Ich trat in die Hütte. Es brannte ein luſtiges Feuer in dem Ofen, in welchem ein beſſeres Mahl bereitet wurde, als man nach dem äußern Ausſehen meiner Wirthin und V ihrer Hütte hätte erwarten ſollen. Auf alle meine Fragen antwortete die Alte, daß ſie taub ſei. Da kein Wort aus ihr herauszubekommen war, ſo wandte ich mich an den Blinden, der neben dem Ofen ſaß und die Flamme mit Reiſig unterhielt.
„Und Du, blinder Spitzbube,“ fragte ich ihn, indem ich ihn beim Ohre ergriff,„kannſt Du mir ſagen, wo Du die ganze Nacht mit Deinem Packet umhergewandert biſt?“
Der Knabe begann zu weinen und zu ſchluchzen.
„Ich bin nirgends mit einem Packet geweſen.— Was für ein Packet meinen Sie denn?“
Dieſes Mal hatte die Alte ſehr gut gehört und begann zu murmeln:
„Was das nun für ein Einfall iſt! ſich an den armen Jungen zu halten! Was wollen Sie denn von dem? Was hat er Ihnen denn gethan 27⸗
Dieſe ganze Komödie langweilte mich; ich ging, war aber feſt entſchloſſen, den Schlüſſel des Räthſels zu finden. Ich hüllte mich in meine Burka und ſetzte mich auf einen Stein, der neben der Mauer des Hofes lag.
Mit einem Male wurden meine Ohren von Tönen ge⸗ troffen, welche einer Geſangsweiſe glichen. Es war eine weibliche Stimme, eine Stimme von angenehmem und friſchem Klange. Ich verdoppelte meine Aufmerkſamkeit; die Klänge waren richtig und drückten bald Wehmuth, bald heitere und leichte Gefühle aus. Ich blickte um mich, allein es war Niemand zu ſehen. Ich horchte abermals; die Stimme ſchien vom Himmel zu kommen. Endlich erhob ich meine Augen und ſah auf dem Dache des Hauſes ein junges Mädchen, welches in ein leinenes Gewand gekleidet war und deſſen Haare in Flechten über die Schultern niederfielen.
N ovellen»Zeitung.
[II. Jahrg.
Denkt Euch eine wahrhafte Waſſer⸗Nymphe, meine Leſer, eine Nixe, eine Ruſſalka der nordiſchen Mythologie. Mit der einen Hand deckte ſie ihre Augen gegen den blen⸗ denden Glanz der Sonne und ſchaute aufmerkſam in die Ferne, indem ſie bald für ſich lächelte, bald wieder ihren Geſang fortſetzte. Ich glaubte mich zu erinnern, daß ich dieſelbe Stimme in der verwichenen Nacht gehört habe, allein während ich dieſe Bemerkung machte, war das junge Mädchen verſchwunden. Mit einem Male ſah ich es auf mich zu eilen, indem es irgend eine andere Melodie trällerte; dann ſchnippte es mit den Fingern und kehrte zu der Alten zurück. Nun begann ein Streit. Die Alte ſchien ernſtlich böſe, aber das junge Mädchen lachte aus vollem Halſe. Dann kam es tändelnd wieder aus dem Hauſe, ging an mir vorüber, blieb ſtehen und blickte mich in einer Weiſe an, als ſei es über meine Gegenwart erſtaunt. Endlich wandte es ſich plötzlich ab und ging langſam nach dem Strande. Das war noch nicht Alles; den ganzen Tag über ging es ſtets um meine Wohnung herum. Ein eigen⸗ thümliches Geſchöpf! Seine Züge trugen keine Spur von Geiſtesverwirrung; im Gegentheil richtete es ſeine durch⸗ dringenden Augen, welche mit einer magnetiſchen Kraft begabt ſchienen und deren Ausdruck einer Frage gleich kam, mit Kühnheit auf mich. Aber kaum begann ich eine Un⸗ terhaltung, als es mit einem boshaften Lächeln entfloh. Ich hatte noch nie ein Mädchen wie dieſes geſehen; ſie war weit entfernt, eine Schönheit zu ſein; allein ich beſitze im Punkte der Schönheit meine eigenen Ideen.
Meine ſingende Undine ſchien höchſtens achtzehn Jahre zu zählen. Ihr Körper war von einer erſtaunlichen Schmiegſamkeit, ihr Kopf neigte ſich mit einem Ausdruck, welcher nur ihr angehörte, ihre langen blonden Haare, ihr Hals und ihre von der Sonne leicht gebräunten Schultern, ihre regelmäßige Naſe, Alles an ihr bezauberte mich. Ver⸗ gebens las ich in ihren Seitenblicken etwas Wildes und Verdächtiges, in ihrem Lächeln einen Ausdruck des Zwangs
„——— Neben ſeinem Schreibtiſche führt eine Thür nach dem gewöhnlichen Schlafcabinet Schiller's, einem wahrhaft winzigen Dachſtübchen, von dem man kaum begreift, wie der große Mann ohne Beängſtigung mehre Stunden hier habe ſchlafen können. Dieſen Eindruck macht das Stübchen, trotzdem es jetzt leer iſt und alſo noch um Vieles geräumiger ausſieht. So lange Schiller in dieſem kleinen Raume ſchlief, hatte die Bettſtelle keine Füße, ſie lag platt auf dem Boden. Denn Schiller liebte es nicht, ins Bett zu ſteigen; er ſtreckte ſich nur ſo hin, wohl wiſſend, daß ſeines Bleibens auch in der Nacht nicht lange war.„Im Traume, oder wenn er wachend ruhte,“ bemerkt Guſtav Kühne(„Gedenk⸗ buch an Friedrich Schiller, herausgegeben vom Schillerverein in Leipzig am 9. Mai 1855,“ S. 18),„fiel ihm oft ein Gedanke von Bedeutung ein, den er noch mit der Wirkſamkeit der friſchen Em⸗ pfängniß zu Papier bringen mußte. Jede ſtarke Körperbewegung verſcheuchte ihm aber den Gedanken, den ihm die Muſe wie einen Nachtkuß auf die heiße Stirn gehaucht. Er ſchob ſich vom niedrigen Lager in die Höhe; Licht und Material waren bei der Hand, und wenn das Geheimniß dem Griffel anvertraut war, bog er ſich wieder ſtill zurück auf ſein Ruhebett. Am Morgen ſtand es dann da wie ein riefenhafter Traumgedanke aus einer dem Leben entzogenen Welt des Ideals, und er machte ſich an das mühſame Geſchäft, gleich in die nächſte Arbeit, welche ihm vorlag, die der Nacht abgelauſchte Offenbarung irgendwo und wie einzupaſſen. Daher in ſeinen Dramen die mancherlei metaphyſiſchen Einſchiebſel einer überwachen Geiſtesregung...“
Mannigfaltiges.
In vielen Kirchen Süddeutſchlands iſt es bekanntlich Sitte, daß Männer und Frauen geſondert, jeder Theil auf einer eignen Seite des Schiffes Platz nehmen.
In einer ſolchen Kirche in Tyrol entſtand jüngſt während der Predigt ein ſtörendes Geräuſch von Stimmen.
Der Prediger, der dort auch von der Kanzel herab mit ſeinen Zuhörern im intimſten Verhältniß ſteht, ruft den Frauen unmuthig zu:„Ich werde warten, bis es ruhig geworden iſt⸗
Diesmal aber muß die Seite der Männer der ſchuldige Theil geweſen ſein, denn ſogleich antwortet die entſchloſſenſte der Bäuerinnen:„Wir ſind es nicht, die Männer ſind es!“
„Deſto beſſer, meine Gute, dann wird es um ſo eher ſtille werden!“ So antwortete der Prediger und ſetzte ſeine Rede fort.
Die Statue von Franz I. zu Paris iſt in letzter Zeit renovirt worden und wurde, als die Renovation vollendet, von der Breter⸗ hülle befreit, mit der ſie zu dieſem Zwecke überdeckt war.
„Scheint Dir die Statue nicht größer geworden zu ſein?“ fragte darauf ein Vorübergehender.
„Natürlich,“ antwortete ein Journaliſt,„ſie iſt ſo lange unter die große Glocke gekommen!“
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