Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
710
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phezeite, daß in Paris Deine Talente erblühen würden! Und die Prinzen und Grafen, die ich dem lumpenum⸗ hangenen Kinde verhieß, haben ſie nicht zu Deinen Füßen gelegen?

Dieſe Prophezeiung und ihre Erfüllung iſt Wahr⸗ heit, antwortete Adelaide mit der tiefen Traurigkeit, die ihres Weſens innerſter Grund war.Daß ich dieſer Thatſache nicht widerſprechen kann, das iſt ja, was mich ſo unglücklich gemacht, was Ihnen dieſen Einfluß auf mein ganzes Leben gegeben hat! Ich kann nicht daran zweifeln, daß Sie eine wunderbare Macht haben, der Menſchen Schickſal zu erkennen und zu leiten; und doch, ich kann auch daran nicht zweifeln, daß nicht Alles Wahrheit iſt, was Sie als wunderbare Kräfte Ihres Weſens ausgeben. Sie ſind mir unbegreiflich; aber daß Sie nicht in Allem ehrlich ſind, das habe ich begriffen

Zeihen Sie mich einer Lüge!

Was hilft es mir! Sie ſind ja ſo gewandt, daß Sie jeden Scrupel durch Ihre ſophiſtiſche Beredſamkeit widerlegen!

Was haben Sie für neue Serupel? Ich will Alles aufklären.

Eines ſpricht am deutlichſten. Wie alt Sie ſind, das kann ich freilich nicht ergründen; daß Sie aber, als Sie dem Prinzen von meinem Alter heute ſprachen, eine Lüge ſagten, das werden Sie mir doch nicht abſtreiten?

Eine Lüge? Pfui, ein abſcheuliches Wort! Ich kann gar nicht ſagen, wie verhaßt das Wort mir iſt. Ich lüge nie, aber ich ſcherze bisweilen! Haben Sie noch immer nicht begriffen, daß ich in vielen Dingen ein Spaß⸗ macher bin, ein toller, ausgelaſſener Spaßmacher? Die Welt wird mich nun doch einmal nie ganz verſtehen, drum müßt Ihr mir mein bischen Humor und Ironie ihr gegen⸗ über ſchon laſſen. Das iſt ja mein einziger, mein letzter Troſt für meine Iſolirtheit, meine Deſperation. Ich bin ein bischen Diabolus, aber gerade hier hatte ich zu dieſem

Heraus damit!

Novellen⸗Zeitung.

Scherze ein gewiſſes Recht. Ich wußte wohl, was ich that; ich wußte wohl, daß ich mit nichts ſo, wie mit dieſen armſeligen hundert Jahren zu viel, Sie kränken würde,

Sie hatten für Ihren Mangel an Aufrichtigkeit, den ich in

jenem Augenblicke erkannte, eine kleine Strafe verdient. Und ich dächte, die Strafe war für Sie und den Prinzen leicht genug, denn jeder Ihrer Blicke, ſchöne Freundin,

der ſich darauf ein wenig verſteht, etwas Anderes als Ironie darin finden konnte!

Der Marquis küßte galant Adelaiden die Hand, und ſie konnte ſeiner Schmeichelei gegenüber eines Lächelns ſich nicht erwehren, als ſie ſagte:Ich wußte es ja, daß ich nur einen Zweifel an Ihnen auszuſprechen brauche, um ihn widerlegt zu ſehen. Aber dieſe ewige Demüthigung meines Verſtandes iſt es gerade, wodurch Sie mich zur Verzweiflung treiben. Was iſt denn nun Alles Ihr Scherz und was Ihr Ernſt? Ich wollte ja gerne mein ganzes Vermögen opfern, das ich Ihnen gab, nur geben Sie mir endlich, endlich einmal Aufrichtigkeit, ganze, volle Auf⸗ richtigkeit über das, was Wunder und was Verſtellung, was Wahrheit und was Lüge an Ihnen iſt! Sagen Sie mir Alles, laſſen Sie mich Alles durchſchauen, und ſelbſt wenn Alles Lüge iſt

Armes, ſchwaches, ſchwaches Kind ſo ſchnitt er ihr die Rede ab, indem er wie zur Beſänftigung ſeine Hand auf ihre Stirn legte, und mit einem etwas hand⸗ werksmäßig biederen Tone, in dem der Unbefangene die Ironie und das bewußte Uebergewicht nicht verkannt hätte, redete er weiter in ſie hinein:Verzage nicht! Ich kenne ſie ja auch, dieſe Jahre des Zweifels, dieſes Stadium des inneren Kampfes, in dem das Höhere in uns dem Drucke des Gemeinen, die beſſere Ueberzeugung dem Zweifel des ordinairen Verſtandes erliegen will. Aber Muth! Muth! Du wirſt endlich zum Durchbruch kommen, zu dem Ent⸗

ſchluſſe gelangen, mir zu glauben und nur mir zu glauben,

Der Morgen brach an, die Luft war kalt, die Erde feucht, und Bos zitterte unter ſeinen Lumpen vor Froſt. Da ſah er einen ſchönen Reiterzug kommen. Die Damen waren in Gewändern von Brocat, geſchmückt mit Silber und Perlen, die Herren in ſtählerner Rüſtung mit goldenen Ketten, und edle Renner mit ſcharlachrothen Decken wurden von Pagen in ſchwarzen Sammt⸗ gewändern geführt; dann kam ein Geleite von Waffenleuten, deren

Rüſtungen in der Sonne glänzten, das war der Herr von Angles, Der ganze Zug

der kam, um die Dame von Bänac zu ehelichen. verſchwand unter dem dunklen Thorgewölbe des Schloſſes.

Bos lief zur Thür, doch man wies ihn zurück, indem man ſagte:Komm Mittags wieder, und Du ſollſt mit den Andern Dein Almoſen bekommen.

Da ſetzte Bos ſich auf einen Felsblock, gemartert durch Zorn und Schmerz. lautes Freudengeſchrei. Ein Anderer ſtand im Begriff, ihm Weib und Gut zu rauben, und er ballte die Fäuſte und hegte Mord⸗ gedanken; doch er hatte keine Waffen, und er faßte ſich daher in Geduld, wie er ſo oft bei den Sarazenen gemußt, und wartete.

Alle Armen der Nachbarſchaft verſammelten ſich, und Bos trat zu ihnen. Er war nicht demüthig, wie der gute König, der heilige Ludwig, der den Bettlern die Füße wuſch; er ſchämte ſich ſehr, zwiſchen dieſen entſtellten, zerlumpten, verkrüppelten Men⸗ ſchen einherzugehn, doch bald ſollte er noch größere Scham em⸗ pfinden, denn als ſie über die Brücke ſchritten, ſah er in dem klaren Waſſer des Grabens ſein ſonnengebräuntes Geſicht, ſeine Haare ſtruppig wie das Fell eines wilden Thieres, ſeine wildflammenden

Augen, ſeinen abgemagerten Körper; dann dachte er daran, daß

er zur Bekleidung nichts hatte, als einen zerriſſenen Rock und das

Er hörte im Schloſſe Trompetengeſchmetter und

Fell einer großen Ziege, und daß er abſcheulicher anzuſehen ſei, als der abſcheulichſte der Bettler. Dieſe ſchrieen zum Lobe der Neuvermählten, und Bos knirſchte vor Wuth mit den Zähnen. Der Zug folgte dem hohen Gange, und Bos blickte durch die geöffnete Thür in den Feſtſaal. Da hingen ſeine Waffen; er er⸗ kannte das Geweih der Hirſche, die er mit Pfeilen getödtet hatte, die Köpfe der Bären, die er erlegte. Der Saal war mit Menſchen erfüllt, und die Freude des Feſtes erſchallte unter dem Gewölbe; reichlich floß der Wein von Languedoc, und die Gäſte brachten die Geſundheit der Verlobten aus. Der Herr von Angles ſprach leiſe mit der ſchönen Dame, die ihm mit freundlichen Blicken zu⸗ lächelte. Als Bos dies ſah, wurde ſein Herz von Eiferſucht er⸗ griffen, er ſprang in den Saal hinein und ſchrie mit furchtbarer Stimme:Hinaus, ihr Verräther; ich bin hier der Herr, ich,

Bos von Bénac!

Bettler und Lügner! rief der Herr von Angles.Wir ſahen Bos auf dem Schlachtfelde fallen. Wer biſt Du, elender Herumtreiber? Dein Geſicht iſt dunkel wie das der verfluchten Sarazenen. Ihr Alle ſeid Teufels Freunde; es iſt der Böſe, der Dich geführt hat. Jagt ihn hinaus und hetzt die Hunde auf ihn!

Doch die Dame bat in ihrer Barmherzigkeit um Mitleid mit dem unglücklichen Wahnſinnigen. Bos, den ſein Gewiſſen rührte, glaubte, daß Jedermann ihm ſeine Sünde auf dem Geſichte an⸗ ſehn könne, und entfloh vor Abſcheu gegen ſich ſelbſt. Erſt in ei⸗ nem öden Steinbruch machte er Halt. Die Nacht brach an, und die Glocke des Berges Campana ertönte. Er hörte die NRäder der Feen des Bergonz ſchnurren. Der in Feuer gekleidete Rieſe erſchien auf dem Gipfel des Anie. Sonderbare Geſtalten erfüll⸗ tem ſein Gehirn, wie die Träume eines Kranken. Der Hauch des

[II. Jahrg.

widerlegte ja wohl meinen Spott ſo lebhaft, daß Niemand,

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