Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
677
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Der Reichsgraf Ehrenfried von Sayn⸗Sayn⸗Kiffhau⸗ ſen war nie verehelicht geweſen und deshalb ohne ſucceſ⸗ ſionsfähige Nachkommen. Außer Comteſſe Minette hatte er keine anderen Geſchwiſter als zwei Schweſtern, die beide über ihren reichsgräflichen Stand hinaus in Fürſtenhäuſer geheirathet hatten. Die Tochter der Einen war Prinzeß Amelie, die der Leſer dieſer Geſchichte bereits aus dem vorigen Capitel kennt.

Die andere Schweſter des Reichsgrafen, die mit dem ihm benachharten Kurfürſten von*** verheirathet geweſen, war ſehr früh nach der Geburt eines Sohnes geſtorben, und dieſer, in der Taufe Prinz Gottfried genannt, wäre der rechtmäßige Erbe des Reichsgrafen geworden, wenn er überhaupt noch ein Erbe hätte werden können. Leider eriſtirte er nicht mehr, denn nach einer ziemlich unruhigen und bewegten Jugend war er in ſeinem achtzehnten Jahre auf geheimnißvolle Weiſe verloren und untergegangen wie der Reichsgraf meinte, zu ſeinem eigenen Glücke, denn er hätte Zeit ſeines Lebens doch nicht zufrieden werden können bei der Zurückſetzung, die er von ſeinem Vater er⸗ leben mußte; dieſer nämlich, der in zweiter Ehe mit einer Prinzeſſin aus einem der erſten deutſchen Fürſtenhäuſer vermählt war, hatte den Sohn aus dieſer Ehe, den uns V vereits bekannten Prinz Maximilian, der zehn Jahre jünger war als ſein verlorener Bruder Gottfried, zu ſeinem Nachfolger in der Regierung des Kurfürſtenthums ein⸗ geſetzt.

Der Reichsgraf war über dieſen ihm ungerecht erſchei⸗ nenden, ſeine Familie zurückſetzenden Beſchluß des kurfürſt⸗ lichen Schwagers Jahre lang entrüſtet geweſen und hatte jetzt in letzter Zeit erſt wieder mit demſelben Beziehungen angeknüpft, da er fühlte, daß ſein Ende heranrücke, ja, jeden Tag da ſein könne, und er alſo die Erbſchaftsverhält⸗

Dritte Folge.

niſſe ſeiner Herrſchaft bei Zeiten ordnen müſſe.

Vor faſt hundert Jahren war zwiſchen dem Hauſe des Reichsgrafen und dem des Kurfürſten von*** ein Erb⸗ verbrüderungsvertrag abgeſchloſſen worden, in Folge deſſen die Beſitzungen des einen Hauſes an die des anderen über⸗ gingen, ſobald in einem keine directen männlichen Nach⸗ kommen vorhanden waren. Dieſer Fall war jetzt in der reichsgräflichen Familie eingetreten, und es hätte die Herr⸗ ſchaft von Sayn-Sayn⸗Kiffhauſen ſomit an Prinz Maxi⸗ milian und deſſen Vater übergehen müſſen, wenn das Fortbeſtehen jenes Erbverbrüderungsvertrages nachgewie⸗ ſen werden konnte.

Seltſamer Weiſe aber waren die Urkunden darüber verloren gegangen. Weder im Archiv des Reichsgrafen noch in dem des Kurfürſten ließen ſich die vor Jahren dar⸗ über deponirten Documente auffinden, und da die Aus⸗ führung des Vertrages eine Menge von Intereſſen in der Reichsgrafſchaft verletzt haben würde, ſo gab es daſelbſt eine mächtige Partei, welche die fortbeſtehende Gültigkeit deſſelben in Abrede zu ſtellen verſuchte.

Zunächſt war es natürlich die Schweſter des Reichs⸗ grafen, welcher jener Vertrag im höchſten Grade verhaßt war, da er ſie aus der Nachfolge ausſchloß, zu der ſie ſonſt berechtigt geweſen wäre. An ſie nun hielt ſich der große Schwarm derer, die durch eine Vereinigung der Grafſchaft mit dem Fürſtenthum gelitten hätten, die Beamten zunächſt, die einen großen Theil ihrer Selbſtſtändigkeit eingebüßt hätten, ferner die hoffähigen Adelsfamilien der Herrſchaft, die am kurfürſtlichen Hofe viel weniger Beachtung zu er⸗ warten hatten. Dem ſchloß ſich die große Maſſe jener engherzigen patriotiſchen Empfindungen an, die eine be⸗ ſtimmte Abgeſchloſſenheit, einen beſtimmten esprit de corps für ſich haben und den angeſtammten Namen der Sayn⸗ Sayn⸗Kiffhauſer um keinen Preis für einen umfangreiche⸗ ren und bedeutungsvolleren vertauſchen wollten. Vor allem aber war es der Kanzler von Kotzenau, gewiſſermaßen der Premier⸗Miniſter der Grafſchaft, der ſeinen Einfluß und

Zeit, an ſich zu denken, ſie mußte erſt ihren Sohn retten; dann konnte ſie ſterben, aber früher nicht. Sie war ganz ruhig, ganz gefaßt, und mit ruhiger Beſonnenheit bereitete ſie ihre doppelte, ihre fingirte und ihre wirkliche Abreiſe vor..

DOeffentlich wollte ſie mit ihrem Sohn ſich nach Corfu ein⸗ ſchiffen, im Geheimen wollte ſie mit ihm durch Frankreich nach England entfliehen! Aber der engliſche Paß, den ſie zu dieſem

Behuf erhalten, lautete auf zwei Söhne, und Hortenſe beſaß jetzt

nur noch Einen Sohn, ſie mußte daran denken, ſich einen Stell⸗ vertreter für den verlornen Sohn zu ſchaffen.

Sie fand ihn in der Perſon des jungen Marquis Zappi, der,

mehr noch als alle Andern compromittirt, mit Freuden den Vor⸗ ſchlag der Herzogin von St. Leu annahm und verſprach, ſich ge⸗ horſam allen ihren Anordnungen zu fügen, ohne ihre Plane kennen zu wollen und in ihre Geheimniſſe eingeweiht zu ſein.

Sodann ließ Hortenſe für die beiden jungen Männer Alles,

was zu ihrer Verkleidung als Livrée⸗Bedienten nöthig war, be⸗ ſchaffen und ihren Wagen zur Abreiſe in Bereitſchaft ſetzen. Während dies im Geheim geſchah, ließ ſie öffentlich Alles zu ihrer Abreiſe nach Corfu einrichten. Sie ſandte ihren Paß an die Behörden und bat um ein Viſa für ſich und ihren Sohn und ließ die Koffer zur Reiſe packen.

Louis Napoleon hatte all' dieſen Vorbereitungen mit ſtummer und kalter Gleichgültigkeit zugeſehen. Bleich und niedergeſchlagen wankte er umher, ohne zu klagen, ohne irgend ein Schmerzgefühl zu verrathen. Aber Hortenſe ſah endlich, daß er krank ſei, und ließ den Arzt kommen. Dieſer erklärte, daß der Prinz einen heftigen Fieberanfall habe, welcher gefährlich werden könne, wenn er ſich nicht ſogleich niederlege.

Man mußte alſo die Abreiſe auf einen Tag verſchieben und Hortenſe verbrachte eine angſtvolle, troſtloſe Nacht am Bett ihres von Fieberſchauern geſchüttelten, phantaſirenden Sohnes.

Der Morgen drach endlich an, der Morgen des Tages, an welchem ſie zu fliehen hoffte, aber wie das Licht des Tages in das Gemach hineindämmerte, wo Hortenſe am Bett ihres Sohnes ſaß, wer ſchildert das Entſetzen der unglücklichen Mutter, als ſie das Antlitz ihres Sohnes ſah, geſchwollen, entſtellt, mit rothen Flecken überdeckt!

Louis Napoleon hatte, gleich ſeinem Bruder, die Rötheln.

Einen Moment fühlte ſich Hortenſe wie vom Blitz zerſchmet⸗ tert, dann raffte ſie ſich zuſammen zu einer Entſchloſſenheit, wie ſie ſolche noch nie in ihrem Leben gefühlt. Sie ließ ſogleich wie⸗ der den Arzt kommen, und voll Vertrauen auf ein mitleidvolles Menſchenherz vertrauete ſie ſich ihm an, und er täuſchte ihr Ver⸗ trauen nicht. Was geſchehen ſoll, muß ſchnell, muß ungeſäumt geſchehen, wenn nicht Alles vergeblich ſein ſoll!.

Hortenſe denkt an Alles, ſorgt für Alles. Sie läßt vor allen Dingen den Paß ihres Sohnes von allen Behörden zur Reiſe nach Corfu ſigniren und auf dem einzigen für Corfu beſtimmten Schiff, welches im Hafen liegt, für ihren Sohn einen Platz nehmen. Sie befiehlt den Bedienten, welche mit Koffern und Packeten nach dem Schiff gehen, den neugierigen Zuſchauern von der nahen Abreiſe des Prinzen mit dieſem Schiff zu erzählen. Zugleich läßt ſie die Nachricht verbreiten, ſie ſelber, Hortenſe, ſei gefährlich erkrankt und könne daher ihren Sohn nicht begleiten.

Der Arzt beſtätigt dieſe Angabe und erzählt in ganz Ancona von der gefährlichen Erkrankung der Herzogin von St. Leu.

Und nachdem dies Alles geſchehen, läßt Hortenſe das Bett

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