Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
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Pfund Sterling, wenn ſie in Gulden zerſpalten ſind, ſich für einen reichen Mann hält.

In den Revolutionsjahren, 1848 und 1849, war Baden in Gefahr, ein engliſches Bad zu werden. Die Deutſchen, Franzoſen und faſt alle übrigen europäiſchen Nationen hatten daheim genug zu thun. Es verging ihnen die Luſt nach Badereiſen. Nur die Engländer hatten Ruhe, fühlten ſich, geſchützt von Englands Macht, ganz ſicher mitten in allen Revolutionsſtürmen, und nahmen um ſo lieber Beſitz von Baden, weil ſie das Extravagante lieben und von Baden aus dem Scandal in Süddeutſchland und in Frankreich recht bequem zuſehen konnten. So wenig aber der Engländer im Kriegführen mit den Franzoſen concurriren kann, ſo wenig kann er es in der Geſellſchaft. Die Niederlagen und Blößen des orientaliſchen Krieges drückten ohnehin ſehr ſtark, und ſo machten die Engländer ihren Verbündeten in Baden Platz. Sie haben ſich nach Mitteldeutſchland gezogen, beglücken jetzt Dresden, Heidel⸗ berg und Frankfurt, und ihre Hauptbadeorte ſind gegen⸗ wärtig die mittelrheiniſchen Bäder, Homburg und Ems.

Daß der Deutſche in Baden in der Minorität ſteht, habe ich ſchon früher angedeutet. Der kleine deutſche Adel fühlt ſich im Allgemeinen hier genirt, weil er nicht reich genug iſt, um mit den vornehmen Ruſſen, Franzoſen und Engländern einen Wettlauf einzugehen, und weil er das Tonangeben zu ſehr liebt, das ihm hier ſo völlig mißlingt. Der kleine deutſche Adel ruft alſo:aut Caesar, aut nihil und ſucht ſich die kleinen Bäder in Schleſien, in Böhmen ꝛc. aus, wo er die erſte Rolle ſpielt. Der Bürgerliche zählt in Baden ohnehin nicht, etwa mit Ausnahme einiger reichen Banquiers, die aber, trotz ihres Geldes, ſich in die eigent⸗ liche Ariſtokratie nicht einkaufen können. In jeder Saiſon ſind jedoch einige deutſche Fürſten und Standes⸗ herren hier, welche ihren Hof⸗Cirkel hierher verſetzen und ſomit auch den großen Adel nach ſich ziehen.

Zunächſt hat die verwitwete Großberzogin Stepha⸗

Novellen⸗Zeitung.

(II. Jahrg.

nie von Baden, welche im Winter in Mannheim reſi⸗ dirt, hier ihren Sommer-Aufenthalt, ein Palais an der Promenade und einen herrſchaftlichen Park mit Pavillon⸗ in der Stadt, in der Stephanien⸗Straße. Die Frau Großherzogin, als liebenswürdige und geiſtvolle Fürſtin, als Kennerin und Schützerin der Kunſt und Wiſſenſchaft hinlänglich bekannt, bildet den eigentlichen Mittelpunkt des Badener Lebens. Sie vereinigt in ihren Hof⸗Cirkeln die Deutſchen, Franzoſen und Engländer die erſteren als deutſche Fürſtin; die Franzoſen aus Sympathie für Frank⸗ reich(ſie iſt die Nichte der Kaiſerin Joſephine) und die engliſche Ariſtokratie, da ihre Tochter mit dem Herzog von Hamilton vermählt iſt und ihren Sommeraufenthalt gleich⸗ falls ſehr oft nach Baden verlegt. Jeder ausgezeichnete Fremde findet zu dem Hofhalt der Großherzogin Zutritt, und zwar nicht allein der Adlige, ſondern auch der Künſt⸗ ler, der Schriftſteller, der Gelehrte von Ruf.

Der verſtorbene Großherzog Leopold von Baden, dem das Bad ſeinen jetzigen Glanz zum größten Theil ver⸗ dankt, war in jedem Sommer hier. Er liebte Baden⸗ Baden vorzugsweiſe, hatte ſich das neue Schloß pracht⸗ voll einrichten laſſen und verlebte die Saiſon theils hier, theils in ſeinem romantiſchen Schloß Eberſtein. Daß ſein Aufenthalt den badiſchen hohen Adel nach ſich zog, verſteht ſich von ſelbſt. Der jetzige Regent, Friedrich von Baden, bevorzugt ſeine Reſidenz Karlsruhe und kommt im Ganzen wenig hierher. Doch war es in Baden⸗ Baden, wo er ſeine hohe Braut, die Prinzeſſin Louiſe von Preußen, kennen lernte, und es ſteht zu hoffen, daß der junge Hof ſpäter ſeine Sommer⸗Reſidenz wieder in Baden⸗Baden aufſchlagen wird.

Der Prinz von Preußen verweilt mit ſeiner Fa⸗ milie faſt alle Sommer einige Monate hier, unter dem Namen eines Grafen von Hohenheim. Seine hohe Ge⸗ mahlin hat eine beſondere Vorliebe für Baden, die ſich ſicher nicht vermindern wird, wenn ihre Tochter Regentin

Hier trugen wir dem Befehlshaber des Schiffes unſer Geſuch vor, und wurden von ihm ſehr höflich zu einem ungewaſchenen Manne neben dem Radkaſten geführt, der angeblich alle unſere billigen Wünſche befriedigen würde. Ein großes Stück friſches Rindfleiſch, das an einem eiſernen Haken neben dem Manne hing, erleichterte auf der Stelle unſer Herz und entfernte alle finſtern und verbreche⸗ riſchen Vorſätze. Schon hatte der Obriſtlieutenant in den Qualen ſeines Hungers lüſterne Blicke auf den wohlgenährten Bettelmöͤnch geworfen, der allerdings in Landſtrichen, wo man dergleichen Koſt zu ſchätzen weiß, einen herrlichen Braten abgegeben haben würde. In einer halben Stunde, verſprach der ungewaſchene Mann, ſoll⸗ ten unſere Leiden ihr Ende haben. Wir gaben dieſen Worten die günſtigſte Auslegung, bemerkten aber mit Entſetzen, daß eine neue

Art von Leiden ſich am Bord geltend machte. der Gardaſee von den ſteilen Ausläufern des Hochgebirges einge⸗

ſchloſſen wird, war zurückgelegt, und von der jetzt beginnenden ſüdlichen Ausbreitung ſeiner Gewäſſer drang ein lebhafter Wogen⸗ ſchwall dem kleinen Dampfer entgegen und brachte mit den von Norden ihm entgegenrollenden Wellen eine ſolche Tanzbahn zu Stande, daß der Ausbruch der Seekrankheit nicht mehr geleugnet werden konnte. Als erſtes Opfer fielen die ſaffrangelben Damen und zwar fielen ſie auf das Kalb, wurden aber von dem Manne der Kirche aufgehoben und die ganze, glücklicher Weiſe nur kurze Leidenszeit kräftig durch Kopfhalten und andere ſeekrankheitliche Manipulationen unterſtützt. Der Herr mit den bläulichen Wangen erwies denſelben Liebesdienſt abwechſelnd ſeiner jungen Gemahlin und der Amme ſeines Erſtlings, der ſich noch in dem zarten Alter befand, in dem das ganze DaſeinSeekrankheit iſt. Eben ſo ſehr litten einige ungariſche Grenadiere auf dem zweiten Platz,

Die Strecke, wo

und unſer bureaukratiſcher Penſionair gerieth in einen Zuſtand von körperlicher und moraliſcher Auflöſung, desgleichen ich noch niemals zu Waſſer, zu Bier oder zu Punſch beobachtet hatte. Der Herr aus Wien, der Obriſtlieutenant und ich, wir drei nebſt der Schiffsmannſchaft, dem Mönche und Pomeranzenbändiger hielten uns wacker, als das Beefſteak kam und wir in die Kajüte hinab⸗ ſteigen mußten. Wir ſetzten uns an den ovalen Tiſch, der Herr aus Wien weislich obenan, links von ihm der Obriſtlieutenant, ich dieſem gegenüber. Das Schiff that ſich in dieſem Augenblicke mit Schlentern⸗das Möglichſte zu Gute. Bald ging der Wiener Herr ſo ſchnell in die Höhe, als wollte er mit dem Kopf durch die Schiffs⸗ decke und geraden Weges gen Himmel fahren, bald ſank der Obriſt⸗ lieutenant, mein Vis-à-vis, ſo tief, daß er durch den Boden zu brechen und im See zu verſchwinden ſchien, bald ſchwebte er, mit einem Stück verbrannten Rindfleiſches auf der Gabel, mit ſeinem blauweißen alten Geſichte hoch über mir in der Luft und flehte mich aus ſeinen gutmüthigen blöden Augen um Hülfe an. Die See hatte mir zwar noch niemals etwas angehabt, allein die Situation war nicht ermuthigend für eine warme Frühſtücksſtim⸗ mung. Das ganz unberechenbare Steigen und Sinken meiner beiden Gefährten ſetzte mich der Gefahr aus, nicht nur mit dem, was ſie auf ihren Tellern vor ſich hielten und noch eſſen wollten, ſondern auch mit dem, was ſie ſchon gegeſſen hatten, überſchüttet zu werden, und das Beeſſteak entwickelte einen dem Maſchinen⸗ prudel ſo ähnlichen Bratengeruch, daß ich an der gefährlichen Idee zu leiden begann, es ſei in der Kolbenſchmiere gebraten worden. Der Uebergang des Dampfers in ruhiges Waßeer befreite mich von den bedrohlichen Einflüſſen eines ſolchen Phantaſiegebildes und geſtattete meinen Gefährten, ihren Hunger zu ſtillen. Als

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