Dritte folge.
Novellen-Zeitung.
Wer iſt Caglioſtro?
Memoiren⸗Novelle aus der Geſchichte des vorigen Jahrhunderts.
(Fortſetzung.) IX.
Einen Theil ſeiner Wette mit dem Prinzen hatte Baron von Velſen bereits zur Wahrheit zu machen begonnen: der Prinz war auf dem beſten Wege, in Prinzeß Amelie, die gemäß der diplomatiſchen Rückſichten ſeines väterlichen Hofes Ottomar ihm beſtimmt hatte, ſich ſterblich zu ver⸗ lieben.
Nach jener Unterredung Adelaidens mit dem Attaché, in der er ſeine Lächerlichkeit belauſcht hatte, war ſein Ge⸗ müth begreiflicher Weiſe auf das Plötzlichſte und Gewalt⸗ ſamſte von dieſer ſeiner alten und glühenden Leidenſchaft ab⸗ gewandt worden. Jene darauf folgende Begegnung, in der die ohnmächtige Prinzeß Amelie in ſeine Arme geſunken war, hatte ihn auf die innige Leidenſchaft und auf die zar⸗ ten Reize dieſes jungfräulichen Weſens aufmerkſam ge⸗ macht. Die Ausbildung dieſer Aufmerkſamkeit aber zu einer lebhaften Neigung hatte Prinzeß Amelie wiederum dem wunderlichen Baron von Velſen zu danken.
1 Als dieſer ſich als Graf Caglioſtro enthüllt hatte, eilte die Prinzeß zu ihm, als dem größeren Wunderthäter, und
bat auch ihn um einen Liebestrank zur Feſſelung des
Prinzen.
„Meine Kunſt,“ antwortete Ottomar,„iſt Natur, meine Zaubermittel ſind phyſiologiſch, und darum wirken ſie ra⸗
dical wie keine Wundercur!“
„Und welches Zaubermittel rathen Sie mir?“ frug Amelie treuherzig.
„Ihr deutſchen Mädchen,“ gab Ottomar zur Antwort, „ſeid alle— verkorkte Champagnerflaſchen. In Euch lebt es und ſiedet es,— es fehlt nur das Huit! um be⸗ rauſchend hoch hinaus zu ſprudeln! erſt ein wenig gehen, dann— Gnade Gott uns Allen! Drum— Prinzeſſin, ſeien Sie coquett!“
Die Prinzeſſin folgte ſeinem Rathe und— die Wir⸗ kung blieb nicht aus.
usſchließlich mit ihr beſchäftigt hatte, ausrufen:
Laßt Ihr Euch aber
ſie wirklich lieben könnte,— und ich thu's auch! Ich ſehe
gar nicht ein, warum ich denn durchaus dieſe franzöſiſche Coquette lieben ſoll! Die Prinzeſſin iſt ja auch coquett. — O Gott, und wie! Zum verrückt werden!“
Und der Prinz war entſchloſſen, ſie zu heirathen. Aber vorher wollte er noch ſeine Rache an Adelaide üben. Das war der Grund, weshalb er das Rendez-vous von ihr erbeten hatte.
„Sie ſollen ſehen,“ ſo ſagte er ſich,„mein Herr Baron von Velſen und mein Fräulein Adelaide, daß ich reif für dieſes Leben bin.— Ich will Ihnen eine Scene vorſpielen, die Ihnen mein Talent zum Erſchrecken be⸗ weiſen ſoll!“
Adelaide aber gab dem ohne Unterſchrift ihr über⸗ gebenen Briefe Gehör, weil ſie Ottomar in dem Brief⸗ ſteller vermuthete. Zitternd, fiebernd eilte ſie während des Cotillon nach der verabredeten Galerie,— wie groß war alſo ihr Staunen, ihr Schreck, als der Prinz ihr dort ent⸗ gegentrat!
„O Himmel, der Prinz!“ ſchrie ſie unwillkührlich auf.
„Ihr Prinz!“ erwiderte er.
„Was ſoll das?“
„Keine Ausflüchte,“ ſagte er ernſt,„Sie ſind ja doch hier, von meinem Briefe gebeten!“
„Ein Brief— von Ihnen? O Gott! Ich— ich weiß von keinem Briefe.“
„Alſo noch immer keine Ehrlichkeit?“ rief er jetzt heftig aus.„Gut denn, mögen Sie von einem Briefe wiſſen wollen oder nicht, Sie ſollen bleiben und mich hören!“
Er ergriff nicht ohne Gewaltſamkeit ihren Arm, zwang ſie auf einem nahe ſtehenden Sopha ſich niederzulaſſen und ſchloß einen Vorhang, durch den dieſer Theil der Galerie wie eine Loge abgegrenzt wurde.
„Was wollen Sie von mir?“ rief Adelaide entſetzt.
„Die Larve Ihnen von der Seele reißen! Sie haben falſch, abſcheulich falſch an mir gehandelt!
„O wenn Sie wüßten!“ ſagte ſie flehend.:
„Nichts bleibt mir zu wiſſen übrig. Während Sie mich ſtets Hoffnung in Ihren Augen leſen laſſen, verhöh⸗ nen Sie mich hinter meinem Rücken!“ Ich— Sie verhöhnen?“ bat die Schöne ängſtlich
zärtlich.„Prinz, ſehen Sie mir ins Geſicht! Kann
dieſer Mund Falſches von Ihnen ſprechen?“ Und ſie ſah Als der Prinz ſich den Abend des Maskenballes über mußte er entzückt „Was iſt denn in die Couſine Amelie für ein Seiſt gefahren? Die iſt ja wie umgezaubert, gar nicht
ihn mit einem jener durchdringenden, unendlich treu⸗
herzigen Blicke an, den die Frauen, die ihn beſitzen, für
den letzten und unfehlbarſten Rettungsanker halten. Maximilian war ſeiner Sache gewiß, und unerſchüttert
1 wieder zu erkennen! Hat ſie mich doch maltraitirt, daß ich fuhr er fort:„Wahrlich, ich würde es in dieſen Zügen


