Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
664
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Sayn⸗Kiffhauſen'ſchen Hofe, und denken wir uns in die

Abgeſchloſſenheit jener Zeit hinein, die ſo arm war an Verkehrsmitteln und regelmäßigen Brief⸗ und Perſonen⸗ Beförderungen, ſo wird man ſich den Schreck, dann das Staunen, dann die Freude und den aufgeblaſenen Stolz eines Voltaire's von Sayn⸗Sayn⸗Kiffhauſen vorſtellen können, als derſelbe vernimmt, im Logixhauſe zur goldenen Henne unten im Städtchen ſei ein Heubirect aus London angekommen, der den Herrn Hofrath Profeſſor Doctor philosophiae et Magister bonarum artium Elias Jonathan Bombaſtus Hieronymus Chriſtophorus Wagner höchſt eiligſt zu ſprechen wünſche.

Ein Beſuch, der Herrn Wagner, wie es der Anſtand fordert, ſelbſt in ſeiner Behauſung aufgeſucht hätte, hätte den Demüthigen durchaus nicht ſo erfreut, wie ein Beſuch, der ihm vornehm und hochmüthig anzeigte, er ſolle ſich ſo ſchleunig wie möglich zu ihm bemühen. Mit dieſer Art von Freude konnte denn der Fremde dem deutſchen Gelehr⸗ ten, deſſen bedientenhafte Unterthänigkeit er beim erſten Blick erkannte, im reichſten Maße aufwarten, und ſo war der Profeſſor, Doctor und Magiſter alsbald in ſeinem Herzen überſelig, mit einem Manne zu thun zu haben, der ſo vornehm war, daß er ihn, den Sayn⸗Sayn⸗Kiffhauſen' ſchen Hofrath, ſo kurz, herablaſſend und eigentlich ſogar grob behandelte, wie er es in Paris vielleicht mit einem Pferdeknecht oder Poſtillon gewagt haben würde.

Aber auch damit hatte die Glückſeligkeit des gelehrten Herrn ihre Grenze noch nicht erreicht. Als er heute Mor⸗ gen aufgeſtanden war, als wenn das ein ganz gewöhnlicher Tag werden ſolle, hatte er ſich das nicht träumen laſſen, daß ihm das noch begegnen könne: der Fremde behandelte ihn nicht nur grob, weil er ihn nicht kannte; nein, er be⸗ handelte ihn grob, obgleich oder gar weil er ihn kannte! Ja der Mann, der direct in vierſpänniger Kutſche aus London kam, von Wien, Paris, Petersburg oder Rom ſprach, als wenn er heute erſt dort hätte füttern laſſen, der

Mann kannte ihn; der Mann wußte, daß es einen Hofrath Wagner gab, ja er wußte, daß dieſer mit Vornamen Elias, Jonathan, Bombaſtus, Hieronymus, Chriſtophorus hieß, ja, er wußte, daß derſelbe einenTractatus, eine Schilde⸗ rung und Geſchichte der Entſtehung, Schickſale, Kriege, Landplagen, Schlöſſer und Herrſcher der Reichsgrafſchaft Sayn⸗Sayn⸗Kiffhauſen geſchrieben hatte,beginnend von Anno Eins, fortgehend bis zur Regierung des serenissimi, honorabilissimi, piissimi ctc. Reichsgrafen Ehrenfried u. ſ. w.

Der fremde Marquis nannte dieſes Buchgeiſtvoll, das hatte der Profeſſor nicht für möglich gehalten; ſein Staunen vor dem ſo groben und zugleich ſo einſchmeicheln⸗ den Fremden wuchs von neuem. Ein ſolcher Mann durfte nicht ſo eilig durch ſein Vaterland reiſen; er beſchwor den Marquis zu bleiben, nur wenige Stunden zu bleiben, da⸗ mit man ſich doch wenigſtens kennen lerne.

Gut, ich will bleiben bis heute Abend, ſagte end⸗ lich der Fremde,aber unter einer Bedingung!

Verlangen Sie, was Sie wollen.

Sie müſſen mich in Ihre Akademie einführen.

Meine Akademie? Ich weiß nicht, was meinen Sie? Meine Akademie? Ich wir es giebt ich 17

weiß von keiner Akademie!

Nun, Akademie oder wie es ſonſt heißt!. Stehen Sie denn nicht an der Spitze eines Inſtitutes?

Inſtitut? daß ich nicht wüßte!

Sie hätten keine Schüler, keine Untergebenen, keine mitſtrebenden Gelehrten?

Durchaus nicht, ich ſtehe ganz allein im Dienſte Sr. Erlaucht des Reichsgrafen und Ihrer Erlaucht der Com⸗ teſſe Mine

Minette, ſollen Sie ſagen! Eine geiſtvolle Dame! Habe von ihr gehört, hätte ihre Bekanntſchaft wohl machen wollen, wenn ich Zeit hätte. Aber was Sie ſagen,

monsieur le professeur, und Ihr tractatus de necessarie

ſtinctiv das ſchwarzbraune Lumpengeſindel beherrſcht von der

drohenden ernſten Geberde des alten hochgewachſenen Mannes, daß

es ſich zurückzog und uns ungeſtört das unter dem Namen colomba d'oro(goldene Taube) bekannte Karavanſerei erreichen ließ.

Auf einer italieniſchen Eiſenbahn.

Alle Empfindungen ſind am Ende nur beziehungsweiſe ange⸗ nehm oder unangenehm. So erſchien nach den Leiden der Fahrt von Peschiera nach Verona und den Strapazen in dieſer Stadt

die Reiſe auf der Eiſenbahn uns als eine Erquickung, als eine echt

italieniſche Sieſta. Ohne dieſe Vorbereitung würden wir vielleicht weniger nachſichtig geweſen ſein. Der Hitze wegen hatten wir die luftige dritte Claſſe mit ihren Holzbänken und l icht beweglichen Scheuledern gewählt und unſere Rechnung auf Friſche und Kühle nicht ohne den Wirth gemacht, denn ſelbſt der Fußboden des Wag⸗ gons klaffte in vielen Spalten und gönnte uns die Prüfung des Erdreichs, über das wir hinſauſten. Es ſchien mir an der uns ziehenden Locomotive und ger dem Zweck einer ſicheren Fahrt entſprechend eingerichtet zu ſein,

als der höheren Tendenz des Klapperns. Eigentlich ſaß kein Ding feſt am andern, der Künſtler in Eiſen und allerlei Erz hatte es ſo

angeordnet, daß auch die lebloſen Dinge auf gut Italieniſch eine lebhafte Unterhaltung mit einander führen konnten. Die Bänke ſchwatzten mit den Seitenwänden, die Thürgriffe mit den Scheu⸗ ledern, die ſie haltenden Ringe mit der Eiſenſtange, und ſelbſt die ſcheinbar loſe Decke zeigte Luſt, herabzukommen und mit unſeren Hüten anzubinden.

dem ganzen Train überhaupt Alles weni⸗

Die Converſation zwiſchen den Reiſenden

war dem, was ſich der Waggon erzählte, vollkommen ebenbürtig; keinem Individuo, außer einigen Deutſchen, zu denen wir zählten, ſtand das Maulwerk ſtille. Die Geſellſchaft arbeitete wie die Ma⸗ ſchine und die öſterreichiſche Regierung mit Hochdruck. Sehr ge⸗ miſcht, war ſie doch weit beſſer, als in irgend einem Lande in der dritten Claſſe. Die italieniſche Philoſophie der Oekonomie weiß nichts von der Sentimentalität der Sitztheile in Deutſchland, wo die Romantik der Bequemlichkeit an krankhafte Entartung grenzt. Um einige Zwanziger zu erſparen, bedienten ſich alle der unterſten Claſſe, und nur einige Söhne Albions mit ihren ſemmelfarben⸗ gelockten Weibſen nahmen auf den Polſtern der erſten Claſſe in geſchloſſenen Glaskäſten ein Schwitzbad.

Es war eine luſtige Fahrt wie in einem meilenlangen Garten. Die Sonne des Spätnachmittags hatte alle Dünſte aufgeſogen und die oberitalieniſche Ebene zwiſchen den Alpen und den euga⸗ neiſchen Bergen lag ſo blau und grün da, daß ſie, in Oel gemalt, alshöchſt unwahrſcheinlich von den Ausſtellungscommiſſionen aller Akademien zurückgewieſen worden wäre. Die Ruinen der Montecchiſchlöſſer, die Campanile's von Vicenza ſchienen dicht hinter dem See von Ulmen, Weingeländen und Obſtbäumen auf⸗ zutauchen, durch den wir mit unſerem Dutzend Monſtreklapperkaſten jagten, und alle Gegenſtände, die Architektur und die Vegetation, ſchliefen ruhig in einer ätheriſchen Wiege von ſanftem Goldglanz, umfächelt von einem linden Zephyr. Mir ging die ganze tiefe Sehnſucht nach dem Jenſeits der Alpen auf, ich ſtützte den Kopf in beide Hände und hätte ein wenig vor freudiger Rührung, end⸗ lich hier zu ſein, geweint, wenn der Dämon dieſer Eiſenbahnhölle eine ſo zarte Gemüthsregung geſtattet hätte. Der Büreaukrat mochte ahnen, daß in mir etwas vorging, und bot mir eine Priſe

Nr.

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