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iſt kein Aufkommen möglich, und wem er einmal ungnädig iſt, dem ſtehe der Himmel bei.— Indeß treten Sie hier ein, Durchlaucht, ich gehe und hole mein gnädiges Fräulein.“
Der Prinz ward in das Gemach gewieſen, das dem Marquis als Wohn⸗ und Empfangszimmer diente.
Noveſlen⸗Zeitung.
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(II. Jahrg⸗
Kaum hatte der Prinz dieſen Gedanken gefaßt, ſo öff⸗ nete ſich die Thür, durch die der Famulus ſich entfernt
hatte, und Adelaide in weitem, falbigem Negligé von
Bei
der unheimlichen Stimmung, in der er ſtets dem unerklär⸗
lichen Manne und ſeiner Wohnſtätte nahen mußte, war es ihm ein ganz beſonderer Schreck, als er, kaum von dem Famulus verlaſſen, ein eigenthümliches Geräuſch in der Mauer vernahm. Wie konnte er hier an etwas Anderes
als an Geiſter denken! und ſo ſagte er ſich:„Vor Geiſtern
ſich zu verbergen, kann nicht Feigheit ſein,“ und trat haſtig hinter einen großen, ſchweren Fenſtervorhang.
Mit nicht geringem Erſtaunen ſah er dann einen Theil der bunten, mit großen Figuren bemalten Tapete ihm gegenüber ſich bewegen, eine verkleidete Thür öffnete ſich und eine ſchwarze Geſtalt in Sammet gekleidet mit langem
Bart⸗ und Haupthaar, dieſelbe Geſtalt des Marquis de
Belmont, die er geſtern plötzlich hinter ſich geſehen hatte,
kam heimlich, forſchend ſich umſchauend, erſt mit dem
Kopfe, dann mit der ganzen Figur zum Vorſchein.
Maximilian wollte ſein Verſteck verlaſſen und dem Eingetretenen ſich zu erkennen geben, weil er vor ihm doch
nicht verborgen ſein konnte, aber in dem Augenblicke ver⸗ nahm er die Stimme der Geſtalt, wie ſie lispelte:„Hier bin ich am Ziel, hier weht ihre Nähe mir entgegen, ich athme Engel, ich athme Adelaide“— war nicht des Marquis Stimme,— Ottomar, ſeinen Freund, den Baron von Velſen erkannte er unter der ſon⸗ derbaren Maske.
Jetzt war der Prinz entſchloſſen zu bleiben, denn ein furchtbarer Verdacht gegen die Geſinnung des abenteuer⸗ lichen Barons ſtieg plötzlich in ihm auf, und er beſchloß die Gelegenheit wahrzunehmen, um hinter die Geheimniſſe
weißer Seide trat herein, den berauſchenden Duft um ſich verbreitend, mit dem ihr eigenthümlich ſeltenes Parfum ſie ſtets begleitete.
„Mon Dieu, Sie ſind es, Marquis,“ rief ſie ein wenig erſchreckt aus, denn ſie erſchrak jedesmal, wenn ſie Belmont ſah,
„ich denke, ich ſoll den Prinzen hier—“
„Ich— der Marquis? Mademoiſelle verkennen mich,“ gab Ottomar zur Antwort.
„Sie— nicht der Marquis?“ frug Adelaide mit wachſendem Erſtaunen.„Wer— wer ſind Sie denn?“
„Mon Dieu, ein alter, alter Freund—“
„Himmel, welche Stimme,“ ſo ſchrie ſie auf,„was hör' ich! Ihr allbarmherzigen Geiſter, das iſt—?“
„Ihr allerunterthänigſter Diener—“
„Nein, nein! Unmöglich! hinweg, hinweg! Sie ſind ein Spuk, ein Blendwerk des Marquis!“
„O nein,“ antwortete von Velſen mit ſeiner ironiſch gelaſſenen Ruhe ihrer Exaltation:„kein Spuk, kein Blend⸗ werk, gar nichts Außerordentliches, ich bin nur einzig und allein ein gewöhnlicher, einfacher, biederer Mann,— Sie
wiſſen ja, Ihr alter, ganz ergebener Freund, der Baron
und dieſe Stimme
des Mannes zu kommen, der ſich ſo unabweisbar und ſo
räthſelhaft in ſein Schickſal drängte.
von Velſen—“.
„Aber— hier? durch welche Zauberei?“
„Keine Zauberei! Nur Extrapoſt und— Extra⸗ ſchlüſſel. Ich ſagte Ihnen ja in Paris, daß hier mein Lieblingsaufenthalt iſt!“
„Ja, Sie ſind's!“ ſagte Adelaide, von ihrem Erſtaunen ſich beruhigend.„Solche Begegnung können nur Sie be⸗ wirken; daran erkenn' ich Sie. Iſt's möglich? Ottomar, mein Ottomar?“ ſo lispelte ſie ſeufzend.
„Adelaide,— ach, leider nicht meine Adelaide,“ ant⸗ wortete er, ihr Seufzen perſiflirend.
„O ſpotten Sie nicht wieder!“ bat ſie.
nen, und da ihm dies nicht gelang, legte er ſcheinbar abſichtslos beide Piſtolen in das feuchte Gras, ſo daß das Pulver langſam von der Pfanne brannte, als die Amazonen ſchießen wollten.—
Hinter heruntergelaſſenem Vorhange ſchlugen ſich 1820 zwei Tän⸗
zerinnen aus ähnlichem Grunde, zwar mit Stoßrappieren, aber mit dem größten Muth und dem heftigſten Zorn.
Um wieder auf die Bühne zurückzukehren, ſo findet man in den Memoiren von Bachaumond die folgende Anekdote:„In der Oper Richard Löwenherz von Sedaine gab der Schauſpieler Cler⸗
val einen Blinden; dieſer hatte dem Gebrauche gemäß zum Führer
einen kleinen Knaben, welchen Mlle. Roſalie darſtellte. Dieſe Schauſpielerin ſteckte ſich aus Schelmerei oder aus Rachſucht die Achſel ihres Arms voll Stecknadeln, deren Spitzen durch das Zeug hervorſtanden. Als nun Clerval ſich auf ihren Arm ſtützte, um auf die Scene zu treten, zerſtach er ſich die Hand ganz abſcheu⸗
lich und erkannte die Bosheit, worauf Mlle. Roſalie ihm mit ſpöt⸗ pielern zu d p von Triſtan ſelbſt, und boten zuerſt dafür 100 Thaler; als ſie aber
tiſchem Lächeln erwiderte:„Ja, das iſt freilich nicht ſo weich wie ein Kamm!“— Sie ſpielte dadurch auf den Stand des Perrücken⸗ machers an, dem der Schauſpieler angehört hatte, ehe er zum Theater ging. Der Marſchall Herzog von Richelieu, welcher von dieſem Auftritte benachrichtigt wurde, zwang Mlle. Roſalie, ſich gegen Clerval zu entſchuldigen, und ließ ſie dann noch in das Ge⸗ fängniß von La Foſſe abführen.
So ließen ſich noch zahlreiche Beiſpiele der Art anführen, wo entweder aus Bosheit, aus Verſehen, oder in Folge eines un⸗ glücklichen Zufalls die Bühne mit Blut gefärbt wurde. a.
„
Der Preis alter Cheaterſtücke.
Man weiß, daß in Frankreich gegenwärtig die Theaterſtücke im Verhältniß zu ihrem Erfolge, die Dichter⸗Tantième genannt, bezahlt werden. Ehedem war es nicht ſo: die Schauſpieler kauf⸗ ten die Stücke gegen einen im Voraus beſtimmten Preis und die Mitglieder der Geſellſchaft dramatiſcher Künſtler, welche ſich mit
einem Vaudeville in drei Acten oft eine Einnahme von 20,000 Fr.
machen, werden ſich gewaltig wundern, wenn ſie erfahren, was die großen claſſiſchen Dichter für die Meiſterwerke erhielten, mit denen
ſie die franzöſiſche Bühne bereicherten.— Das Manuſcript der
Andromache wurde 1667 den Schauſpielern für 200 Livres ver⸗ kauft. Einige Jahre zuvor bat Quinault, der damals noch ganz unbekannt war und das Luſtſpiel Die Nebenbuhler geſchrieben hatte, Triſtan den Eremiten, Verfaſſer der Marianne, ſein Stück den Schauſpielern zu verkaufen. Dieſe glaubten, das Luſtſpiel ſei
erfuhren, daß es von Quinault ſei, wollten ſie die Summe auf
die Hälfte herabſetzen. Triſtan machte ihnen darauf den Vorſchlag,
dem Verfaſſer, ſo lange das Stück gegeben würde, jedesmal dend
in fünf Acten und in Verſen ungefähr mit demſelben Preiſe be⸗ zahlte, den die Funambules jetzt für ein einactiges V
neunten Theil der Einnahme zu zahlen. Das Abkommen wurden
getroffen und gab ſo Veranlaſſung zur Entſtehung der Autoren⸗
Tantième.
So unvortheilhaft dieſe Bedingungen auch ſcheinen, waren ſie dennoch ein ungeheurer Fortſchritt. Zu Ende des 16. Jahr⸗ hunderts und zu Anfang des 17ten war es nicht ſelten, daß das Hoôtel von Burgund, das Théatre français jener Zeit, Trauerſpiele
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