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662 Novellen⸗Zeitung.
waren die Thatſachen, die beſtehenden Zuſtände denn doch ſo feſt beſtehend und ſo wenig durch das bloße Bewußtſein zu leugnen, daß neben der abſoluten Kritik der reinen Vernunſt die unvernünftigſten politiſchen und ſocialen Ein⸗ richtungen, neben all' den Triumphen der Aufklärung die Leibeigenſchaft und der Jeſuitismus, die Ketzer⸗ und Hexen⸗ proceſſe und das gerichtliche Verfahren der Tortur exiſti⸗ ren mußten. Bildung und Rohheit, Vernunſt und Bor⸗ nirtheit, Freiheit und Zwang, Geiſt und Wirklichkeit, Neuzeit und Mittelalter treffen in einem gewaltigen Zu⸗ ſammenſtoß hier überall zuſammen, und in der Zeit, aus der wir unſere Skizze entnehmen, iſt es noch ſtets das Mittelalter, die beſtehende Wirklichkeit, die bornirte Bru⸗ talität, die den Sieg davonträgt.
Was blieb der beängſtigten Aufklärung übrig, als ſich
zurückzuziehen? Und ſo ſehen wir denn zweierlei merk⸗ würdige Erſcheinungen in jenem Jahrhundert vor der franzöſiſchen Revolution, die in dieſer Ausbildung und Maſſenhaftigkeit keine andern aufzuweiſen hat. Das ſind erſtens die geheimen Geſellſchaften, die geiſtigen Verbrüde⸗ rungen der Freimaurer, Illuminaten, Roſenkreuzer u. ſ. w.,
zurückgeſchreckte aufgeklärte Bewußtſein eine eigene ge⸗ weihte Stätte, in deren Bekenntniſſen die humaniſtiſche Begeiſterung eine zweite neue Religion ſich erbauen wollte.
Aber das Bedürfniß nach einem allgemeinen Verbande der gleichdenkenden Geiſter war nicht die allgemeine Folge der neuen Denkungsart. Die Aufklärung trat nicht nur als Religion, ſondern auch als Emancipation auf,— haben wir es doch in mehr als dieſer einen Periode erlebt, wie die letzte Spitze des unbedingten Rationalismus, die äußerſte Freiheit der conſequenten Freiheit nichts anderes iſt, als der Egoismus, die zügelloſe Selbſtſucht des Indi⸗ viduums. Der Einzelne, deſſen freies Selbſtbewußtſein mit der unfreien Gegenwart keine Verbindung hatte und
in das Privatleben, in ihre Häuslichkeit, ſich auf ſich ſelbſt
in deren geſchloſſenen Kreiſen das von der Oeffentlichkeit
deſſen Glaube an eine höhere Welt der Ideale durch eben dieſe Gegenwart vernichtet war, emancipirte ſich von der alten Welt der Vorurtheile und von der neuen Welt der Ideen zugleich, er ſetzte all' ſeine Sache auf ſich ſelbſt, auf ſein irdiſches leibliches Wohlergehn und ſtrengte die Kräfte, die Gott und die Natur ihm verliehen hatten, im möglichſt hohen Grade und mit möglichſter Gewiſſenloſig⸗ keit an, um Ruhm, Einfluß, Geld und Sinnengenuß dieſer bornirten, perfiden Wirklichkeit abzugewinnen. So waren es die Aventuriers, die Betrüger und Lügner, die Geiſter⸗ ſeher, Goldmacher und Wunderdoctoren, die in zahlloſen Maſſen neben den geheimen Geſellſchaften, und nur zu oft deren Anſehen mißbrauchend, die Deviſe des Zeitalters „Nichts iſt unmöglich“ in ihrem Sinne benutzten und ſo dem vorigen Jahrhundert den eigenthümlichen romanti⸗ ſchen oder, richtiger geſagt, romanhaft abenteuerlichen An⸗ ſtrich verliehen. Oder giebt es irgend eine andere Epoche, die Figuren wie Caſanova, Trenk, St. Georges, Eon de Beaumont, wie Saint Germain, Schröpfer, Duvivier und vorzüglich Caglioſtro, den Gauner⸗Matador, faſt neben einander aufzuweiſen das zweifelhafte Glück hätte?
Auch unſere Zeit gibt erſchreckende Beiſpiele davon, bis zu welcher Ausdehnung und Feinheit ein Syſtem von Lügen ausgeſponnen, bis zu welcher Höhe der Virtuoſität das ſchwindleriſche Genie ausgebildet und mit welchen Er⸗ folgen es gekrönt werden kann; aber heutzutage fehlt den größten Künſtlern dieſer Branche die hiſtoriſche Nothwen⸗ digkeit, die pſychologiſche Berechtigung, die rein menſch⸗ liche Motivirung. Die raffinirten Handſchriftenfälſcher und nachgemachten Prinzen unſrer Tage ſind eben ganz gemeine Gauner, die alle Tage vorkommen oder vorkommen können. In den Caglioſtro des achtzehnten Jahrhunderts liegt etwas vom Märtyrerthume, ſie hatten— oder konn⸗ ten einmal gedient haben einer Wahrheit, die ſie im Stiche ließ; ſie hatten alle wohl in ihren Anfängen einmal an ſich ſelbſt und ihre Kunſt geglaubt. Sie waren Heroen,
und Sie behandeln mich für einen Verbrecher! Bin ich kein an⸗ ſtändiger Mann, daß ich hier mich nicht zeigen dürfte?“
Frau Molière war außer ſich. Je näher ſie den Herrn an⸗ ſah, um ſo klarer war es ihr, daß ſie ihn nie geſehen hatte.
„So ſagen Sie mir aber doch nur einen Grund,— gut oder böſe! Nur laſſen Sie mich hier nicht ſtehen wie einen Narren und Böſewicht zugleich!“
Die arme Frau war jetzt ſtumm vor Staunen. Nur mit Mühe konnte ſie ſich ſammeln und ausrufen:„Aber für wen halten Sie mich denn?“
„Mon Dieu! Madame Molière, Sie behandeln mich ab⸗ ſcheulich!“
„Wenn Sie mich für Madame Molidre halten, ſo ſagen Sie um Alles in der Welt,— was wollen Sie von mir?“ 1
„Liebſte, beſte Angebetete,— ſagen Sie mir doch wenigſtens, daß Sie mich kennen, dann iſt ja Alles gut und ich will gehen, bis wir uns wieder treffen!“
„Nein, mein Herr, ich kenne Sie nicht! Bei Allem, was mir heilig iſt, ich habe Sie in dieſem Leben nicht geſehen!“
Der Präſident meinte jetzt das Recht zu haben, in Wuth aus⸗ brechen zu dürfen.„Bin ich verrückt oder ſind Sie es?“ ſo rief er aus.„Nein, Sie ſind es. Ich bin bei hellem Verſtande, ich weiß Alles, was mich und was uns angeht! Ich habe Sie ge⸗ ſehen, zwanzig Mal geſehen, an einem Orte, wo Sie ſich nicht hätten ſehen laſſen ſollen, und nun ich hierher komme, hierher, wo ich als honetter Mann bei Ihnen, als einer honetten Dame, täg⸗ lich Zutritt haben ſollte,— nun mißhandeln Sie mich, nun ver⸗ höhnen Sie mich! Sie, Sie, Madame, ſind verrückt, und man wird Sie in das Irrenhaus bringen laſſen!“
Jetzt war eine Steigerung der Situation nicht mehr möglich. Madame Molidre glaubte einen Wahnſinnigen bei ſich zu ſehen, ſie rief Hülfe und ihre Collegen und Colleginnen ſtürzten herein. „Das iſt mir ganz recht,“ fuhr der geprellte Liebhaber in ſeiner Exaltation fort,„daß Sie Geſellſchaft rufen; ich wünſchte, ganz Paris wäre zugegen, um Ihre Schändlichkeit und Ihre Schande zu vernehmen.— Dieſes Weib, meine Herren und Damen, denken Sie ſich dieſes Weib———“ Und ſo wandte er ſich an
zu machen. Er ſah ein Armband an der Hand von Frau Molieère und ſchwur, das Collier ſei von ihm. Da ſtürzte ſie auf ihn zu und wollte ihm eine Ohrfeige geben. Er, in ſeiner Wuth, will ſich wehren, aber da legen 92 die Hinzugekommenen ins Mittel, und da der Fremde und Eindringling natürlich dem Hausrechte der Künſtlerin weichen muß, ſo ward der Herr Präſident ſo un⸗ ſanft, als es nöthig war, gepackt, vor die Thüre geſetzt und dort einem Polizeicommiſſair übergeben. Die Aufregung der armen Molière kann mang ſich denken. Abgeſehen davon, daß ſie ſelbſt ſich den Vorfall nicht erklären konnte, nachdem der Präſident als ein achtbarer Mann vom beſten Verſtande bei der Polizei ſich legitimirt hatte, ſo mußte ſie auch noch die Erfahrung machen, daß ihre Collegen und Colleginnen ſie in der That nicht für ſchuldlos in dieſer Sache halten wollten und ſich einbildeten, ſie ſpiele dieſe Komödie nur, um ſich aus der Verleofahrit zu reißen, in die ein ungeſchickter Verehrer ſie ver⸗ ſetzt habe. ſeh Wie aber erſt war die ſchuldloſe Frau zerſchmettert, als ſie zu dem Goldarbeiter ging, bei dem das Armband gekauft ſein ſollte,
und dieſer erklärte, das vorgezeigte Armband ſei zwar nicht von
[II. Jahrg.
die Eingetretenen, um ihnen ſeine Anſicht von der Situation klar


