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Novellen⸗Zeitung.
einem mächtigen prachtvollen Folianten im Arm hervor gangenheit, das Rom der Gegenwart und— das Paris⸗
und begrüßte Erlaucht:
„Serenissime, honorabilissime, excellentissime, ama-
bil——““
„Weiß ſchon, weiß ſchon! Ich ſoll's ſein!“ unterbrach ihn der Angeredete.
Der Gelehrte, dem das freie Sprechen, wie allen Ge⸗ lehrten, unendlich ſchwer wurde, fuhr, mit Mühe ſeine Ge⸗ danken ſammelnd, fort:„ —— serenissime, honorabilissime, piissime Domine Co- mes ab Sayn-Sayn-Kiffhausen!“
So hatte er mit ſchweißtriefender Stirn die mächtige Phraſe der Anrede aufathmend endlich vollendet, aber nun unterbrach Erlaucht grauſamer Weiſe ihn von Neuem: „Kinderchen, ich verſtehe ja nichts, ich habe ja nichts ge⸗ lernt in meiner Jugend! Deutſch, Profeſſorchen, deutſch — wenn Ihr könnt! Was iſt denn das?“ ſo frug er auf das Buch weiſend.
Und Wagner gab pathetiſch zur Antwort:„Ein un⸗ terthäniger, unwürdiger Knecht hat ſich vermeſſen zu ver⸗ ſuchen, Euch, serenissimo, benevolentissimo, beneſicen-
amabilissime, excellentissime
tissimo—“
Trotz der Blicke und ſanften Ellbogenwinke, mit denen Minette ihn in die franzöſiſche Hofetiquette hineinzwingen wollte, verlor der Reichsgraf jetzt die Geduld, nahm ſeinem Voltaire das Buch aus der Hand und las den Titel, den wir oben vom Marquis bereits nennen hörten:„Die Ge⸗ ſchichte der Entſtehung, Schickſale, Kriege, Landplagen, Schlöſſer und Herrſcher der Reichsgrafſchaft— beginnend von der Schöpfung der Welt Anno 1 bis zur Regierung des serenissimi, honorabilissimi,— alſo wieder ich!“
„Ich habe zu documentiren gewagt,“ ſo verſuchte der Gelehrte wieder das Wort zu ergreifen,„daß dieſes Eurer Erlaucht Schloß daſteht in der Geſchichte aller Völker von Noah bis auf den heutigen Tag als das Sparta der Ver⸗
Verſailles der Jukunft—“ „Ah— bah— Zukunft,“ rief Erlaucht aus und
zog ſich ſeinen Hofgelehrten auf die Seite:„Sagt mir,
Proſeſſor, wie ſteht es mit dem Stein der Weiſen, mit der Allwiſſenheit und mit der Goldküche? Wird Er's zu Stande bringen?— Ich verſteh' mich auf Wiſſenſchaft nicht, ich habe nur einen hausbackenen Verſtand,— den höheren ſollt Ihr für mich haben, darum bezahle ich Euch. Nun einmal rund und ohne Rückhalt mit der Sprache heraus!“
„Was das Wichtigſte, das Gold, betrifft,“ antwortete der Philoſoph höchſt gewichtig,„ſo müſſen wir zunächſt die Frage ergründen: Was iſt Gold? Oder noch früher die Frage: Gibt es überhaupt Etwas, das Gold iſt? Ja⸗ zu allererſt die allererſte Frage: Gibt es überhaupt irgend Etwas, das das iſt, was es iſt?“
„Oho!“ warf der Reichsgraf ein.
„O, das ſind ſehr wichtige Fragen,“ fuhr der große Logiker fort,—„von denen das Glück der Staaten, ja, im Grunde das Beſtehen der ganzen Welt abhängt. Denn ob ein Ding da iſt, ſo in dieſer gemeinen, ganz ordinären Wirklichkeit, ſo auf ganz gemeine Weiſe wirklich da iſt, das iſt völlige Nebenſache; ob es gedacht wird, das iſt das Eigentliche und Wahre! Gold, das da iſt, nur ſo ſchlecht⸗ weg da iſt, das will gar nichts ſagen; Gold, das gedacht wird, das iſt erſt Gold—“
„Nu, nu!“ rief Erlaucht aus:„daß Ihr nicht etwa Gold braut, das nur gedacht wird!— v. Kotzenau, könnt Ihr damit meine Schulden bezahlen?“ ſo wandte er ſich an ſeinen Kanzler.
„Bin Dero Erlaucht allerunterthänigſter Knecht!“ er⸗ widerte dieſer mit ſeiner ſtehenden Redensart.
„Sereniſſime!“ fuhr Wagner fort,„nur gedacht wird? Vergebung: das Gedachtwerden iſt gerade die
ich ihm mit Entzücken zu. Noch jetzt vernehme ich ſeine Stimme. Es ſcheint, als hätte ich eine ſchöne Handlung vollbracht, indem ich mich in das Waſſer ſtürzte, denn oft ſagte er mir, in ganz Eng⸗ land könnte er nicht ein Weib finden, das das ſo gut machen würde wie ich.
„Uebrigens habe ich es nicht wieder verſucht und will lieber Auſtern und Fiſche drei oder vier Jahrhunderte lang verkaufen, als noch einmal ſo viel Seewaſſer trinken.
„Soll ich Euch noch das Ende erzählen? Es iſt immer die⸗ ſelbe Geſchichte; das Ende iſt des Anfangs nicht werth. Nach Verlauf von ſechs Wochen bat er mich, bei meiner Mutter zu leben, indem er mir ſchwur, daß ſein Palaſt mir ſtets geöffnet ſein ſollte; er erwartete einen Geſandten und könnte den nicht in meiner Ge⸗ ſellſchaft empfangen.— Diesmal ging ich ganz allein in die Gon⸗ del— und ſprang nicht wieder in den Canal.
„Ich ſah ihn nur von Zeit zu Zeit wieder; er hatte mich ge⸗ liebt, aber er vergaß mich bald. Eines Tages verweigerte man mir den Eintritt in den Palaſt Mocenico; am nächſten Tage ſchickte er mir eine mit Gold gefüllte Börſe. Ich ſtand neben meiner Mutter vor dem Palaſte Grimani. Ich warf die Börſe in den Canal, lief nach Haus, warf mein ſeidenes Kleid ab, zerriß meine Spitzen, legte ein altes Kleid meiner Mutter an und ſo ſeht Ihr mich noch jetzt. Seitdem habe ich Fiſche und Auſtern verkauft.— Ich faßte einen ernſthaften Entſchluß und ſchlug das Buch bei der ſchönſten Seite zu. Ja was wollt Ihr, ich konnte nicht leſen.“
Wir lauſchten noch immer.„Ihr habt nur 53 Auſtern ge⸗ geſſene ſagte ſie.„Das Stück einen halben Zwanziger, macht 27 Zwanziger.“
Das waren ihre letzten Worte. Wir fanden die Auſtern etwas theuer, bezahlten ſie aber doch, ohne uns zu beklagen.
Dieſe Auſterhändlerin hat ihre Stunde der Poeſie gehabt. Byron ſelbſt, das erhabenſte Genie, hatte nie eine ſo ſchöne In⸗ ſpiration, als Margarita, indem ſie ſich, ihm Lebewohl ſagend, in das Meer ſtürzte. Die Leidenſchaft macht den Dichter. Ich be⸗ trachtete mit der lebhafteſten Neugier dies Weib, das ſich einſt als eine hocherhabene Liebende zeigte und nichts mehr von der Frau zu haben ſchien, ſobald ſie dem duftenden Ufer der Jugend ent⸗ flohen war und der Durſt nach Gewinn ihre Lippen befleckte.
Byron ſelbſt hat einige Bruchſtücke ſeiner Geſchichte mit Mar⸗ garita erzählt. Seine Schilderung trifft nicht Punkt für Punkt mit der dieſer ungeſtümen Heldin zuſammen. So ſagt er z. B. nicht, daß er ſie ſelbſt rettete. Hier möge übrigens das Bild Mar⸗ garita's folgen, wie Byron es entwirft: 8*†
„Sie gewann über mich eine Gewalt, die ich ihr ſtets ſtreitig machte, die ſie aber dennoch immer behielt. Dieſe Gewalt ſtammte von ihrem ſchwarzen Auge, ihrer finſtern und ausdrucksvollen Phyſiognomie; ſie hatte den venetianiſchen Charakter in ihrem Dialekt, ihreu Gedanken, ihrem Weſen, ihrer ausgeläſſenen Naive⸗ tät. Ueberdies konnte ſie weder leſen noch ſchreiben und mich da⸗ her nicht durch ihre Briefe langweilen. Gleichwohl empfing ich zwei von ihr, die ſie mir durch einen Notar ſchreiben ließ, als ich einſt eines Tages krank war. Stolz’ ungeſtüm, anmaßend, hatte ſie die Gewohnheit, zu thun, was ihr zuſagte, ohne ſich viel um die Zeit, den Ort oder die anweſenden Perſonen zu kümmern, und wenn die Frauen des Palaſtes ſich einfallen ließen, ihr zu wider⸗ ſprechen, ſchlug ſie ſie..„,
„Sie hatte tauſend unſinnige Launen. Sie war allerliebſt
III. Jahrg.
Nr. 44.
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