Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
643
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Dritte folge.

643

Novellen-Zeitung.

Ein Carneval in Dresden.

Aus dem Tagebuch einer 70jährigen Dame. Mitgetheilt von Robert Waldmüller. (Schluß.)

Sie trat kühnen Schrittes ein. Wir wurden ange⸗ nommen und ſie trug ihr Geſuch vor. Ein Lächeln glitt über das Geſicht der Herren. Ich hätte in dem Augenblick vor Scham in die Erde ſinken mögen. Leider, hieß es, könne man darauf nicht eingehen. Ein Herr finde ſchon hinreichende Schwierigkeiten bei einem ſolchen Amte, wie viel mehr eine Dame; auch ſei das noch nie dageweſen, und ſonderbarer Weiſe habe heute ſchon ein Geſuch der Art ſtattgefunden, das man ebenfalls zurückzuweiſen genöthigt.

Meine Couſine warf mir einen Blick des Einverſtänd⸗ niſſes zu. Die Koſegarten war ihr alſo zuvorgekommen. Ich ſah, wie ſie das ſtachelte. Sie machte den Herren Vor⸗ ſtellungen, bat ſie, die Vortheile zu überlegen, die die Auf⸗ ſicht einer Dame böte, und zu bedenken, wie der Takt, der Geſchmack, das zarte Verſtändniß für alles Schöne, das dem Weibe eigen, die Bühne heben werde. Als ſie damit nicht durchdrang, legte ſie die Fehler der jetzigen Leiſtungen dar, ſprach von der Wahl der Stücke, dem ſchlechten Re⸗ vertoir, den Launen der erſten Künſtler, denen, zum Nach⸗ theile des Publieums, viel zu ſehr nachgegeben werde, und ſagte ihnen ſchließlich ſo viel unangenehme Wahrheiten, daß ſie ungeduldig wurden und durch ihr Aufſtehen an⸗ deuteten, daß die Audienz zu Ende ſei.

Meine Couſine erhob ſich nun gleichfalls und wurde mit einer kalten Verbeugung entlaſſen. Ich athmete hoch auf. Gottlob! daß es nicht ſchlimmer ausgefallen war.

Das danke ich Alles der Koſegarten, flüſterte ſie mir beim Hinausgehen zu.Natürlich hat jene ſie mit ihren extravaganten Vorſchlägen und ſinnloſem Enthuſias⸗ mus ſchon ermüdet und ihnen allen Glauben an Frauen⸗ talent genommen. Wer konnte abex auch denken, daß ſie ſo früh kommen würde? Die Liſthe Sie wird ſich ge wiß nichts davon merken laſſen und wir ſchweigen auch darüber, nicht wahr, Cordelie?

Ich war es gern zufrieden, denn kein Thema konnte mir weniger gemäß ſein.

Ich bin recht leidend geweſen. Wochen ſind vergangen, in denen ich meine Feder nicht zur Hand nehmen konnte. Meine Couſine hat ſich ſehr theilnehmend bewieſen. Sie hat mehr Herz, als ich ihr zutrauete, und ſcheint mir wirk⸗ lich dankbar zugethan. Auch Elfride iſt ein gutes Kind,

wenn auch noch roher Marmor, der ſehr der Hand des Meiſters bedarf. Auffällig iſt mir der bittere Ton, der zwiſchen Mutter und Tochter herrſcht. Das war ſonſt nicht der Fall. Wie mag das kommen?

Ich ſagte heute zu dem Kinde:Wie biſt Du nur gegen Deine Mutter? So kenne ich Dich ſonſt ja gar nicht, mein Fridchen? Da umzog ein Ausdruck des Ver⸗ druſſes ihren Mund Verachtung will ich es nicht nen⸗ nen, der mir in die Seele ſchnitt und, in ihren Schooß blickend, perlte langſam eine Thräne über ihre Wange. Ich legte meinen Arm um ſie und zog ſie an meine Bruſt. Was iſt Dir, mein Kind? fragte ich weich.Klage es mir. Du findeſt keine treuere Bruſt, Deinen Schmerz da⸗ rin niederzulegen.

Sie richtete ſich auf und ſuchte ſich gewaltſam zu faſſen. Nichts, nichts! rief ſie.Ich kann es Dir nicht ſagen. Frage mich nicht. Ich bin ſehr, ſehr unglücklich. Damit ſtürzte ſie aus dem Zimmer, an meiner Couſine vorbei, die eben eintrat und ihr verwundert und zornig nachſah.

Was iſt vorgefallen? fragte ſie, ſich zu mir wendend. Hat ſie gebeichtet? Bitte, ſage mir, was ſie Dir mit⸗ getheilt. Ich muß es wiſſen, dafür bin ich Mutter.

Couſinchen, erwiderte ich und richtete mich auf mit aller Würde, die mein ſchwacher Zuſtand zuließ,ſo weit gehen die Rechte einer Mutter nicht. Das Vertrauen, das Deine Tochter mir ſchenkt, werde ich nie täuſchen.

So hat ſie Dir Alles geſagt? Die Schwätzerin! We⸗ nigſtens hätte ſie die Discretion haben ſollen, die abſcheu⸗ liche Neigung in ihrer tiefſten Bruſt zu verſchließen. Muß ich das an meinem einzigen Kinde erleben!

Couſinchen! Ruhe! So ſchlimm iſt die Sache doch nicht.

Nicht ſchlimm, ſagſt Du? Nicht ſo ſchlimm? Wie ſollte ſie denn noch ſein, um den Ausdruck zu verdienen? Ich weiß keinen Namen dafür, wenn ein Mädchen, wie Elfride, ein Liebesverhältniß mit einem Journaliſten be⸗ ginnt, der nicht einmal im Stande iſt, ihr ſeine Hand zu bieten.

Um Gotteswillen! Schweige! Die Wände könnten Ohren haben. Rede nicht ſo von Deiner eigenen Tochter.

Was hilft mir mein Schweigen, wenn die Thatſachen für ſich ſelbſt ſprechen? Was hilft es mir, daß ich den mütterlichen Schleier über dieſe unwürdige Neigung meiner Tochter breite, wenn ſie die öffentliche Landſtraße zu einem Stelldichein wählt, ſich von ihrem Angebeteten küſſen zu laſſen?

Verläumdung, Couſine, nichts weiter. Leihe doch ſolchem Geſchwätze Dein mütterliches Ohr nicht.