Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
754
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Der Ritt nach dem Abendroth.

Es wollt' ein Mann in der Nähe ſehn Die Pracht der ſinkenden Sonne. Ganz dicht an der Abendröthe zu ſtehn, Bedünkt ihm die höchſte Wonne.

Er ſuchte ſich Weg über Berge und Thal, Ein rüſtiger Reiter und Späher;

Doch wie er auch ſpähet' und ritt zumal, Er kam dem Ziele nicht näher.

Die Sonne ging unter. Er aber ritt fort, Ritt fort auch am folgenden Tage,

Damit doch das Roß zum erſehnten Ort Vor nächſtem Dunkeln ihn trage.

Als wieder nun glänzte das Abendroth, War's dennoch ferne wie immer;

Doch trotz aller Mühe, trotz aller Noth, Wollt' ruhen und raſten er nimmer.

Es däucht' ihm oft, daß auf naher Höh

Der Himmel die Erde küſſe;

Doch oben dann ſchien's, als ob weiter als je Das Ziel ihm entrückt ſein müſſe.

Als endlich das Meer er vor ſich ſah Und Seeluft friſch ihn umhauchte, Gewahrt' er freudig, wie ſcheinbar nah Die Sonn' ins Gewäſſer ſich tauchte.

Der Schiffe beſtes beſtieg er in Eil';

Das ſegelt', ſo raſch es nur konnte,

Doch kam er, und fuhr's auch dahin wie ein Pfeil, n Nicht näher dem Horizonte.

Gelandet nun in der neuen Welt, Verfolgt er zu Roſſe wieder

Das Ziel, das er einmal ſich geſtellt, Ritt wieder bergauf und bergnieder.

Doch ſiehe! An einem ſchwülen Tag

Hat plötzlich ſein Mühen geendet;

Erſchöpft ſank er hin, und im Tode noch lag Sein Antlitz gen Abend gewendet.

Wie dieſer Narr, ohne Raſt und Ruh', So jagen noch heute Viele Vielleicht auch ich, vielleicht auch du Nach unerreichlichem Ziele.

Wie die Sonnenblume.

Wie die Sonnenblume Nach dem Sonnenlicht, Neigte nach dem Ruhme Sich ſein Angeſicht.

Doch der Ruhm, der ſtolze, Wandte ſo ſich ab,

Daß er Andern Strahlen, Ihm nur Schatten gab.

754 2 Noveſſen⸗Zeitung. lII. Jahrg.

ALBUIM.

vorhof-Ktänge.

Wie die Sonnenblume Inmer ſonnenwärts, Neigte zur Geliebten Sich des Jünglings Herz.

Aber die Geliebte Wandte ſo ſich ab, Daß ſie Andern Liebe, Ihm nur Worte gab.

Wie die Sonnenblume Nach dem Sonnenlicht, Neigte nun zum Mammon Sich ſein Angeſicht.

Doch der falſche Götze Wandte ſo ſich ab,

Daß er Andern Schätze, Ihm nur Arbeit gab.

Wie die Sonnenblume Immer ſonnenwärts, Wandt zum Allerhöchſten Endlich ſich ſein Herz.

Und der Allerhöchſte

Neigte ſich voll Huld,

Goß ins Herz ihm Balſam, Frieden und Geduld.

Sterne, Blumen und Metalle.

Ueber Dir leuchten die ewigen Sterne, Neben Dir blühen ſo liebliche Blumen, Unter Dir bergen ſich edle Metalle: Menſch, wie biſt Du beglückt!

Nicht zu erreichen vermag ich die Sterne, Mir in den Händen verwelken die Blumen, Und die Metalle wer kann ſie genießen? Bald bin ich todt auch wie ſie!

Höre! Du kannſt doch Dich freuen des Lebens, Freuen des Blühens, das ſtets ſich erneuet, 4 Freu'n auch des Schatzes, der, wenn Du ihn hebeſt, Mittel Dir wird zum Genuß.

Sieh, wie ſie alle die Sterne, die Blumen, Und die Metalle Dir winken! O folge: Streb' in die Höhe, geh' ein in die Tiefe, Wirke mit Luſt um Dich her!

Laſſe ſie alle in Dir ſich auch ſpiegeln, Trage die Sterne der Hoffnung im Buſen,

Hege die Blumen der Tugend im Herzen, 5

Schätze des Wiſſens im Geiſt!

Müſſen dann Körper und Seele ſich trennen: Nun, ſo gib jenen dem Schooße der Erde, Dieſe dem Lichte! und das, was Du ſchufſt, Blüh' für die Lebenden fort!

Vorhof⸗Klänge. Von einem Wahrheitſucher. Barmen, Verlag von W. Langewieſche. 1857.

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