. Die kleine Miß Mudie recitirte correct
und anmuthig, ihr Gang und ihre Haltung zeugten von bewun⸗ dernswürdiger Sicherheit, ſie hatte eine fuͤr ihr Alter ſtarke und wohltönende Stimme und die ganze Action verrieth Verſtändniß der Sache und ſelbſt ein gewiſſes Studium. Kurz, ihre Leiſtungen waren, als die eines Kindes betrachtet, außerordentlich, und wäre es bei der Natur der Sache überhaupt möglich geweſen, von dem Unnatürlichen der Erſcheinung ganz zu abſtrahiren, ſo hätte Miß Mudie eines wo möglich noch glänzenderen Erfolges gewiß ſein können, als Maſter Betty. Aber das Gefühl der Unnatur war von keinem Zuſchauer auch nur auf kurze Zeit zu unterdrücken, und unglücklicher Weiſe war der Inhalt des Stückes der Art, daß der
Contraſt in den größeſten Lächerlichkeiten und Abgeſchmacktheiten
hervortrat. Miß Mudie war ſelbſt für ihr Alter noch klein, und wenn ſie neben dem Schauſpieler ſtand, welcher den Vormund
ſpielte und nur mittler Größe war, ſo reichte ſie ihm bis ans Knie.
Wenn er die Hand auf ihren Kopf legen wollte, mußte er ſich bücken; ſollte er ſie auf die Stirn küſſen, mußte er niederkauern, und wenn ſie ihm auf die Backe klopfen mußte, war er— wie ein Zuſchauer ſich ausdrückte— beinahe gezwungen, auf allen Vieren zu kriechen. Beinahe noch lächerlicher war der Gegenſatz zu einer anderen Mitſpielenden, der bekannten Miß Brunton(nachheriger Lady Craven,, welche mit ihren drei langen Straußfedern auf dem Kopfe eine Geſtalt von beinahe ſieben Fuß ausmachte.
In den erſten Scenen drückte das Publicum ſeine Empfin⸗ dungen bei dieſen Lächerlichkeiten noch ziemlich harmlos durch bloße Heiterkeit aus. Weiterhin aber wurden durch die Handlung des Stückes ſelbſt die Abſurditäten immer größer und immer ver⸗
letzender für den geſunden Geſchmack, und jedes Mal, wenn von der Heldin als„Geliebte,“„Gattin,“ als„Gegenſtand der Eifer⸗ ſucht“ u. ſ. w. die Rede war, erfolgte ein homeriſches Gelächter mit Ziſchen untermiſcht. Im dritten Acte kommt nun Peggy gar in männlicher Tracht vor, und in dieſer ſah die Darſtellerin natur⸗ lich noch kleiner aus als zuvor, ja ein Spaßvogel meinte, ſie er⸗ ſcheine„even too little to be safely put into breeches.“ Nun denke man ſich die lächerliche Wirkung der folgenden Scenen, in welchen der Liebhaber ſie verfolgt, vor ihr auf den Knieen liegt, feurige Liebeserklärungen macht, während ihr Vormund und an⸗ geblicher Gatte von den Qualen der Eiferſucht zerriſſen wird! Das war ſelbſt für einen engliſchen Magen zu ſtark, und das Haus gab von allen Seiten laut ſeine Mißbilligung zu erkennen. An⸗ fangs hatte man, aus Schonung für das Kind, mit den Zeichen des Mißfallens einigermaßen zurückgehalten, ſo lange ſie auf der Bühne war; aber man ziſchte in ihrer Abweſenheit, um, wo mög⸗ lich, die ganze Aufführung zu unterbrechen. Da dies jedoch ohne Erfolg blieb, wurde Miß Mudie jedes Mal mit lautem Pfeifen, Ziſchen und dem Rufe: Fort! Fort! empfangen. Sie hatte in⸗ deſſen eine ſtarke Partei für ſich, welche ihr Möglichſtes that, ſie zu halten; aber der Lärm wurde ſo groß, daß kein Wort mehr zu verſtehen war. Plötzlich trat die kleine Künſtlerin, eine augen⸗ „blickliche Pauſe benutzend, mit großer Keckheit und Ruhe vor die Lampen und ſprach mit feſter Stimme:„Ladies und Gentlemen, ich habe nichts gethan, was Sie beleidigen könnte, und würde ihnen ſehr verpflichtet ſein, wenn Sie diejenigen, welche hieher geſchickt ſind, um mich auszuziſchen, aus der Thür werfen wollten.“* Eine ſo dreiſte Sprache aus dem Munde eines achtjährigen Kindes machte das Publicum einen Augenblick ſtutzig. Darauf
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