Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
621
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Nr. 39.]

das Vorurtheil triumphirte; ich war vernarrt in ihre griechiſche Naſe und bildete mir ein, Goethe's Mignon ge funden zu haben, jenes wunderſame Weſen, das von der Phantaſie eines deutſchen Dichters geſchaffen wurde. Und in der That hatte ſie eine überraſchende Aehnlichkeit mit jener Mignon: Beide verſetzten ſich ohne Uebergang aus V der Regungsloſigkeit in die wallendſte Unruhe; Beider Worte waren gleich räthſelhaft, ihre Geſänge gleich ſeltſam. Als ſie bei Anbruch der Nacht neben der Thür ſtehen ge⸗ blieben war, richtete ich einige Worte an ſie.

Sage mir, ſchönes Kind, was machteſt Du heute auf dem Dache?

Ich ſah nach, von welcher Seite der Wind käme.

Warum?

Weil das Glück von derſelben Seite kommt.

Rufſt Du etwa mit Deinem Geſange das Glück?

Man iſt da glücklich, wo man ſingt.

Singt die Wehmuth nicht auch?

Es gibt bald Beſſeres, bald Schlimmeres; iſt nur ein Schritt vom Guten zum Böſen.

Wie heißt Du?

Das würde Ihnen mein Pathe ſagen können.

Und wer iſt Dein Pathe?

Das iſt mein Geheimniß.

Nun ſehe Einer die kleine Geheimnißkrämerin! Nun, Du haſt mir wenigſtens nicht Alles verhehlt.

Sie änderte ihre Züge nicht, bewegte nicht einmal die Lippen; kurz, man hätte meinen ſollen, es ſei gar nicht die Rede von ihr.

Ich weiß, daß Du heute Nacht auf dem Geſtade ge⸗ weſen biſt! ſagte ich dann und erzählte ihr auf das Ge⸗ naueſte Alles, wovon ich Zeuge geweſen war.

Sie war nicht im Mindeſten beſtürzt und lachte aus vollem Halſe.

Sie haben ſchon zu viel geſehen und wiſſen doch nichts Beſonderes, aber auch das Wenige, was Sie wiſſen, rathe ich Ihnen nicht auszuſagen.

Wenn ich nun zum Commandanten ginge und ihm Alles meldete? entgegnete ich, indem ich eine ernſte und ſelbſt ſtrenge Miene annahm.

Sie begann zu hüpfen und zu ſingen, worauf ſie gleich

einem ſcheu gemachten Vogel verſchwand. Meine letzte Drohung war zu ſtark geweſen, allein damals ahnte ich noch nicht die Tragweite derſelben; doch bald bekam ich gute Gründe zur Reue.

Es begann zu dunkeln; ich befahl dem Koſaken Waſſer für den Thee heiß zu machen, zündete ein Licht an und ſtopfte meine Reiſepfeife. Schon war ich bei meiner zwei⸗ ten Taſſe, als mit einem Male das Rauſchen eines Kleides mein Ohr traf. Erſchreckt wandte ich mich um. Es war meine Undine. Sie ſetzte ſich langſam mir gegenüber, ſprach aber kein Wort. Sie richtete ihre Augen auf mich, und es ſchien mir, als läge eine große Zärtlichkeit in ihrem Blick. Ich erinnerte mich an ſo manche andere Blicke welche vordem ſo mächtig eingewirkt hatten. Es ſchien, als erwarte ſie eine Frage, allein ich verharrte in meinem Schwelgen, weil ich von einer unbeſchreiblichen Verwir⸗ rung ergriffen n Ihr Antlitz war bleich und deutete auf eine lebhafte Unruhe.

und oft

Ihre Hand irrte ohne Zweck

Dritte Folge.

ging.

auf dem Tiſche umher, und ich bemerkte, daß ſie leicht zit terte. Bald hob ſich ihr Buſen, bald ſchien ſie ihren Athem wieder an ſich zu halten. Eben wollte ich das Schweigen auf eine ziemlich proſaiſche Weiſe brechen, indem ich ihr eine Taſſe Thee anböte, als ſie ſich mit einem Male mir näherte, ihre Arme um meinen Hals ſchlang und mir einen glühenden Kuß auf den Mund drückte. Meine Augen umſchleierten ſich, der Kopf ſchwindelte mir, ich drückte auch ſie wieder in meine Arme, aber ſie entging wie eine Schlange meiner Umarmung und ſagte mir in das Ohr:

Heute Nacht, wenn Alle ſchlafen, werde ich Dich am

Geſtade erwarten.

Nachdem ſie dieſe Worte geſagt hatte, ſchoß ſie mit der Schnelligkeit eines Pfeiles aus dem Zimmer.

Sie hat die Theekanne und das Licht umgeworfen die verdammte Wetterhexe! ſagte der Koſake, welcher ſich

auf eine Streu gelegt und darauf gerechnet hatte, den Reſt

des Thees als eine Erquickung zu ſich zu nehmen. Dieſer Ausruf brachte mich wieder zur Beſinnung. Nach zwei Stunden, als Alles ruhig war, weckte ich mei⸗

nen Koſaken und ſagte zu ihm:

Wenn Du einen Piſtolenſchuß hörſt, ſo eile nach dem Strande.

Er machte ſeine Augen weit auf und antwortete me⸗ chauiſch:Genug, Euer Gnaden.

Ich ſteckte eine Piſtole in meinen Gurt und ging. Sie erwartete mich da, wo der Pfad nach dem Strande hinab⸗ Ihre Kleidung war ungemein leicht: ein einfaches Taſchentuch war um ihren ſchlanken Leib gebunden.

Gehen Sie hinter mir, ſagte ſie, indem ſie meine Hand ergriff.

Wir ſtiegen den Hang hinab. Ich weiß nicht, wie es gekommen iſt, daß ich nicht zwanzig Mal auf dieſem Pfade den Hals gebrochen habe. Wir wandten uns zur Rechten und ſchlugen denſelben Weg ein, welchen ich Abends zuvor gegangen war, als ich dem Blinden nachſpürte.

Der Mond war noch nicht aufgegangen und nur zwei Sterne flimmerten gleich ſchützenden Leuchtthürmen an dem dunkeln Azur des Himmelsgewölbes. Schwerfällige Wo⸗ gen folgten einander in regelmäßigen Zwiſchenräumen und ſchaukelten eine einſame Barke, welche an dem Ufer feſtge⸗ bunden war.

Steigen Sie mit mir in dieſe Barke, ſagte meine Gefährtin zu mir.

Ich zögerte. Eine ſentimentale Promenade auf der See führte mich nur wenig in Verſuchung; allein es war mir nicht mehr möglich zurückzukehren. Sie ſprang in den Nachen und ich folgte ihr, ohne mir Zeit zum Nach⸗ denken zu nehmen. Schon ſchwammen wir auf dem Waſſer.

Was bedeutet das? fragte ich in zornigem Tone.

Das bedeutet, daß ich Dich liebe, ſagte ſie, indem ſie mich mit ihren Armen umſchlang und nöthigte, mich auf eine Bank niederzuſetzen.

Ich fühlte ihre Wange an der meinigen und ihr Athem verſengte mein Geſicht. Plötzlich fiel ein ſchwerer Ge⸗ genſtand in das Waſſer. Ich fuhr mit der Hand nach meinem Gurt; meine Piſtole war verſchwunden. Da er⸗ hob ſich ein ſchrecklicher Verdacht in meiner Seele, all' mein Blut ſtieg nach meinem Gehirn. Ich blickte um mich;