Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
622
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wir waren mindeſtens ſechzig Schritte vom Ufer entfernt, und ich konnte nicht ſchwimmen! Ich verſuchte das Mäd⸗ chen von mir zu entfernen, aber es klammerte ſich gleich einer Katze an meiner Kleidung feſt und verſetzte mir dann mit einem Male eine ſo heftige Erſchütterung, daß ich faſt in die See geſtürzt wäre. Die Barke ſchwankte, aber es gelang mir, das Gleichgewicht wieder zu erlangen und ein Kampf der Verzweiflung begann zwiſchen ihr und mir. Der Zorn ſteigerte meine Kräfte, aber ich erkannte bald, daß meine Gegnerin mir an Gewandtheit überlegen war.

Was willſt Du? rief ich aus, indem ich ihre klei⸗ nen Hände mit aller Kraft ergriff.

Ihre Finger knackten in der meinigen, aber ſie ſtieß nicht einen Laut aus. Ihre ſchlangenartige Natur ver⸗ mochte jede Marter zu ertragen.

Du haſt geſagt, antwortete ſie mir,Du wirſt eine Anzeige machen! Und mit übernatürlicher Kraft⸗ anſtrengung warf ſie mich über Bord.

Wir hingen Beide bis an den Gürtel aus der Barke; ihre Haare tauchten in das Waſſer. Der Augenblick war ein entſcheidender. Ich ſtemmte mein Knie gegen den Boden der Barke und ergriff mit einer Hand ihren Zopf, während ich mit der andern nach ihrer Kehle packte; ſie ließ meine Kleider fahren, und ich warf ſie in das Meer.

Es war ſchon ziemlich dunkel. Ihr Kopf tauchte noch zwei Mal aus dem Schaume des Meeres hervor dann ſah ich nichts mehr. Auf dem Boden des Nachens fand ich ein Stück von einem alten Ruder, mit deſſen Hülfe ich nach langen Anſtrengungen an das Geſtade gelangte⸗

Als ich nach der Hütte zurückkehrte, blickte ich unwill kührlich nach der Stelle, wo am verwichenen Abend der junge Blinde den nächtlichen Schiffer erwartete. Der Mond ſtrahlte am Himmel und es war mir, als ſähe ich eine weiße Geſtalt am Ufer ſitzen. Von Neugierde getrie⸗ ben ſchlich ich näher und verbarg mich hinter einer vor⸗ ſpringenden Klippe des Geſtades. Indem ich vorſichtig meinen Kopf über die Klippe erhob, konnte ich Alles ſehen, was unter mir vorging. Es verurſachte mir mehr Wonne, als Ueberraſchung, als ich meine Waſſernixe erkannte.

Sie drückte ihre langen Haare aus, um den Schaum des Meeres aus denſelben zu entfernen. Ihr durchnäßtes Hemd ſchmiegte ſich enge an ihre eleganten Formen. Bald erſchien eine Barke in der Ferne. Ein Mann ſtieg aus derſelben, wie Abends zuvor; er trug einen tatariſchen Tſchapka, aber ſeine Haare waren nach der Weiſe der Ko⸗ ſaken geſchnitten, und von ſeinem Gurt hing ein langes Meſſer nieder.

Janko, rief das Mädchen dem Kommenden entgegen, Alles iſt verloren!

Dann unterhielten ſie ſich mit leiſer Stimme, ſo daß es mir unmöglich war, etwas zu verſtehen.

Und wo iſt der Blinde? fragte Janko mit lauter Stimme.

Ich habe ihn fortgeſchickt, antwortete ſie.

Nach einigen Minuten kam der Blinde, indem er auf ſeinem Rücken einen Sack trug, welchen ſie in den Nachen legten.

Höre, Blinder, ſagte Janko,bewache jene Stelle gut. Du verſtehſt mich doch? Es befinden ſich dort

Novellen⸗Zeitung.

werthvolle Waaren. Sag' zu.....(ich konnte den Na⸗ men nicht verſtehen), daß ich nicht mehr in ſeinen Dienſten ſei. Er wird mich nicht wieder ſehen. Die Gefahr iſt gegenwärtig zu groß. Ich werde anderwärts Beſchäfti⸗ gung ſuchen, und er wird Mühe haben, mich zu erſetzen. Du kannſt ihm ſagen, daß ich ihn nicht verlaſſen haben würde, wenn er mich beſſer bezahlt hätte. Für mich ſind

alle Wege gut, allenthalben, wo der Wind weht und das Meer brauſt, iſt Janko zu Hauſe!

Nach kurzem Schweigen fuhr Janko fort:

Sie wird mit mir abreiſen, ſie kann nicht länger hier bleiben. Du wirſt der Alten ſagen, daß ſie ihre Zeit ge⸗ macht hat; man muß in allen Dingen gewiſſenhaft ſein. Wir ſagen ihr ein Lebewohl für immer.

Und ich? fragte der Blinde mit wehmüthiger Stimme.

Geh, wohin Du willſt. Was kümmerſt Du mich?

Während dieſer Zwieſprache war die Undine in den Nachen geſprungen und gab ihrem Begleiter einen Wink; dieſer drückte dem Blinden etwas in die Hand und ſagte:

Dafür kaufe Dir Kuchen.

Das iſt Alles? fragte das Kind.

Nimm auch das noch, ſagte Janko, und man hörte ein Geldſtück auf den Felſen fallen.

Der Blinde hob daſſelbe nicht auf.

Janko ſetzte ſich in den Nachen; der Wind wehte vom Geſtade her. Sie ſpannten ein Segel, das ſich ſogleich blähete und den Nachen auf die See hinaus trieb.

Lange folgte ich mit meinen Augen dem weißen Segel, welches ſich von den dunkeln Wogen abhob. 5

Der Blinde ſaß noch immer an dem Geſtade, und mit einem Male hörte ich ein leiſes Schluchzen. Der arme Blinde weinte lange, ich fühlte Mitleid mit ihm. Warum hatte mich der Zufall zwiſchen dieſe wackern Schmuggler geworfen? Warum mußte ich in ihre Mitte fallen, wie ein Kieſel in einen klaren Bach und mit Gefahr, bis auf den Grund zu ſinken?.

Ich kehrte in meine Wohnung zurück. Die auf einen hölzernen Leuchter geſtellte Kerze ſtand im Begriff zu ver⸗ löſchen, und mein Koſake lag trotz meiner Ermahnungen in tiefem Schlaf, während er ſeine Flinte mit beiden Händen hielt. Ich wollte ſeine Ruhe nicht ſtören und trat, nachdem ich das Licht genommen hatte, in den Ver⸗ ſchlag, der mir zum Schlafen angewieſen warxr.

Ach! meine Schatulle, meine mit Silber geſtickte Mütze, mein Dolch von Dagheſtan, welchen mir mein Freund ge⸗ ſchenkt hatte, waren verſchwunden. ug

Nun begriff ich, was das für Dinge geweſen waren, welche der verdammte Blinde nach dem Nachen trug. Ich erweckte meinen Koſaken auf etwas barſche Weiſe; ich war wüthend allein was ſollte ich thun? Würde man nicht auf meine Koſten gelacht haben, wenn ich mich gegen den Commandant beklagt hätte, daß ein blinder Knabe mich beraubt und ein achtzehnjähriges Mädchen mich faſt ertränkt hätte? 1

Glücklicher Weiſe zeigte ſich am folgenden Tage eine Gelegenheit zur Abreiſe und ich verließ Taman. Von meiner Schönen habe ich nie wieder etwas gehört!

(Nach Lermontoff.)

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