Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
663
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Jahrg.

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die ihre Mitwelt durch ihre eignen Ideen zu beherrſchen ſuchten auf ihre Weiſe, wie ein Napoleon auf die ſeine: der große Eroberer ſtellte die politiſchen Verhältniſſe und rechtlichen Begriffe auf den Kopf; der nicht weniger große Beutelſchneider machte es mit den überlieferten Anſchau⸗ ungen und dem geſunden Menſchenverſtande nicht anders, und beide hatten ihre Blüthezeit, wo ſie ſagen konnten: das WortUnmöglichkeit muß aus dem Lexikon ge⸗ ſtrichen werden.

Der Reichsgraf Ehrenfried von Sayn⸗Sayn⸗Kiff⸗ hauſen( man wird die Rückſichten reſpectiren müſſen, die uns hindern, den hiſtoriſchen Namen völlig richtig wie⸗ derzugeben) war ein ſehr energiſcher Vertreter ſeiner hausbackenen, ihm bequem und lieb gewordenen Anſchau⸗ ungen und war im Namen des altgewohnten geſunden Menſchenverſtandes im höchſten Grade entrüſtet, als auf ſeinem Schloſſe ein wildfremder, italieniſcher Marquis, in glänzender vierſpänniger Kutſche angekommen, in wenigen Tagen ſich eine Geltung verſchaffte, die den biederen alten Herrn des Schloſſes zweifeln ließ, ob er noch Herr des Schloſſes und ob ſein geſunder Verſtand in der That noch geſunder Verſtand ſei.

Herr Marquis de Belmont ließ im Städtchen Kiff⸗ hauſen, unter dem Schloſſe des Reichsgrafen gelegen, die Courierpferde wechſeln und wollte die Stunde, die er da⸗ ſelbſt zum Diner brauchte, dazu anwenden, um zugleich den Profeſſor Wagner perſönlich kennen zu lernen, der am Sayn⸗Sayn⸗Kiffhauſen'ſchen Hofe die gelehrte Bildung zu vertreten hatte und eine Rolle als wandelnde Enkyklo⸗ pädie, als Hofpoet und Hofphiloſoph, Vorleſer und Staats⸗ hiſtoriograph ausfüllte, der, um es mit einem Worte zu ſagen, als der Voltaire von Sayn⸗Sayn⸗Kiffhauſen zu nehmen war.

Reichsgraf Ehrenfried mit ſeinem einfachen biederen Sinne hatte nicht gerade unabweisbare Bedürfniſſe nach franzöſiſchem Esprit, wohl aber mußte er darin dem

Dritte folge.

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Wunſche ſeiner unverehelichten Schweſter nachgeben, einer Dame von zweifelhaftem Alter, ſehr zweifelhafter Schön⸗ heit, nicht weniger zweifelhaftem Geiſte, aber ganz unzwei⸗ felhafter Beſtimmung für das Höhere und Alles, was ihr als das Höhere und dem geſunden Verſtande ihres Bruders Entgegengeſetzte erſchien. Comteſſe Hermine, von ihrem Bruder kurzwegeMine, in den Gedichten Wagner's aber Minette oder Chlois und Aphrodiſia genannt, war es, die Alles aufbot, um ihrem Hofe etwas von dem Luſtre des Paris⸗Verſailler Hofes und ſich ſelbſt etwas von der Ge⸗ nialität ihres Ideals, der Königin Chriſtine von Schweden, zu verleihen, wozu ihr, wie ſie feſt glaubte, nichts als ein Monaldeschi fehlte. Sie war es zugleich, die noch aus anderen wichtigeren Gründen in Betreff tief in die Schick⸗ ſale der Reichsgrafſchaft eingehender, ja über deren Zu⸗ kunft beſtimmender Erbſchaftsverhältniſſe, nebſt Profeſſor Wagner, dem Kanzler von Kotzenau und anderen Beam⸗ teten und vaſallenhaft zugethanen Hofcavalieren eine Partei aufrecht erhielt, um, in mehr als einer Hinſicht den Wün⸗ ſchen des Reichsgrafen entgegengeſetzt, gewiſſe ſehr be⸗ ſtimmte Abſichten durchzuführen, die wir weiter unten aus⸗ führlicher entwickeln wollen, weil ſie gewichtig in dieſe von uns erzählte Geſchichte eingreifen werden.

Um ſich einen Begriff davon zu machen, wie kleinlich im vorigen Jahrhundert die Verhältniſſe eines untergeord⸗ neten Regenten der unzähligen deutſchen Miniaturreſidenzen waren, muß man die berühmten Memoiren der Schweſter Friedrichs des Großen, der geiſtvollen Prinzeß Friederike Wilhelmine leſen und die Beſchreibungen, die ſie von dem Hofe ihres Gatten zu Ansbach und Baireuth macht, mit unſeren heutigen Zuſtänden vergleichen. Welche Armuth innen und außen! Welche geſchmackloſen Toiletten, welche ſtruppigen Perrücken, welche Steifheit des Benehmens, welche Unbehülflichkeit der Converſation, welcher Mangel an Bildung, welche Beſchränktheit der Anſchauungen! Sicher nicht glänzender waren die Zuſtände am Sayn⸗

ihm, wohl aber habe ein Herr, den er nachher als den Präſidenten erkannte, bei ihm mit Frau Moliére ein anderes Armband und verſchiedene andere Pretioſen gekauft!

Endlich klärte ſich die Sache dadurch auf, daß die Polizei nach den Damen forſchte, die in letzter Zeit bei Frau Ledoux aus⸗ und eingegangen waren. Von dieſen hatte ſich, nachdem der Auf⸗ tritt mit Frau Moliere bekannt geworden war, die Tourelle als⸗ bald aus dem Staube gemacht; das erregte Verdacht; man holte ſie mit Zwangsmaßregeln herbei, confrontirte ſie mit dem Prä⸗ ſidenten und in Folge deſſen ward ſie in das Chatelet geſetzt.

Die Ledoux und die Tourelle wurden beide zu öffentlicher Auspeitſchung, dreijähriger Verbannung aus Paris, zu 20 Livres Geldbuße und 100 Livres Schadenerſatz an Madame Moliere verurtheilt. Herr Präſident Lescot mußte vor Frau Molidre eine öffentliche Abbitte und Ehrenerklärung thun und ihr ebenfalls 100 Livres Schadenerſatz zahlen. Die ihr zufallenden Summen ſchenkte Frau Molisre paſſender Weiſe den Armen. Die Ledoux allein ſaß ihre Strafe ab. Die Tourelle wurde von Herrn Lescot freigekauft.

Noch eine Anekdote von derſelben Künſtlerin. Die Molière

hatte von ihrem Gatten eine Tochter, deren erblühende Reize ſie ſtets an ihre eignen verblühenden erinnerten. Chapelle, der Freund

Moliere's, beſuchte nach deſſen Tode die Witwe, um ſie zu tröſten. Er traf Madeleine, die zum Begräbniß des Vaters gekommen war. Wie alt biſt Du, allerliebſtes Kind? frug er, ſie auf die Stirne küſſend.Fünfzehn Jahr, erwiderte ſie,aber ſagen Sie es Mama nicht wieder!

Ein Wort, würdig eines Werkes von Moliere!

Genrebilder.

Aus demWanderbuche eines literariſchen Handwerksburſchen. Von E. Koſſak. Berlin, Franz Stage. 1856.

gepäckträger in Verona.

Wenn ich auch bis jetzt noch niemals an einer von wilden Eingebornen bewohnten Inſel Schiffbruch gelitten habe, ſtelle ich mir die Situation der von den brandenden Wogen ans Ufer ge⸗ worfenen Seefahrer doch nur wenig ſchlimmer vor, als die Lage Reiſender, die aus einem Poſtwagen oder Vetturinfahrzeug in Ita⸗ lien ſteigen. Die Facchini oder Packträger(neun Zehntel Italiens tragen euch für eine Kleinigkeit das Gepäck über die Straße) ſehen mehr aus, als lebten ſie von Menſchenfleiſch, denn von einem an⸗ deren bürgerlichen Nahrungszweige. Zwei derſelben riſſen den Büreaukraten faſt in Stücken, nur weil er ein engliſches Raſir⸗ käſtchen, das auch ſeine Baarſchaft barg, allein tragen wollte, und der Obriſtlieutenant lieferte nach gewohnter Weiſe erſt ein kleines Treffen, ehe er ſein Reiſehandbuch behalten durfte. Ich kam glimpflich genug damit fort, daß der Vetturin mir das Fuhrgeld nur zweimal abforderte und uns, begleitet von einem Häuflein talentvoller junger Leute in ſehr zerriſſenen Kleidern, die außerdem in gänzlicher Unbekanntſchaft mit den Principien der Ehrlichkeit und Seife aufgewachſen ſchienen, ſo lange als Führer des Chor⸗ ſchimpfs folgte, bis der Obriſtlieutenant, der Vertheidiger des Wahren und Guten, ſich mit einem Ruck gegen den greulichen Kerl umdrehte und ihm in deutſcher Sprache entgegendonnerte, er habe geſehen, wie ich das Geld bezahlt habe, und er möge ſich ſeiner Wege ſcheeren. Trotzdem es keine Silbe verſtand, fühlte ſich in⸗