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Noveſſen⸗Zeitung.
IIl. Jahrg. ne
5— 22 feurigen Schwüren gelobte er ſich, ihr das Vermächtniß der Eiche ſtand und die Blicke auf dem Bilde in ſeiner din des gefallenen Freundes zu überliefern und deſſen Stelle Hand ruhen ließ. Wie tief er ſich aber auch in ſeine Ge⸗ di bei ihr zu erſetzen. Aber wo ſollte er ſie finden? Wer danken verſenken mochte, er gelangte zu keinem Aufſchluß dß
war ſie und welcher Art waren die Bande, die ſie an den und begnügte ſich endlich mit der Hoffnung, ihn in den
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Freund geknüpft hatten? Dieſe Fragen legten ſich wie
eine ſchwere Bürde auf ſeine Seele, und er vermochte es
ſich ſelbſt nicht zu erklären, aus welchem Grunde die letztere am ſchwerſten wog. Keine Erinnerung aus der Vergangen⸗ heit trug nur einiges Licht in dieſes Dunkel; die Familien⸗ verhältniſſe ſeines Freundes, des Grafen B..y, waren ihm ſtets unbekannt geweſen. In der Akademie zu S.. hatten ſie ſich gefunden, gleiches Alter, gleiche Geſinnungen und Neigungen, ſo wie übereinſtimmende äu hatten die beiden Jünglinge in ſeltener Freundſchaft ver⸗ einigt, und der Zufall war ihnen ſo günſtig geweſen, als ſie nach vollendeter Ausbildung Dienſte genommen, ſie wieder in demſelben Regimente zuſammenzuführen, in wel⸗ chem ſie ſo eben ihre erſten Waffenthaten verrichtet hatten. Bei der innigen Vertrautheit, die zwiſchen ihnen beſtanden, war es ihm allerdings auffällig erſchienen, daß der Jugend⸗ gefährte, ſobald er zu Mittheilungen über ſeine Heimath und ſeine Eltern aufgefordert wurde, ſeine ihm ſonſt eigen⸗ thümliche Offenheit verlor und ſich nur auf flüchtige An⸗ deutungen beſchränkte, welche mehr errathen ließen als feſt— ſtellten, daß er, ſchon ſeit dem früheſten Kindesalter eine Waiſe, von einem Vormunde, durch den er jetzt noch ſeine Einkünfte erhalte, erzogen und bald außerhalb ſeines Va⸗ terlandes in eine Erziehungsanſtalt gebracht worden, und, obwohl er in Deutſchland geboren, ſeine eigentliche Heimath und ſein väterliches Beſitzthum an den Ufern des Dnieſter gelegen ſei. Niemals hatte er von Geſchwiſtern oder an⸗ dern nahen Verwandten geſprochen, und Eduard war nicht weiter in ihn gedrungen, da es ihm nicht entgehen konnte, daß der Freund bei Berührung dieſes Gegenſtandes ſtets in eine ziemliche Unruhe gerieth.
ßere Verhältniſſe
Dies Alles vergegen⸗ wärtigte ſich jetzt Eduard, während er noch immer unter
Papieren des Todten zu finden, welche deſſen treiter Die⸗ ner mit dem übrigen Nachlaſſe entweder noch aufbewahrte oder den Vorgeſetzten überliefert hatte. Die körperlichen Anſtrengungen dieſes Tages ſowohl, als die Gemüthsbe⸗ wegungen, denen er unterlegen, erzeugten nun aber in ihm das Bedürfniß nach einiger, wenigſtens kurzer Ruhe; er übergab ſeinem alten Wachtmeiſter das Commando des Poſtens und warf ſich auf den Boden, wo er, nachdem er das ihm anvertraute Kleinod wieder ſorgfältig verwahrt hatte, bald entſchlummerte.
Ein lebhafter, beunruhigender Traum beſchäftigte auch im Schlafe ſeine Sinne, der ihm deshalb keine eigentliche Erquickung gewährte, als ein in der Nähe fallender Schuß ihn plötzlich wieder aufweckte. Er ſprang empor, und mit der ihm ſtets zu Gebote ſtehenden Geiſtesgegenwart ertheilte er ſofort die ſolchenfalls nöthigen Anordnungen, indem er ſich ſelbſt aufs Pferd ſchwang und auf der kurzen Strecke dahinjagte, welche ihn von der Stelle trennte, wo ſo eben der Rauch des abgefeuerten Gewehres ſich in den Lüften verlor. Bald war eine kleine Anhöhe erreicht, die ihm den Vorgang, der jenen Schuß veranlaßt haben mochte, ver⸗ barg, und ſogleich erblickte er in einiger Entfernung einen ſeiner Uhlanen, der einen Mann verfolgte, welcher, auf einem kleinen, aber flüchtigen Pferde reitend, zu entkom⸗ men ſuchte. Seinem Renner die Zügel laſſend durchflog Eduard die Ebene, die ſich von hier ſanft nach den Ufern der Moskwa hinneigte, und war bald in der Nähe des Fliehenden, der, gleich einem Schatten, bald rechts, bald links mit bewundernswerther Behendigkeit den Lanzen⸗ ſtößen des Uhlanen auswich und nun, als er keine andere Möglichkeit des Entrinnens vor ſich ſah, ſein Pferdchen nach dem Fluſſe zutrieb und von dem faſt haushohen Ufer
Feuilleton.
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Die Riff⸗Piraten.
Das Rencontre der Mannſchaft der preußiſchen Corvette
Danzig an der marokkaniſchen Küſte hat von neuem die Aufmerk⸗
ſamkeit auf den dortigen Ueberreſt mittelalterlichen Fauſtrechtes
gelenkt, von dem viele unſerer Leſer nicht ohne Erſtaunen hören werden, daß er gar nicht in der wilden arabiſchen Race und der unchriſtlichen Geſinnung jener Völker, ſondern in germaniſchem Blute, in chriſtlicher Nationalität ſeinen Urſprung habe. Die Romantik der Freiherrlichkeit und Freibeuterei, die bei uns im
Nöorden ſich ſeit dem Mittelalter ſo ziemlich überlebt hat, iſt die⸗
ſelbe, die im Süden noch in vollſter Blüthe ſteht, denn auch dieſe ſtammt aus unſern deutſchen Gauen: die Kabylen ſind die Nach⸗ kommen der Vandalen, jenes am meiſten ariſtokratiſchen von allen germaniſchen Stämmen, der am
irges ſeinen älteſten Sitz hatte.
Ein Herr C. Berndt, der unter Abdelkader gedient und ſeine Erlebniſſe unter d. Titel„Abdelkader oder drei Jahre eines Deut⸗
ſchen unter den Mauren“(Berlin, Nikolai. 1840) herausgegeben
hat, läßt auf Veranlaſſung der neueren Ereigniſſe eine kleine Bro⸗ ſchüre„Die Riff⸗Piraten“(Paſewalk, Braune) erſcheinen, der wir
Fuße des ſchleſiſchen Rieſenge⸗
ſeinige Details über jene unſere entfernten Stammesgenoſſen ent⸗ nehmen. Der Verfaſſer erzählt: 3
„Dem Frieden an der Tafna, der 1837 zwiſchen Abdelkader und den Franzoſen geſchloſſen wurde, gingen fünf Schlachten an der Tafna voran. Von einem verunglückten Fluchtverſuche kaum mit dem Leben davon gekommen, hatte ich in der Verzweiflung Theil am Kampfe gegen die Franzoſen genommen. In der zwei⸗ ten Schlacht wurde ich am Fuße durch einen Schuß verwundet und mit den andern Verwundeten, etwa 40 an der Zahl, zur beſſern Pflege nach der weſtlich von der Tafna gelegnen Gebirgsſtadt Matt Roma gebracht. Es iſt dies die Stadt, die auf den Kar⸗ ten gewöhnlich Nedroma geſchrieben iſt. Meine Wunde war nur leicht; ſchon nach einigen Wochen machte ich Spaziergänge in der Umgebung der Stadt. Dieſe iſt etwa ein bis zwei Meilen vom Meere entfernt und liegt auf dem höchſten Gipfel des Gebirges, das ſich ungefähr 2000 Fuß über dem Meere erhebt. Ich genoß alſo die Ausſicht aufs Meer und über die Landſchaft nach Weſten. Dort wurde der Gebirgszug, auf welchem Matt Roma liegt, von einem tiefen Thale begrenzt, auf deſſen anderer Seite ſich wieder eine Fortſetzung des Gebirges zeigte. In nordweſtlicher Richtung ſprang es mit ziemlich ſteilen Felsklippen in das Meer vor; in der
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