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Nr. 41.] Dritte
„Sie dürfen ſich nicht aufregen laſſen,“ ſagte er.„Ich verbiete es. Frau Zur Lohe aus dem Buſche mag ſich ein anderes Quartier ſuchen; bei Ihnen darf ſie nicht weilen, es würde Ihr Leben verkürzen, und das iſt Ihren Freun⸗ den zu werth, um es unnütz opfern zu laſſen.“
Der gute Doctor! Ich ergriff gerührt ſeine Hand und ſagte ihm mehr durch Blicke, als durch Worte, wie wohlthuend mir ſeine Wärme ſei. Einen Arzt, der zugleich Freund iſt, nenne ich eine Gabe Gottes.
„Ich kann meiner Couſine aber doch nicht die Thüre weiſen,“ ſagte ich endlich nachdenklich.
„Gewiß nicht; aber ich kann es,“ erwiderte er lächelnd. „Der Arzt hat in ſolchen Fällen große Vorrechte. Ich will gleich zu ihr hinübergehen.“
„Nein, nein!“ rief ich.„Bitte!— Um keinen Preis möchte ich ein Mitglied meiner Familie von meiner Schwelle weiſen.“
„Beruhigen Sie ſich. Sie ſoll ſelbſt darum bitten, daß Sie es ihr geſtatten, Ihr Haus zu verlaſſen. Ich lege es ihr nur in den Mund.“
Er war fort. Das Geſpräch mit ihm hatte mich recht heiter geſtimmt. Der theure Freund! Er hat es nie gewußt, wie werth er mir war. Ich horchte auf ſeinen Schritt, in Erwartung ſeiner Rückkehr; aber er kam nicht, er verließ das Haus, ſo wie er von meiner Couſine ging. Erwartungsvoll ſah ich deren Beſuch entgegen. Es wurde Abend, und noch immer ließ ſie ſich nicht ſehen; es wurde Nacht, Alles ging zur Ruhe, und ſie kam nicht. War ſie beleidigt?
Ich konnte nicht ſchlafen. Mir ging die Sache im Kopfe herum. Vielleicht erwachte ich darum ſpäter, wenig⸗ ſtens war es lichter Tag, als ich die Augen aufſchlug und einen Kopf durch die Thüre blicken ſah, der neugierig flüſterte, ob ich ausgeruht und zu ſprechen ſei. Ich winkte bejahend. Meine Couſine trat ein. Sie ſetzte ſich vor mein Bett, ergriff ſogleich meine Hand und ſagte:
Zeichen unſeres guten Einverſtändniſſes.
folge.
„Liebe Couſine Cordelie, ich komme, Dir Lebewohl zu ſagen; denn ich reiſe heute ab. Elfride wird auf dem
Lande in ſich gehen und die Hand unſeres Gutsnachbarn
annehmen, der ihr Reichthümer und einen alten Namen bietet; Du aber wirſt froh ſein, daß die Störer Deiner Ruhe fort ſind. Zürne mir nicht, daß ich Dein ſtilles Dach ſo geräuſchvoll gemacht, und gedenke meiner freund⸗ lich und nachſichtsvoll, ſo wie ich ſtets von ganzem Herzen all' Deiner Liebe und Güte eingedenk ſein werde.“
Als ſie ſo herzlich zu mir ſprach, traten mir die Thrä⸗ nen in die Augen. Ich zog ſie an meine Bruſt und ſagte weich:„Gute Couſine Zur Lohe aus dem Buſch, gehe nicht um meinetwillen; ich ertrage Dich gern. Laß Dich die Sorge des Doctors nicht hindern, ſo lange zu bleiben, als es Dir bequem iſt.“
„Nein, nein!“ ſagte ſie.„Es iſt ſo am beſten, in jedem Bezug am beſten, für Dich, für mich und für uns Alle.“ Damit küßte ſie mich und nahm meine Hand zum „Mein Kind wird Dir ſchreiben,“ fügte ſie hinzu.„Es iſt nicht in der Verfaſſung, Dir mündlich ſeinen Dank zu ſagen für alle empfangene Güte. Laß es Dir gefallen, ihn ſchriftlich ent⸗ gegenzunehmen.“
Sie ging. Ich blieb gedankenvoll zurück. Ob ich ſie jemals wieder ſehen würde, fragte ich mich. Im Alter ſcheidet man nicht gerne, jede Trennung begleitet das Bangen eines Nimmerwiederſehens, und nahe Verwandte beſonders ſind dem Einſamſtehenden ein Troſt, wenn er an Tod und Grab denkt und an den Augenblick, wo eine ge⸗ liebte Hand das Auge zudrücken ſoll. Ich ſchloß das meinige vor dieſen Gedanken auch ermüdet; denn zum erſten Male kam ich mir verlaſſen vor und ſcheuete mich, dem Leben in das Auge zu blicken, zum erſten Male bangte mir vor meinem ſtillen Hauſe und ſeinen leeren Räumen, in denen es wie ausgeſtorben ausſehen mußte. Ich konnte mich nicht entſchließen, das Bett zu verlaſſen, die Vor⸗
theilhaftig zu machen. Am 29. Juli 1593 vollendete Heinrich IV. in dieſer Kirche die Eroberung von Paris und von Frankreich, indem er den Proteſtantismus abſchwur.
Die Revolution war der Kirche von St. Denis verderblich. Die Republik verfolgte das Königthum bis in ſeine Gräber. Barrère war der Urheber des Decrets, das am 31. Juli 1793 erlaſſen wurde. Die Ausgrabungen währten bis zum 25. October deſſelben Jahres. Die geöffneten alten Gräber gaben ihre Ueber⸗ bleibſel von Leichen heraus und dieſe wurden in ein gemeinſames Grab nahe bei der Kirche geworfen. Heinrich II. und Katharina von Medicis erſchienen mit ihren königlichen Gewändern bedeckt. Der Béarner hatte noch ſeinen Schnurrbart. Das Geſicht Ludwig's XIV. war unangetaſtet, aber vollkommen ſchwarz. Ludwig XV. befand ſich in voller Verweſung und mußte mit ungelöſchtem Kalk bedeckt werden. Man fand Fetzen von Kleidungsſtücken, Ringe, Scepter, Rüſtungen und in den Gräbern einiger Königinnen ver⸗ goldete Spindeln. Das Gold wurde gemünzt, das Eiſen geſchmiedet, das Blei gemeinſchaftlich mit dem des Daches ge⸗ ſchmolzen, um Kugeln daraus zu gießen. Ein Architekt Alexander Lenoir hatte den Ruhm, die Marmorbüſten zu retten, die in das Muſeum der petits Augustins kamen und 1817 nach St. Denis zurückgebracht wurden. Die Akademie der Inſchriften, die noch beſtand, ſendete eins ihrer Mitglieder ab, um dem Schauſpiel der Vernichtung beizuwohnen und für die Geſchichte das Protokoll deſſelben aufzunehmen. Dieſes Mitglied war Dom Poirier, ein ehemaliger Benedictiner. Dank dieſer friedlichen Proteſtation ſind wenigſtens die Erinnerungen geblieben, wenn auch die Mehrzahl der Denkmäler unterging.
Die Könige von Frankreich hatten unter ihren Todten auch
iſt noch jetzt nicht vollendet.
Duguesclin und Türenne einen Platz gegönnt. Türenne wurde unverſehrt gefunden. Man brachte dieſe Reliquie nach Paris und legte ſie in dem Jardin des plantes nieder. Hier blieb ſie ſechs Monate. Die Hüter des Gartens zeigten ſie für Geld. Gegen⸗ wärtig ruht ſie unter dem Dom der Invaliden. Ein Decret befahl 1806 die Wiederherſtellung der Kirche von St. Denis und be⸗ ſtimmte ihre Gewölbe zur Grabſtätte der Kaiſer. Von 1806 bis 1847 koſtete die Wiederherſtellung der Kirche 7,267,000 Fr. Sie
Hinſichtlich des Hauptpunktes iſt ſie
nicht ſehr glücklich zu nennen, denn ſie zeigt nur ſchreiende Töne und ein Ganzes von ſchlechtem Geſchmack. Für die Archäologie iſt es noch ſchlimmer. Man hat ſo zu ſagen Anachronismen übereinander gehäuft. Die Verzierung gehört nicht nur allen Zeitaltern an, ſondern die Mehrzahl der Gräber ſind auch eine ganz moderne Schöpfung und unter den Königen, deren Namen auf den Kenotaphen ſtehen, befinden ſich einige, die vor 1793 keine Gräber beſaßen.
Alles deſſen ungeachtet bleibt dieſe Kirche eins von den Wundern der gothiſchen Baukunſt und ungeachtet ihrer Verluſte beſitzt ſie noch genug von ihren ehemaligen Reichthümern, um es den Beſuchern von Paris zur Pflicht zu machen, auch hierher eine Pilgerfahrt zu unternehmen..
Wir wollen von dieſen Reichthümern nur die vorzüglichſten andeuten.
Die erſte Kapelle links, die ſſogenannte Magdalenenkapelle, enthält eine Statue Heinrich's II. von Germain Pilon. Die zweite Kapelle, nördlich unter dem Chor, die St. Lazaruskapelle genannt, umſchließt ein Bruchſtück eines Chriſtengrabs, das aus dem ſechsten Jahrhundert rührt und den Vordertheil des Altars
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