Jahrgang 
27-52 (1856)
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lichkeit nicht dumm und die Dummheit nicht ehrlich! So verſtand es auch Herr Hofrath Wagner vortrefflich, ſeinen perſönlichen Vortheil unter der Maske der Gutmüthigkeit und des Vertrauens zu verdecken, und haſtig ſprach er zu dem Marquis:Wo iſt das Document? Ich rette uns das Leben, vielleicht auch das meines erlauchten Herrn, her mit dem Document! Es wird einregiſtrirt.

Belmont hatte durch Vivona, der von Hauſe aus ein ungeſchickter Kupferſtecher war, ein Document des gewünſch⸗ ten Inhaltes fälſchen laſſen, und dieſes gab er dem haſti⸗ gen, gläubigen Hofrath, der nun mit demſelben ſpornſtreichs nach dem Archiv eilte, um es zu einer Betrügerei daſelbſt zu deponiren, deren Tragweite er in ſeiner Kurzſichtigkeit nicht erſehen konnte.

Der Marquis aber, von ihm allein gelaſſen, lachte ihm diesmal nicht ſo höhniſch nach, wie er es wohl gewohnt war, wenn ihm an irgend Jemand eine handgreifliche Gau⸗ nerei gelungen war. Er hatte heute gar keine Freunde an ſeinem Handwerk und deſſen Erfolgen, ſondern, die Hände vor das Geſicht ſchlagend, tiefe, ſchwere Seufzer aus ſeiner Bruſt ſtoßend, ſank er, nachdem er ſich umgeblickt hatte, ob er allein ſei, in den nächſten Seſſel und überließ ſich hier einer Stimmung des Schmerzes und der Verzweiflung, die in den Geberden ſeines ganzen Körpers einen ſo er⸗ ſchreckend wahren und lebhaften Ausdruck fand, wie ihn nur die ſüdliche Natur des Italieners, bekanntlich des pantomimenreichſten Volkes, zu geben im Stande iſt.

Ein jeder Menſch, der die ganze Kraft ſeines Willens, alle ſeine geiſtigen und körperlichen Lebenskräfte an die Erreichung eines außerordentlichen, über die gebahnte Ge⸗ wohnheit hinausgehenden Zieles zu ſetzen ſich entſchloſſen hat, kommt in dieſem ſeinen Streben an Momente, wo das Ziel, das vielleicht eben nahe ihm vorſchwebte, wie uner⸗ V reichbar ſeinen Augen entrückt ſcheint; wo er an der Zu⸗ länglichkeit ſeiner Fähigkeiten, die er vielleicht ſo eben noch mit triumphirender Thatkraft für unbeſiegbar in ſich fühlte,

Noveſſen⸗Zeitung.

(II. Jahrg.

zu zweifeln, ja zu verzweifeln beginnt; wo der Muth des Weiterringens ihn verläßt und, weil er an die Erreichung dieſes einen Zweckes ſein ganzes Leben ſetzte, die Möglich⸗ keit des Lebens ihm abzureißen ſcheint. Da ſehen wir täglich unter uns den ehrgeizigen Politiker, den bewun⸗ derten Schauſpieler, den berühmten Virtuoſen, den leiden⸗ ſchaftlichen Speculanten ſtolz, lächelnd, höflich, übermüthig einherwandeln, und wir ahnen nicht, wie ſie vor wenig Stunden vielleicht in der Einſamkeit ihres Trachtens und Brütens Augenblicke hatten, wo ſie die Hände rangen, die Zähne knirſchten und den Himmel um Hülfe oder Rache beſchworen!

Auch der große, berühmte, diaboliſche Graf Caglioſtro, der durch ſeine Lügen die halbe Welt beſiegt batte, konnte ſolchen Momenten der Deſperation und Zerknirſchung nicht entgehen, und jetzt zumal, wo ſeine Exiſtenz mehr als je auf dem Spiele ſtand.

Der Abſchnitt ſeines wechſelreichen Lebens, in dem wir ihn hier finden, iſt jenes Jahr der Flucht, 1787, in dem er, den berühmten Namen des Grafen Caglioſtro verheim⸗ lichend, von Paris über London und durch Deutſchland nach der Schweiz und nach Italien ging, um eine Zuflucht gegen die Nachwehen zu finden, zu denen ſeine in Paris

ausgeübten Betrügereien ſich entwickelten.

Wir können jene Kataſtrophe bei unſern Leſern als bekannt vorausſetzen und brauchen daran nur durch den

hiſtoriſch gewordenen Act desDiamanten⸗ und Halsband⸗

diebſtahls zu erinnern, der ziemlich ſo vor ſich gegangen iſt, wie Goethe ihn in ſeinem LuſtſpielDer Großkophta ſchildert. Eine Betrügerbande benutzte den Ehrgeiz des bei Hofe in Ungnade gefallenen Cardinals von Rohan, um ihm vorzuſpiegeln, die Königin Marie Antoinette, entgegen⸗ geſetzt den Stimmungen der Uebrigen, liebe ihn, wolle ihn in der Gunſt des Königs reſtauriren und ſein Glück im Großen gründen, wenn er ihr zum Beſitz eines, viele Millionen werthen Halsbandes von Diamanten verhelfe

Feuilleton.

d.

Des Rünſtlers Eiferſucht.

In einer ſtattlichen, von vier Pferden gezogenen Kutſche hielt der junge Maler Breughel*) ſeinen Einzug in Antwerpen. Ob⸗ gleich die Antwerpner ſich durch Rubens, Teniers und Vandyk be⸗ reits daran gewöhnt haben konnten, ſtaunten ſie über den Glanz, mit dem der junge, ſchon reiche und berühmte Künſtler ſich um⸗ gab. Bald waren alle großen Häuſer der Stadt ihm geöffnet, alle jungen Herren ſuchten ſeine Bekanntſchaft, alle jungen Mäd⸗ chen trachteten nach ſeiner Liebe. Breughel ſchwärmte zwiſchen verliebten und ritterlichen Abenteuern umher, doch bald feſſelte ihn die ſchöne Magdalena van Alstoot, die er auf einem Balle bei dem Erzherzog kennen lernte. Er warb um ihre Liebe, ihre Hand, und das ſchöne verwaiſte Kind wies ihn nicht zuruck. Wurde ſie doch die Gattin eines großen Malers und großen Herrn; durfte ſie doch hoffen, an ſeiner Seite die Welt kennen zu lernen, in der er glänzte, und von Luſtbarkeit zu Luſtbarkeit zu eilen. Doch groß war ihre Täuſchung, denn kaum hatte das Band der Ehe ſie

*) Breughel iſt der Name einer ganzen berühmten niederländiſchen

Künſtler⸗Familie. Sammet⸗Breughel bekannte Maler.

ſmit dem glänzenden, 1 plötzlich ſeine ganze Lebensweiſe veränderte.

Der Held dieſer Geſchichte iſt der unter dem Namen

leichtfertigen Künſtler vermählt, als dieſer⸗ Er floh die lauten, lärmenden Geſellſchaften, wollte ſein Glück nur in der Einſamkeit und in dem häuslichen ſtillen Kreiſe finden, und um darin nicht

geſtört zu werden, zog er ſich auf ein einſames Landhaus zurück,

um hier ganz ſeiner Kunſt und ſeiner Liebe zu leben.

Breughel fühlte ſich in der neuen Exiſtenz zufriedener und glücklicher, als in der frühern geräuſchvollen, doch ſeiner jungen Frau ſagte dies Leben keineswegs zu. Sie wollte die Welt ſehen, von der Welt geſehen werden und in ihr glänzen; ihre Sonne war der Kronleuchter eines Ballſaals, ihr liebſtes Vergnügen der Tanz. Breughel aber tanzte nicht; er fand den Tanz ein albernes Ver⸗ gnügen und war der Meinung, daß er zumal für Ehemänner gar keinen Zweck habe. Breughel war eiferſüchtig, doch weit entfernt, auf ſeine Eiferſucht zu achten, fühlte ſeine Magdalene ſich nur da⸗ durch gereizt; Gefallſucht, anfangs bei ihr nur eine Laune, wurde dadurch endlich zur Leidenſchaft, und ſie bat, ſie beſchwor ihren Mann, ſie in die Geſellſchaft Antwerpens zu führen. Breughel aber hörte nicht auf ihre Bitten; er theilte ſeine Zeit zwiſchen einem angefangenen Gemälde, das Paradies darſtellend, und ein⸗

ſamen Spaziergängen in der Umgegend ſeines Landhauſes, auf

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welches dasabe vorhält