Dabei mußte der abenteuerliche Mann ſich ſagen, daß in ſeinem Alter— er hatte die erſte Hälfte der Dreißiger überſchritten— eine verlorene Leidenſchaft ein vielleicht unerſetzlicher Verluſt ſei⸗ Bei ſeinem ſkeptiſchen Naturell zumal und bei der egoiſtiſchen Souverainetät, mit der er in ſeinen Anſprüchen an das Leben auftrat, hatte nur ein Mädchen mit ſo vollkommenen Reizen und ſo unerſchöpf⸗ licher Beweglichkeit des Geiſtes, wie die erſte Heldin vom Théatre Royal in Paris ſie beſaß, ſeine Ironie beſiegen, ſein Herz zur Leidenſchaft entflammen und dauernd an ſich feſſeln können.
Wenn er nun aber dieſe Feſſeln wieder brechen, wenn er dieſe Unterwerfung bereuen und vor der ſarkaſtiſchen Schärfe ſeines Verſtandes dieſe Leidenſchaft in Nichts auf⸗ löſen ſollte,— er mußte ſich ſagen, daß die Erbitterung darüber dann ſeinen letzten Glauben an weibliche Hoheit zerſtören, daß er dann auf immer ſeiner zerſetzenden Ironie, ſeinem liebloſen und in dieſer Liebloſigkeit ſo vereinſamten Egoismus anheim fallen würde. Der Gedanke daran er⸗ füllte ihn mit Grauen. Die Zukunft lag ohne Liebe und darum ohne Hoffnung, ohne Glanz und Freude vor ihm, eine finſtre, öde, einſame Nacht.„Weiber, o Weiber,“ rief er aus,„wer je an Euch den Glauben verlor, den Glauben kann ihm nur ein Engel wieder geben, und die Engel ſind verſchwunden von dieſer Erde!“
In ſeinem Trübſinn hatte er nicht gemerkt, wie ge⸗ räuſchlos die Thüre ſeines Kerkers ſich geöffnet hatte, wie in unhörbarem Tritt eine feenhafte Geſtalt an ihn heran⸗ getreten war, ängſtlich hatte ſie, ihm nahe gekommen, die Linke auf das pochende Herz gedrückt, um die auf⸗ wallende Empfindung niederzuhalten, und dann ſenkte ſie unmerklich ſanft ihre Rechte auf des Gefangenen dunkles, lockenreiches Haupt. Da erſt empfand er die Nähe eines anderen Weſens, er hörte ein Herz pochen, einen zitternden Athem wehn,— er blickte auf und ſiehe, da ſtrahlte ein ſanft und ernſt glühender Stern in ſeiner Seele düſtre
Novellen⸗
* zeitung.
Nacht. Wie es nur eines Funkens bedarf, um eine Welt in Flammen zu ſetzen, ſo leuchtete bei dieſem einen Blicke ſein ganzes Inneres in neuem Lebensmuthe auf. Es gab wieder ein Licht für ihn, und von dieſem Momente beſeelte ihn die Sehnſucht und die Zuverſicht, dem Lichte dieſes Sternes den Reiz und Glanz ſeines Daſeins zu ver⸗ danken!
„Baron,“ ſo redete Adelaide zuerſt ihn mit ernſtem Vorwurf an,„was haben Sie an mir gethan!“
„Adelaide,“ antwortete er nicht weniger ernſt,„was haben Sie an mir gethan?“
„Sie haben mich der Lächerlichkeit preisgegeben!“
„Sie haben mich dem Marquis verrathen.“
„Sie hatten mir ja Ihre Feindſchaft erklärt!“
„Sie wollten ja meine Freundſchaft nicht annehmen!“
„Konnte ich ihr denn trauen 2“ rief Adelaide ſchmerz⸗ voll aus.„O, Ihnen iſt ja das ganze Leben ein Spiel. Alles, was Sie umgibt, dient Ihnen zum Spott. Nichts iſt Ihnen heilig, vor Nichts haben Sie Ehrfurcht!“
„Und doch—“ ſagte Ottomar jetzt mit einem Ernſte, wie Adelaide ihn nicht an ihm kannte,—„und doch hatte ich einſt vor einem Weſen eine heilige Ehrfurcht!— Aber als ich da zum erſten Male mit der Gewiſſenhaftigkeit einer Leidenſchaft das Leben ergreifen, als ich Ihnen meines Daſeins Ernſt zu Füßen legen wollte— Adelaide, Sie
wiſſen es ja, wie ſchwer es uns wird, Euch Frauen einer
glänzenden Oeffentlichkeit zu vertrauen,— warum mußten Sie mich da verrathen?— warum muß ich Sie nun ſo mit einem fremden Manne in einem fremden Lande wie⸗ derfinden?“
„Weil ich wußte,“ erwiderte ſie,„wie Ihr Männer Euch gewiſſenlos ſo gern die Reize unſerer Zuneigung ſtehlt, wie Ihr ſo ſchwer aber Euch herbeilaßt, einer Künſt⸗ lerin Euer Herz zu ſchenken, darum wandte ich mich in Paris ſchon an den wunderthätigen Marquis und ſuchte durch ſeine Macht Sie zu feſſeln.“
Roſen geſchmückte Erato und fügte an die Stelle des oberſten Steigbügels eine Leyer ein; ſodann erſchien die lorbeerbekränzte. Kalliope und fügte an die Stelle des unterſten Steigbügels eine Leyer ein; endlich erſchienen Melpomene mit dem Cypreſſenkranz und Thalia mit dem Jocusſtab gemeinſam und fügten in die Mitte jener beiden Leyern noch eine in das Wappen. Die wache⸗ haltenden ſeligen Knaben ſtimmten ſodann im Verein mit ſeligen
Mädchen, Amoretten und Genien heilige Geſänge an— bis Apollo
mit den drei Erzengeln erſchien, um das Wappen weihend und ſegnend in Schutz zu nehmen. Darauf öffnete ſich die Aetherwöl⸗ bung in höchſter Höhe: im Oſten erglänzte der Olymp und im Weſten der„Himmel“. Und während nun die um das Wappen beſchäftigt geweſenen Geiſter nach Oſten und Weſten emporſtiegen, ſahen f Jupiter und„der Herr“ eine Weile ernſt und ſchweigend an, als waren ſie über eine hoͤchſt bedenkliche Sache noch nicht recht einig. Endlich aber erheiterten ſich die Züge Beider, als hätten ſie ſich verſöhnt; und Jupiter ſprach:
„Will er in meinem Himmel mit mir leben,
So oft er kommt, er ſoll ihm offen ſein!“
Und der leutſelige„Herr“ im Weſten, der keine unfruchtbaren Kriege liebt, ſprach mit ſanftem, begütigendem Tone:„Der meine auch?“— Indem nun die Sonne nach alter Weiſe tönte, ſchloß ſich die Aetherwoͤlbung, die ganze Erſcheinung war verſchwunden — und auf der übrigen Erde ſowohl, als auf dem graben, war nur das gewöhnliche Werktagsgetreibe zu ſehen.
Und als die Leute zufällig nach jenem Hauswappen ſahen, erblickten ſie die drei Leyern, ohne jedoch allzuviel dabei zu
denken. Aber ſie waren da und ſind noch da bis auf den heuti⸗ gen Tag.—
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großen Hirſch⸗
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und höchſten Regionen all' jene Wunder ſich begaben, war das Knäblein, das um jene Stunde in dieſem Hauſe geboren, faſt wie todt und gab kein Lebenszeichen von ſich; da wuſch man aber ſeine Herzgrube mit Wein, und plötz⸗ lich ſchlug es die Augen auf, ſo daß die Großmutter freudig er⸗ ſchreckt rief:„Räthin, er lebt!“—
Und das Knäblein lebte nicht nur, ſondern ſtrebte auch, ward ein Männlein und ein Mann und hat ſein ganzes Leben lang gar oiel auf der Leyer geſpielt, ſchöner als irgend ein Anderer. Iſt
Während in jenen hohen
auch ein gar vornehmer Herr geworden; doch nennt man ihn
gewöhnlich nur mit ſeinem ſchlichten Namen: Wolfgang Goethe.—
„Alles Vergängliche
Iſt nur ein Gleichniß;
Das Unzulängliche,
Hier wird's Ereigniß.“
Zur Länder⸗ und Völkerkunde.
Ein Jagdabenteuer an der Mosquitoküste.
An einem ſchönen Nachmittag nahm ich mein Doppelgewehr auf die Schulter und ging nach dem Walde. Von Zeit zu Zeit blieb ich ſtehen, bald um auf den Geſang eines Vogels zu lauſchen, bald um eine glänzende Eidechſe zu beobachten, welche durch die grauen Steine ſchlüpfte. Während ich ſo zwiſchen den Bäumen
vorwärts ſchritt und mich gemächlich dem Vergnügen des Spazier⸗ ganges hingab, wurde meine Aufmerkſamkeit plötzlich durch ein
(II. Jahrg.
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deiun vera


