verſiegelten Brief an einen der vornehmſten ruſſiſchen Edelleute, deſſen Beſitzungen ſchon im Rücken der franzö⸗ ſiſchen Armee lagen. Der Umſtand, daß das Fach, welches dieſen Brief aufbewahrte, in ſinnreicher Verborgenheit an⸗ gebracht war, zuſammengeſtellt mit dem auffälligen Beneh⸗ men des Fremden, der Alles daran ſetzte, um der Ge⸗ fangenſchaft zu entgehen, und ohne Zweifel eine wichtigere Perſon war, als ſeine äußere Geſtalt vermuthen ließ, er⸗ regte in Eduard den Verdacht, daß der Brief ein gefähr⸗ liches Geheimniß enthalten möge, und er war nun doppelt auf die Ausſage der Vedette geſpannt, welche wieder ruhig auf ihrem Poſten hielt.
Dieſe meldete, daß der Fremde ſich in einer Vertiefung bei ihr vorbeizuſchleichen verſucht und auf den Ruf, zu halten, ſein Pferd in ſchnelleren Gang verſetzt habe. Dar⸗ auf ſei ſie ihm nachgeeilt, um ihn zum Stehen zu zwingen, jedoch in der Entfernung von einigen Schritten habe ſich der Verfolgte plötzlich zurückgewendet und eine Piſtole ab⸗ gefeuert, deren Kugel ihr nahe am Kopfe vorbeigegangen ſei, und ehe ſie ihr Pferd, welches nach dem Schuſſe einen Seitenſprung gemacht, wieder antreiben gekonnt, einen ſo bedeutenden Vorſprung erreicht, daß es ihr allein ſchwer⸗ lich gelungen ſein würde, den Reiter zu dem gefährlichen Satze zu vermögen.
Die militairiſchen Vorſchriften erforderten, dieſen Vor⸗ fall genau und umſtändlich weiter zu berichten, und obwohl Eduard ſich dieſer Obliegenheit mit größter Gewiſſenhaf⸗ tigkeit unterzog und ſelbſt die Brieftaſche als vermuth⸗ liches Eigenthum des Unbekannten der Meldung beifügte, ſo ließ er doch das Portrait in derſelben unerwähnt, da er glaubte, daß dieſes mit dem Intereſſe des Krieges in keiner Beziehung ſtehe, und aus dem vielleicht noch wahreren Grunde, weil er ſich nicht von ihm trennen mochte, da ihm eine innere Stimme zurief, daß ſein eigenes Schickſal mit dieſer Angelegenheit verflochten ſei. Mit der feſten Ueber⸗ zeugung, daß die Zukunft den Schleier dieſes Geheimniſſes
Novellen⸗Zeitung.
noch lüften werde, ſuchte er nun die Ruhe wieder zu ge⸗ winnen, welche ihm auf ſeinem Poſten nöthig war.
Der mit der Meldung an den Vorpoſtencommandanten abgeſendete Reiter brachte ihm den Befehl zurück, ſich nach ſeiner Ablöſung bei dem Diviſionsgeneral zu melden. Ob⸗ gleich darin durchaus nichts Auffälliges lag, ſo wurde ſeine nun einmal aufgeregte Phantaſie dennoch dadurch wieder auf weite Bahnen geleitet und er würde ſich, um alles An⸗ dere unbekümmerter als er ſollte, noch lange Zeit auf ihnen ergangen haben, wenn der ergraute und kriegserfahrene Wachtmeiſter ſeinen jungen Vorgeſetzten nicht darauf auf⸗ merkſam gemacht hätte, daß das eintretende Dunkel eine erhöhte Wachſamkeit und veränderte Aufſtellung der ver⸗ mehrten Poſten erfordere. Dieſe Erinnerung verlieh ſei⸗ nem Ehrgefühl das Uebergewicht über Alles, was bisher ſeinen Geiſt beſchäftigt hatte, und gab ihm die völlige Frei⸗ heit deſſelben wieder, mit welcher er ſich nun den Berufs⸗ pflichten hingab. Unter unermüdlicher Thätigkeit ver⸗ gingen die Stunden der Nacht und mit dem erſten Schimmer des Morgenrothes begrüßte zer die Schaar der Kameraden, welche ihn von dem Poſten abzulöſen heran⸗ naheten.
Dem erhaltenen Befehle gehorchend, ritt Eduard ſofort
in das Hauptquartier ſeines Corps und fand den General von Officieren ſeines Stabes umgeben, denen er mündliche Befehle ertheilte oder die er mit Depeſchen abfertigte, wobei Eduard aus den begleitenden Aeußerungen klar wurde, daß man ſich auf einen entſcheidenden Kampf vorbereite. Endlich befand er ſich mit dem Generale allein, der ihm freundlich gebot, ſich zu nähern und ihm die geſtrige Mel⸗ dung mit einer umſtändlichen Beſchreibung der Perſon des Flüchtlings zu wiederholen. Eduard berichtete wahrheits⸗ getreu und ausführlich den Vorfall und vermochte nun, dem General gegenüber, den Umſtand mit dem Portrait nicht länger zu verſchweigen. Er überreichte ihm das Ge⸗ fundene. Bei dem erſten Blick auf daſſelbe wurde in den
angenommen, ſondern ſie haben ſich auch die ganze prieſterliche
Organiſation angeeignet, ſo daß ſie in Beziehung auf die Recht⸗ gläubigkeit mit den Arabern auf derſelben Stufe ſtehen. Sie unterſcheiden ſich aber von den Arabern durch ihre eigene Sprache, durch das Ausſehen, indem ſie durchſchnittlich höher und kräftiger
ewachſen ſind, auch nicht den orientaliſchen Typus haben, ſo daß ſelbſt blaue Augen und blonde und rothe Haare unter ihnen nicht ſelten vorkommen, und durch ihre Sinnesart. Während der Ara⸗ ber, bei aller Vorliebe für das Nomadenleben in Zelten, doch gern in monarchiſcher, ſtaatlicher Abhängigkeit lebt, hat der Kabeile, trotzdem daß er in feſten Hütten und in Dörfern wohnt, doch einen unbeſiegbaren Widerwillen gegen jede feſte Ordnung und Autorität.
Sie leben in lauter kleinen Republiken, wenn man dieſe Zuſtände,
in denen die roheſte Willkührlichkeit, kaum durch religiöſe Satzun⸗ en in etwas gezügelt, vorherrſcht, ſo nennen darf, und befehden 6 untereinander unaufhörlich. Da die Gebirge, auf denen ſie wohnen, ſich nicht beſonders für Viehzucht und Ackerbau eignen, ſo treiben ſie die meiſten Handwerke, die dort gebraucht werden; ſie weben Wolle, verfertigen Waffen und Pulver, verſtehen zu mauern und zu zimmern u. ſ. w. Aber auch dabei offenbart ſich ihr vorwiegender Hang nach Beute; die Falſchnünzerdi iſt unter den Kabeilen ſtark im Schwunge. Da die Gebirgsgegenden, in denen ſie leben, nicht ſo an Production von Lebensmitteln gewin⸗ nen, als die Bevölkerung zunimmt, ſo ziehen ſtets Schaaren von Kabeilen nach den größeren Städten oder in die Ebenen zu den Arabern und arbeiten dort um Lohn. Die meiſten Packträger im Hafen zu Algier, die Handlanger bei Bauten, die Arbeiter in den Gärten ſind Kabeilen. Bei ſolchen Arbeiten ſind ſie rühriger und ausdauernder als der Araber. Haben ſie auf ſolche Weiſe etwas
erworben, ſo kehren ſie ins Gebirge zurück, bis neuer Mangel ſie zu neuer Arbeit treibt... Wenn ganz Nord⸗Afrika nach unſern Begriffen ein armes Land iſt, weil die edlen Metalle fehlen, ſo ſind die Kabeilen wieder im Allgemeinen die ärmſten. Der Araber treibt noch einen gewiſ⸗ ſen Luxus mit Pferden, Waffen und Kleidern; der Kabeile ent⸗ behrt auch dieſes Prunks. Seine Bekleidung beſteht größtentheils nur aus einem wollenen Hemde; ſo ſchreitet er barhaupt und barfüßig einher, im Gürtel ein Meſſer, in der Hand das lange Gewehr. Sie ſind beſſere Schützen als die Araber, weil ſie, im Gebirge lebend, mehr mit wilden Thieren zu kämpfen haben und auch ihre Fehden als Fußgänger fechten, während der Araber nicht gern anders als zu Pferde kämpft. Uebrigens ſind ſie entſchieden wilder und roher als die Araber und imponiren dadurch ſelbſt dieſen. Zu den Kabeilen gehören auch die Bewohner des Riffs.“
Zur Kunſtgeſchichte. Zwei theatraliſche Wunderkinder.
Wo der Geſchmack des großen Publicums für die echte Kunſt unempfindlich geworden iſt, da ſtellt ſich ſogleich die ſchnöde Ge⸗ winnſucht mit dem Ungewöhnlichen und Pikanten, als Reizmittel
für die abgeſtumpften Nerven, ein. Daß bloß⸗zu dieſem Zwecke gewiſſenloſe Eltern aus ihren Kindern Treibhauspflanzen erziehen und dadurch die Unglücklichen nicht nur um den ſchönſten Tbei ihres Lebens betrügen, ſondern auch gegen die Würde der Kunſ einen Frevel begehen, der leider niemals ſtark genug gerügt wor⸗
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