Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
692
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692 Novellen⸗Zeitung.

Halten Sie ein, mein Prinz, ſagte von Velſen mit Würde.Glücklich zu werden, iſt nicht der Fürſten Pflicht, ſondern glücklich zu machen. Und das Glück Ihres Landes, Durchlaucht, verlangt, daß Sie mit ihm die Oberherrlichkeit über dieſe Grafſchaft vereinigen und daß Sie Ihre Couſine Amelie heirathen

Amelie, die liebe deutſche Einfalt? warf Maximilian ſpöttiſch ein.

Prinzeß Amelie, erwiderte Ottomar,hat das Schick⸗ ſal in der allerbeſten Laune nach Leib und Seele nur ge⸗ ſchaffen, damit ſie Ihre Gattin werde.

Baron!

Durchlaucht, ich ſpreche nur Moral, und Sie wer⸗ den ſie erfüllen.

Nie, niel⸗⸗

Paré!

Paré! Was gilt's?

Hm! Ein Adelsdiplom!

Brauchen Sie das?

Nicht für mich. Wenn ich die Wette verliere, ver⸗ liere ich meinen Adel. Viel gewagt.

Gewiß! Sehr viel! Doch wenn ich gewinne, adeln Sie Jemand Würdiges, den ich vorſchlage.

Der Ihnen viel werth ſein muß.

Gewiß! Sehr viel! Ein Wort ſagte von Velſen.

Ein Mann! erwiderte der Prinz. Beide ſchlugen halb ernſt, halb lachend die Hände in einander und die

Wette war geſchloſſen.

Und nun, ich nehme Urlaub, ſagte dann der Baron.

Ich habe nur noch eine Bitte: wenn wir uns bei Hofe

treffen, Durchlaucht, kennen Sie mich nicht.

Aber warum?

Weil ich Ihnen auch einen kleinen, ganz kleinen Ge⸗ fallen thun und die Documente ſchaffen will, die Sie brau⸗ chen, den Erbverbrüderungs⸗Vertrag!

Des Prinzen Ueberraſchung hatte ihren Gipfel erreicht. Der Baron von Velſen, der es ſtets verſtanden hatte, neu und frappant zu ſein, ſtand ihm plötzlich wieder einmal als ein ganz fremder Menſch gegenüber. Er hatte ihn in Paris im luſtigſten Leben von der Welt kennen gelernt und beſann ſich jetzt darauf, daß er über ſeine perſön⸗

kam es denn, daß er jetzt plötzlich ausrief:Baron, Ba⸗ ron, was ſoll ich von Ihnen denken? Wer ſind Sie denn eigentlich? Sagen Sie es mir, ſeien Sie endlich ehrlich gegen mich!

Ich ehrlich? erwiderte der Baron mit ſeinem ironiſch lachenden Munde.Nie bin ich ehrlich! Ich ſehe es an Ihnen, wohin man damit kommt. Mein Prinz, das Leben iſt eine Komödie

Und Sie ſind?.

Ich bin darin Ihr Feind, Ihr Gegner, Ihr Anti⸗ pode, Ihr gutmüthiger, lächerlich treuherziger, innig er⸗ gebener Satanas! Das waren des Barons letzte Worte, mit denen er gewandt, die Achſeln zuckend ſich empfahl.

Verdutzt blieb der Prinz zurück und ſagte zu ſich ſelbſt: Nein, ich werde ihn kennen, ich werde Jedermann ſagen, wer er iſt. Er hat mich ſo umgarnt, daß ich ihn haſſen muß, und doch, wenn ich ihn auch haſſe, ich komme nicht von ihm los. Ein ſeltſamer, fremder, liebenswürdiger Menſch. Der Kammerdiener trat wieder ein und meldete Durch⸗ laucht, daß Erlaucht jetzt zu empfangen geruhten und die Cour beginnen ſollte.

Den letzten Puderſtaub von den Augenbrauen wiſchend, die Handſchuhe anziehend, begab ſich der Prinz in vollſter Gala in den Empfangsſalon zur Feier des reichsgräflichen Geburtstages.

Feuilleton.

OS. 4

Eine geliebte Lord Byron's. (Aus den Erinnerungen eines Touriſten.)

Die Bacchanalien wurden auf dem Lido gefeiert, und Tauſende von Venetianern eilten als Theilnehmer oder Zuſchauer dorthin. Die Bevölkerung war ebenſo belebt als maleriſch. Die Inſel war auf der Seite Venedigs mit Gondeln umlagert und auf der Seite des Meeres war das Ufer mit Badenden bedeckt. Ich blieb vor dem Stande einer Auſterhändlerin ſtehen, um zu verſuchen, ob die Auſtern des adriatiſchen Meeres eben ſo gut ſind, als die von Oſtende. Die Auſtern waren vortrefflich, und die Auſterhändlerin bot dabei zugleich die Ueberreſte einer ernſten, ſtolzen, ausdrucks⸗ vollen Schönheit dar. Der Glanz ihrer ſchönen Augen aber war unvermindert erhalten.

Während ich meine Auſtern, blieb ein Bekannter bei mir ſtehen und fragte:Hat ſie Ihnen ſchon ihre Geſchichte erzählt?

Ihre Geſchichte? Alſo hat das Geſchick ſich einen Spaß mit einer Auſterhändlerin gemacht?

Sie war ſechs Wochen lang die Geliebte des größten Dich⸗ ters der Welt.

Lord Byron's?

Sie hatte dieſen Zaubernamen gehört und mit melancholi⸗ ſchem Lächeln und klagender Stimme wiederholte ſie, indem ſie die Augen zum Himmel erhob, als wollte ſie dort ihren ſchönen, ſchon

ſeit langer Zeit vergeſſenen Roman ihres Lebens leſen.Es war

hier und es iſt lange her, fuhr ſie dann fort.Ich tanzte wie die dort drüben; er ritt am Ufer ſpazieren und kam ſo bis in die

Mitte der Bacchanalien. Ich war die Ausgelaſſenſte und er fand,

daß ich die Schönſte ſei.Gebt mir das ſchöne Mädchen, ſagte er zu dem, mit welchem ich tanzte,gebt ſie mir und Ihr ſollt ſehen, wie ich ſie zu Pferde walzen laſſe.

Mein Tänzer faßte mich und warf mich in die Arme des

Reiters, der mich an ſein Herz drückte und ſeinem Pferde die

Sporen gab. Ha, was war das für ein wilder Tanz! Ichh

ſchmiegte mich an meinen Reiter, wie das Reh unter das Gebüſch

während des Gewitters. Zum erſten Male fühlte ich mich auf

einem Pferde; ich glaubte aber auf einer Woge zu ſein, die an das Ufer ſchlägt. Jede Secunde zitterte ich davor, in das Meer zu ſtürzen.

lichen Verhältniſſe nie etwas Näheres erfahren hatte. So

[II. Jal rg. H

Der Abend brach an, die Nacht überfiel uns und ich hörte die fröhlichen Geſänge der Bacchanalien zwiſchen dem Galopp eines Pferdes und dem Rauſchen der Wogen hindurch. Ich wurde von

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