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verg, bittet
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Novellen-Zeitung.
Ein Carneval in Dresden.
Aus dem Tagebuch einer 70 jährigen Dame. Mitgetheilt von
Robert Waldmüller.
IV.
Die Gemäldegalerie iſt geſchloſſen, das unſelige Bild mit dem Feigenblatte nach Hauſe geſchafft und in dem Zimmer meiner Couſine aufgehängt.— Ich habe es noch nicht geſehen. Schon der Gedanke daran dafee Augen weh, und ich fürchte mich ordentlich, die Räufe zu betreten. Traurige Zeichen der Zeit, die ſolche Leiſtungen Frauenbildung nennt.
Ich hoffte, daß meine Couſine nun wieder ein ruhiges, ordentliches Leben führen und ihre Zeit ihrer einzigen Toch⸗ ter widmen würde. Aber dem iſt nicht ſo.— Sie meint, daß es um ihr Talent ſchade ſei, wenn ſie es nicht weiter ausbilde, und ſucht nach einem Lehrer, der ihr behülflich ſei, nach der Natur zu malen. Ich muß bekennen, daß mir das Wort Natur anſtößig iſt. Ich brauche es wohl auch in Bezug auf friſche Luft und Bäume und Waſſer; aber nie in einer Anſpielung auf den Menſchen, wie das jetzt leider ſo ſehr Mode iſt; denn was meint„Natur“ und„natürlich“ da viel anderes, als..... als ohne die Umhüllung der Mode und Civiliſation? Ich mag den Menſchen nicht ſehen, wie ihn Gott der Herr erſchaffen hat, und erröthe, wenn ich mir ihn vorſtelle in der Hülle ſeines Geiſtes, die man Körper nennt.— Eine Ausein— anderſetzung, woraus ein Körper beſtehe, nach Art der Materialiſten, die ſtets durch ein Mikroſkop ſchauen wol⸗ len, iſt mir ſehr, ſehr widerwärtig. Das Malen nach der Natur, wie es meine Couſine im Sinne hat, iſt ganz in dieſem Genre. Sie will Menſchen malen und Anatomie ſtudiren, um richtig malen zu können. Sie fragte mich um Rath, wo ſie ſich in der Nachbarſchaft einen Mann zum Sitzen miethen könne.
Ich verſtummte vor dieſer mir ganz neuen Idee.— „Theures Couſinchen Zur Lohe,“ erwiderte ich, als ich mich einigermaßen gefaßt,„ich bitte Sie, überlegen Sie es recht, ob eine„Aus dem Buſch“ ſich einem gemietheten Manne gegenüber ſetzen und ihn im Detail muſtern kann, ohne vor Schamgefühl zu vergehen. Sie ſind noch jung und darum geneigt, Ihren Wünſchen ein gehorſames Ohr zu leihen. Trauen Sie einmal meiner Erfahrung. Wollen Sie durchaus etwas Lebendiges vor ſich ſehen und es durch Ihren Pinſel verewigen, warum verſuchen Sie ſich da nicht
Nan meinem Kater?— Mimi iſt bekannt als das ſchönſte
Thier ſeiner Gattung, und durch den ſteten Umgang mit mir hat er in ſeiner Haltung und ſeinen Alluren einen ge⸗ wiſſen Anſtand bekommen, der dem Geſchlechte nicht ge⸗ wöhnlich iſt. Die Art, wie er ſeinen Schwanz hebt, iſt durchaus ariſtokratiſch. Warum alſo nicht lieber eine ausgezeichnete Katze malen, als einen gewöhnlichen Men⸗ ſchen? Gewiß, wenn Sie es recht überlegen, ſtimmen Sie mir darin bei.“
Meine Couſine lachte, ohne daß ich die Urſache begriff. „Liebe Cordelie,“ erwiderte ſie mir,„bisweilen ſind Sie recht drollig. Ihrem Kater laſſe ich gewiß alle Gerechtig⸗ keit widerfahren, doch möchte ich lieber ein glattes Men⸗ ſchengeſicht, als ſeinen rauhen Pelz malen. Indeſſen, wenn es Ihr Gefühl ſo gar ſehr verletzt, einen gemietheten Mann mir gegenüber zu wiſſen, ſo will ich verſuchen, ob nicht ein Bekannter mir ſein Geſicht umſonſt leihen möchte. Als ich geſtern mit Elwire von Koſega⸗ten ſpazieren ging, ſtellte mir dieſe einen ihrer Freunde vor, einen Schrift⸗ ſteller, den ſie ſehr bewundert und der einen herrlichen Bart hat. Ich ſprach ihn ſogleich um dieſen Bart an, und geſchmeichelt erwiderte er mir, daß er damit zu meinen Dienſten ſtehe. Ich hätte nun freilich gerne erſt einige Vorſtudien gemacht, bevor ich dieſen namhaften Bart ver⸗ ewige; indeſſen, Ihnen zu gefallen, will ich mich lieber gleich daran wagen und mir noch heute eine erſte Sitzung beſtimmen laſſen. Sind Sie damit zufrieden?“
Ich war unſchlüſſig, was ich erwidern ſollte. Die Rückſicht auf mein Urtheil ſchmeichelte mir und ich wünſchte meine Befriedigung zu erkennen zu geben; aber— war nicht der Dichter mit dem Barte ein Demokrat? Wenn er nun gar Barricaden gebaut hatte?— Es rieſelte kalt über meine Haut bei dieſem Gedanken.
„Liebe Couſine Zur Lohe,“ begann ich,„wäre es nicht weiſe, uns nach der Geſinnung und dem Charakter des Individuums zu erkundigen, deſſen Bart Ihnen ſo gut gefallen? Denn es wird Ihnen nicht unbekannt ſein, daß dieſe männliche Zierde der Ausdruck gewiſſer politiſcher Geſinnungen iſt, die unſerm Stande ein Abſcheu ſind.“
Sie lächelte.„Gute Cordelie,“ erwiderte ſie,„die Kunſt iſt eine Königin, die hoch über allen menſchlichen Inſtitutionen thront und nichts von dem Recht und Un⸗ recht weiß, womit wir unſer kleines Leben vermauern.
Sie nimmt das Schöne, wo ſie es findet, und begnügt ſich
damit, daß Gott es erſchaffen hat, ohne zu fragen, wie? wo? warum? Ignoriren wir alſo die bürgerliche Stel⸗ lung der Perſonen, die ich, gemiethet oder ungemiethet, auf meine Leinwand zaubere. Sie kommen auf die Welt ohne Paß, mögen Sie nun auch für mich hinausgehen ohne einen ſolchen.“ 4


