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tigte, da ſank er nun in ſich zuſammen und hatte einen jener Anfälle von Convulſionen der Seele, wie ſie ihn überfielen, wenn das Verzweifelte ſeiner Lebenslaufbahn in ſeiner ganzen Gefahr und Zielloſigkeit ihm vor die Seele trat. War er nicht ein Seiltänzer, der hoch über den gewohnten Bahnen der Menſchen tagtäglich ſeinen halsbrechenden Weg zu ſchreiten hatte? Und ſo überkam auch ihn jener fieberiſche Schwindel, der des Seiltänzers ſchlimmſter Feind iſt und von dem man ſagt, daß er in Stunden der Schwäche oder Krankheit den gewandteſten und keckſten Künſtler packe und ihn daniederwerfe, ſo daß er ſich anklammere an den platten feſten Boden und dem Schickſal fluche, welches ihn zwinge, um ſein tägliches Brod dieſen zu verlaſſen und in Thurmhöhe ſchrittweiſe ewige Gefahr des Lebens zu ſuchen!
Aber wenn Caglioſtro auch in ſolchen Anfällen ſich auf die Erde warf— ihm konnte dieſer harte Boden ja nicht einmal die Wohlthat erweiſen, die der Seiltänzer in Wirk⸗ lichkeit dabei empfand. Der Weg, den er wandelte, hatte ſich nicht nur von dieſem irdiſchen Grund und Boden, ſon⸗ dern geiſtig und moraliſch von der beſtehenden Welt der Sitten und Wahrheiten losgelöſt,, und wenn ihn jenes Gefühl des Schwindels traf, dann ſuchte er vergeblich nach irgend einem Halt, nach irgend einer Stütze; dann mußte er es fühlen, daß er nicht nur der Gaukler, der Virtuoſe, daß er der Betrüger, der Verbrecher war. Mit der Welt, von der ſein Genie ſich losgelöſt hatte, hatte er keine— auch nicht eine momentane Gemeinſamkeit mehr.
Gerade eine waghalſige Exiſtenz wie die eines Ca⸗ glioſtro muß das Bedürfniß nach Liebe wachrufen, nach Anſchließen an ein anhängliches Gemüth, das in gleicher Weiſe von den allgemeinen Banden des Lebens ſich losge⸗ löſt fühlt. Es iſt hiſtoriſch, daß Caglioſtro ſeine Gattin Lorenza Feliciani, die Tochter eines Kupferſchmiedes in Rom, die ihn unter dem Namen Serafine begleitete, aus Leidenſchaft geheirathet und ſtets mit der größten Aufmerk⸗
Novellen⸗Zeitung.
ſamkeit und Zartheit behandelt hat.
als ſie noch die Kupferſchmiedstochter am Trinitätsplatze
in Rom warz ſie ſoll ferner Verſuche gemacht haben, es zu ſein, als er ſie in ſtrenger Verwahrung geheimnißvoll mit ſich führte,— Verſuche, die weit weniger tragiſch waren, als die Fluchtverſuche Serafinens, die Alexander Dumas
in ſeinen„Memoiren eines Arztes“ ſchildert;— und es gelang ihr endlich, für ihren fröhlichen Leichtſinn offene
Bahn zu gewinnen, als Caglioſtro nach den erwähnten Ereigniſſen in Paris in die Baſtille geworfen wurde. Lo⸗ renza dankte dem Cardinal von Rohan damals ihre Frei⸗ heit,— und nachdem ſie ihm genügend dafür gedankt zu haben meinte, machte ſie ſich dieſelbe aufs Möglichſte zu Nutzen und unternahm auf eigene Fauſt eine abenteuerliche Kunſtreiſe in die weite Welt hinaus, die weit weniger ge⸗ fährlich, ganz eben ſo einträglich und viel angenehmer war, als die Kunſtreiſen ihres geſtrengen Herrn Gemahls.
Als Caglioſtro, triumphirend von ſeinen Freunden be⸗ glückwünſcht, aus der Baſtille kam, war ſeine Lorenza ver⸗ ſchwunden, und er ſuchte nun die Erhörung einer alten, lange in ihm ſchlummernden Leidenſchaft bei der ſchönen, berühmten, vom ganzen vornehmen Paris umfreiten Ade⸗ laide von Montpenſier. Der ſchlaue Intrigant ſuchte eine Leidenſchaft der coquetten Künſtlerin, durch die ſie unglücklich war, dazu zu benutzen, um ſelbſt mit ſeiner Leidenſchaft bei ihr glücklich zu ſein. Er wußte, wie un⸗ glücklich ſie ſich fühlte in ihrer iſolirten, von der Geſell⸗ ſchaft abgeſchloſſenen Künſtlerſtellung, wie ſie mit aller Kraft ihrer leidenſchaftlichen Seele ſich ſehnte, in einem anderen ſtärkeren und empfindungsreichen Herzen eine Stütze, einen beglückenden Seelenbund zu finden,— und ſo ſtand es ihm als ſchönſtes Ziel des Lebens vor dem Geiſte, ihr dieſes Glück zu ſein, in ihr das Glück, das er ſelbſt ſuchte, zu finden, durch ſeine Intriguen ihr ein reiches ſicheres Leben zu gründen und für die Schätze, die er zu
der als je erwacht, und als er den Ballſaal betrat, war ſeine Un⸗ ruhe ſo groß, daß er ſie nicht zu verbergen vermochte. Er ver⸗ ſchlang alle weiblichen Masken mit den Augen; er durchſtreifte alle Gemächer, und wenig fehlte, ſo hätte er mehrern Masken die Lar⸗ ven vom Geſicht geriſſen. Endlich erblickte er das italieniſche Coſtüm, in dem er ſo oft ſeine Frau geſehen; aber was zeigte ſich ihm! Die Grauſame, die Ungetreue ſtand an der Seite eines ſchönen Tänzers, hörte lächelnd— das glaubte er trotz ihrer Larve
zu ſehen— ſeinen Worten zu und duldete, daß er ihre Hand in der ſeinigen behielt und ſie mehrmals küßte. Außer ſich ſtürzte er auf ſie zu, riß den Dolch, der an ihrem Gürtel hing, aus der Scheide und ſtieß ihn ihr in die Bruſt. Sie ſtieß einen durch⸗ dringenden Schrei aus und ſank bewußtlos in die Arme ihres Tänzers. Bleich, vor Entſetzen erſtarrt blickte Breughel bald auf den Dolch, den er in der Hand hielt, bald auf das Opfer, das er damit getroffen. Alle Dämonen der Hölle zogen ein in ſein Herz, und ſchon ſtand er im Begriff, mit einem zweiten Stoß ſein eige⸗ nes Herz zu treffen, da wurde der Verwundeten die Maske abge⸗ nommen, und mit dem Ausrufe:„Großer Gott, ſie iſt es nicht!“ ſtürzte er hinweg aus dem Saale. Am Ausgang wurde er von einigen Freunden zurückgehalten, die ihn voll Schrecken fragten: „Breughel, was iſt Dir! Biſt Du wahnſinnig geworden?“
„Ja, wahnſinnig, Ihr habt Recht,“ rief er ihnen zu. Doch bald verbreitete ſich die Nachricht, die Wunde, die er der ſchönen Tänzerin beigebracht, ſei nicht gefährlich, die ſtumpfe Klinge des Dolches ſei an dem Atlas des Mieders abgeglitten.
„Was hatte Dir Frau van Artwelt gethan?“ fragte man ihn.
„Errathet Ihr es denn nicht?“ entgegnete er.„Ich glaubte, es ſei meine Frau.“
ſeiner dumpfen Verzweiflung, und der Kampf, verbannte den Gedanken an Selbſtmord.
Dann machte er ſich frei von den ihn Umſtehenden, eilte zu der Verwundeten, wollte ihre Verzeihung erflehen, doch die Worke verſagten ihm. Was hätte er ihr auch ſagen ſollen? 3
Man trug die Dame fort, ſie der Pflege eines Arztes zu über⸗ geben, und Breughel, den ſeine Freunde aufhoben, rief mit wildem
Tone:„Wo iſt meine Frau?“ 8
„So eben noch war ſie hier,“ entgegnete man ihm.. „Gott ſei gelobt,“ ſchrie er wild;„treffe ich ſie diesmal, ſo
will ich wiſſen, wen ich treffe und wohin!“ 3 Damit riß er ſich los von ſeinen Freunden und ſtürmte fort.
Er eilte nach Haus, wo er ſeine Frau zu fineen glaubte, doch ſie war nicht zurückgekehrt und in finſterer Verzweiflung brachte er den Reſt der Nacht hin. Morgens kam ein Bruder ſeiner Frau und ſagte ihm, dieſe würde nicht unter ſein Dach zurückkehren, ſondern auf Scheidung von ihm klagen, weil ſie beinahe das Opfer des auf ſie geführten Dolchſtoßes geworden wäre. Breughel ant⸗ wortete kein Wort; er lächelte bitter und ſeufzte ſchmerzlich. Den⸗ noch war dieſe Nachricht zu etwas gut: ſie ſtachelte ihn auf aus der ihm bevorſtand, Noch an demiſelben der Wohnung der Frau van Artwelt. Er mit ihr in Geſellſchaft zuſammen⸗ Aehnlichkeit mit ſeiner Magdalene iger friſch, als dieſe, aber zarter⸗ urch Zwang mit einem alten
Tage ging er nach kannte ſie ſehr wohl; er war oft getroffen und hatte ihre große bemerkt. Sie war vielleicht wen weniger ſchön, aber hübſcher. D Procurator verheirathet, war ſie ſch einer unglücklichen Ehe Witwe geworden und durch das Teſtament ihres Mannes in den Beſitz eines großen Vermögens gelangt. Breughel glaubte, ſie würde ihn abweiſen, doch zu ſeiner
(II. Jahrg.
Lorenza aber war leichtſinnig; ſie ſoll es ſchon geweſen ſein, ehe er ſie kannte,
on nach dem zweiten Jahre
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