Vivona hatte ſeiner Gewohnheit gemäß von dem Cham⸗ pagner, den er einſchenkte, ſo eben heimlich den Schaum abgenippt und fuhr erſchreckt auf, als er hinter ſich von dem großen Bücherregal her plötzlich laut nieſen hörte. Der Marquis aber blieb ruhig dabei und ſagte nur ge⸗ laſſen:„Du brauchſt nicht zu nieſen, mein Junge, um mich wiſſen zu laſſen, daß Du von meinem Glaſe naſcheſt. Ich gönne Dir ja gerne jeden Biſſen, den Du heimlich zu Dir nimmſt, und rathe Dir nur, Dich zu hüten, daß die drei Orangen, die Du gekoſtet haſt, mit den drei Glas Champagner ſich auch vertragen mögen.“
Indem lachte der Marquis laut auf, und Vivona, über das unerwartete Nieſen noch immer verdutzt, frug zaghaft:„Warum lacht mein Meiſter?“
„Hahaha! Vor zwei Stunden erzählte ich dem Gra⸗ fen und der Gräfin, ich hätte mir Anno 1510 bei Martin Luther's Doctorſchmauſe an einer Hammelskeule zum letz⸗ ten Male den Magen verdorben. Iſt das nicht zum Todtlachen, Vivona? Haha! So lache doch, Vivona, wenn ich lache!“
„Ja, ja,“ ſo zwang der Schüler ſich zum Lachen,„zum Todtlachen, haha!“
Mit dieſem Momente ſchallte ein lautes, ausgelaſſenes Gelächter durch das Gemach. Ottomar, der in ſeinem Verſtecke ſchon erſt ſich nicht den Scherz verſagen konnte, Vivona durch jenes Nieſen zu verrathen, vermochte jetzt nicht bei des Marquis unerhörtem Lügengeſtändniß des Lachens ſich zu enthalten, und da er durch daſſelbe ſich ein⸗ mal verrathen ſah, ſo ließ er ſeinem Uebermuthe alle Zügel ſchießen und platzte in ein volles losgelaſſenes Lachen der Art los, wie die Literaturgeſchichte es als ein homeriſches
Novellen⸗
zu bezeichnen pflegt, das durch die akuſtiſch gebaute Wöl⸗ bung der Decke eine ganz beſondere Wirkung erlangte. Im ſelben Augenblicke aber war der Marquis auch
wild und jäh wie ein Tiger aufgeſprungen und hatte
Zeitung.
Vivona bei der Kehle gepackt. er ihn an,„warſt Du das?“
„Ich nicht,“ ächzte der Diener,„ich nicht! Wo hätt' ich die Courage!“
„Was war es denn? Was war es denn?“ fuhr jener weiter ihn an, nicht ohne eignes Zittern bei dem Gedanken, verrathen und entdeckt zu ſein.
„Geiſter ſind's geweſen,“ ſtöhnte Jener,„nichts als Geiſter!“
„Geiſter? Lächerlich— Geiſter!“ So ſuchte der Andere in Hohn und Wuth ſeinen Schreck zu übertäuben.
„Warum nicht? Glaubt Ihr denn nicht an Geiſter?“
„An Deine Schurkereien nur! Wart', Bube! Du willſt mich foppen? Du kommſt nicht los von mir, bis wir die Zimmer unterſucht haben, und empfiehl dem Him⸗ mel Deine Seele, wenn Du fremde Leute—“
Es war gegen Abend, und in der letzten Viertelſtunde hatte die Dunkelheit im Zimmer eilig zugenommen. Bel⸗ mont hatte alſo ſeinen Diener an die verſchloſſene Thür geſchleppt, und ſeinen Degen ziehend, ſchleuderte er ihn gegen dieſelbe und befahl ihm:„Hol' Licht!“
Doch ehe dieſer dazu kam, den Schlüſſel zu nehmen und zu öffnen, ſah man die Thüre weit aufgehen und eine lange weiße Geſtalt in derſelben erſcheinen.
„Geiſter!“ ſchrie jetzt der junge Menſch, muthlos in ſich zuſammenbrechend:„da kommen ſie— Geiſter— lauter Geiſter! Ich hab's geſagt!“
Auch der Marquis konnte ſich eines Schreckens nicht wehren, aber ſchnell ſich ſammelnd fuhr er die Geſtalt an: „Was ſoll das?“
„Mon Dieu, erzürne ich Sie, mein ſüßer Freund?“ ſo
„Was iſt das?“ brüllte
tönte die lispelnde Antwort.
„Nein, nein! Nicht Sie, mein Engel! Ich dachte eben an Anderes. Ich war im Kampfe mit den böſen Geiſtern.“ So erwiderte der Marquis gefaßt.
Feuilleton.
—n
Eine geſährliche Lage.
Auf meiner Rückkehr vom obern Miſſiſſippi war ich genöthigt, eine der wilden Prairien zu überſchreiten, welche in dieſem Theile der Vereinigten Staaten dem Lande ein ſo ganz eigenes Aus⸗ ſehen geben. Das Wetter war ſchön; Alles um mich war ſo friſch und blühend, als ob es eben erſt aus dem Schooße der Na⸗ tur hervorgegangen wäre. Meine Jagdtaſche und meine Flinte bildeten mein ganzes Gepäck, mein Hund war mein einziger Be⸗ gleiter. Der Weg, den ich verfolgte, war ein alter indianiſcher Fußpfad, und als die Dunkelheit die Prairie überſchattete, fühlte ich einiges Verlangen, wenigſtens ein Gebüſch zu erreichen, um mich darin zur Ruhe niederzulegen.
Ueber mir hinweg und um mich ſchwebten die Nachtfalken, angezogen durch die ſummenden Flügel der Käfer, die ihre Nah⸗ rung bilden, und das entfernte Geheul der Wölfe gab mir einige Sudaun. daß ich bald an der Grenze eines Waldlandes anlangen würde. Dies war auch der Fall, und da zu gleicher Zeit ein Licht mein Auge auf ſich zog, ging ich darauf zu, in der feſten Ueber⸗
zeugung, daß es von dem Lager einiger wandernden Indianer käme. Ich hatte mich geirrt; ich entdeckte an ſeinem Scheine, daß
les von dem Heerde einer kleinen Blockhütte kam und daß eine hohe
Geſtalt zwiſchen ihm und mir hin und her ging, als ſei ſie mit häuslichen Anordnungen emſig beſchäftigt.—
Ich erreichte den Ort, ſtellte mich an der Thür vor und fragte jene hohe Geſtalt, die ich als eine Frau erkannte, ob ich unter ihrem Dache ein Unterkommen für die Nacht bekommen könnte. Ihre Stimme war rauh und ihr Anzug nachläſſig um ſie gewor⸗ fen. Sie antwortete bejahend. Ich ging hinein, nahm einen hölzernen Stuhl und ſetzte mich ruhig an das Feuer. Der nächſte Gegenſtand, der meine Aufmerkſamkeit auf ſich zog, war ein wohl⸗ geſtalteter junger Indianer, der den Kopf zwiſchen die Hände und die Elbogen auf die Kniee geſtützt hatte. Ein langer Bogen lag neben ihm an der Blockwand, während eine Anzahl Pfeile und zwei oder drei Waſchbärfelle zu ſeinen Füßen lagen. Er rührte ſich nicht; es ſchien, als ob er nicht athmete.
Mit den Gewohnheiten der Indianer vertraut und wohl wiſſend, daß ſie der Annäherung civiliſirter Fremder wenig Auf⸗ merkſamkeit ſchenken(ein Umſtand, der in manchen Ländern als ein Beweis der Apathie ihres Charakters angeſehen wird), redete ich ihn in franzöſiſcher Sprache an, die den Leuten in jener Gegend nicht ſelten einigermaßen bekannt iſt. Er erhob den Kopf, zeigte
[II. Jahrg.
Nr. 46
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