Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
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Nr. 39.]

LCiterariſche Beſprechungen.

Novellen von Auguſt Becker. Peſth. Guſtav Heckenaſt. 1856.

Vor zwei Jahren erſchien bei Cotta eine epiſch⸗lyriſche DichtungJungfriedel der Spielmann, die es ſich zur Aufgabe gemacht hatte, die im ſechzehnten Jahrhundert durch den Meiſtergeſang und die theologiſche Gelehrſamkeit unterdrückte deutſche Volkspoeſie in einer phantaſtiſch hiſtoriſchen Geſtalt zu perſonificiren und zu verherrlichen. Das Gedicht, poetiſch in ſeinem Sujet, originell in vielen Einzelheiten und künſtleriſch in ſeiner geſammten Durch⸗ führung, machte verdientes Aufſehen und erregte nicht ge⸗ ringe Spannung auf des Verfaſſers neue Arbeiten. Solche liegen nun in den kürzlich erſchienenenNovellen nicht vor; dieſelben enthalten vielmehr frühere Studien des Ver⸗ faſſers aus den Jahren 1849 und 1850 und laſſen ſomit, wenn nicht des Dichters Fortſchritte ſeit dem Jungfriedel, ſo doch ſeine Urſprünge und die Vorausſetzungen dieſer Dichtung erkennen. Der elegant ausgeſtattete Band ent⸗ hält culturgeſchichtliche Erzählungen vom Ueberrhein, Dorf⸗ geſchichten und hiſtoriſche Genrebilder aus des Verfaſſers Heimath, dem Theile der bairiſchen Pfalz, der unmittelbar an das Elſaß grenzt, woher, beiläufig geſagt, jener Irrthum des Magazins für Literatur des Auslandes zu erklären iſt, der Auguſt Becker als einen Elſäſſer und Aus⸗ länder bezeichnete. Wie im Jungfriedel, ſo iſt auch hier altdeutſches Leben des Bauern- und des Städteweſens geſchildert, theils in den hiſtoriſchen Erzählungen, ſo wie

es vor Jahrhunderten blühte, theils in den Dorfgeſchich⸗ Ser e. 4 ſgeſchich⸗ October wird die Ausgabe vollſtändig vorliegen.

ten, ſo wie es ſich noch jetzt erhalten hat. In keinen dieſer Sachen iſt ein ſo reicher Schwung der Poeſie wie in jenem früher veröffentlichten Werke entfaltet. kräftig draſtiſche Entwickelung liebenswürdiger, perſönli⸗ cher Leidenſchaft, bald die Beziehung des Individuellen auf eine weitere hiſtoriſche und allgemein menſchliche Be⸗ deutung. Vorzüglich ſchwach ſind die geſchichtlichen Mit⸗ theilungen.Hans Röſſelmann, der wackere Schultheiß zu Colmar, iſt ſicher die frühſte der vorliegenden Arbeiten;

Dritte folge.

Es fehlt bald die

es iſt hier in den angeführten Geſprächen ein gewiſſer Ton

getroffen, von dem wir zu glauben pflegen, daß er mittel⸗ alterlichen Geiſt ausdrücke; im Uebrigen aber iſt die hier entfaltete Erfindungs⸗ und Geſtaltungskraft keine hervor⸗

ragende und zeigt wenig von literariſcher Individualität.

Eigenthümlicher iſt bereits diePeſtjungfer, aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges; hier iſt wirklich Phantaſie entfaltet und originelle, hiſtoriſche Färbung erreicht; nur Eines fehlt hier dem Dichter noch, für ſeine Ge⸗ ſtalten lebhaft zu intereſſiren; auch die Spannung durch

voller Befriedigung genoſſen werden können. Zur Zeit ihrer Entſtehung, als die Dorfgeſchichten noch weniger als heute ausgebeutet waren, hätten dieſelben Aufſehen machen müſſen. Das Motiv der erſten dieſer beiden erinnert an die Kataſtrophe in FreitagsValentine, womit jedoch kein Vorwurf geſagt iſt, da auch bereits vor dieſer ein ähnlicher Conflict in einer altitalieniſchen Novelle exiſtirte. Im Allgemeinen erregen die vorliegenden Dichtungen unſere Anerkennung vielleicht nur darum weniger, weil wir nach demJungfriedel große Anſprüche machen konnten. Jedenfalls aber ſind das Alles Sachen, die nicht ein Jeder, zum Theil vielleicht kein Anderer geſchrieben haben konnte. Sie tragen alle den Stempel einer gewiſſen originellen Friſche und Geſundheit, eines derben populären Tones und eines nach dem Concreten und Volksthümlichen hinſtreben⸗ den Dichtergeiſtes.

Geſammelte Werke von Friedrich Halm. Wien. Gerold's Verlag. 1856.

Der erſte und dritte Band dieſer Sammlung iſt aus⸗ gegeben. Jener enthält die Gedichte in einer vermehrten und verbeſſerten Ausgabe, dieſer die drei DramenImelda Lambertazzi(1838 entſtanden),König Wamba, ein Fragment nach dem Spanier Lope de Vega, undEin mildes Urtheil, das 1850 zuerſt aufgeführt wurde. Der Inhalt der übrigen Theile wird folgender ſein: Band 2: Griſeldis, der Adept, Camoens; Band 4: die Pflegetochter, König und Bauer, Sohn der Wildniß; Band 5: Sam⸗ piero, eine Königin(Donna Maria de Molina); Band 6: Verbot und Befehl, Fechter von Ravenna. Bis Ende Aus Anlaß desFechters gibt die Kölniſche Zeitungein, der Himmel gebe! letztes Wort ab, dem wir uns anſchlie⸗ ßen. Franz Bacherl, ein halb gebildetes Schulmeiſterlein in Bayern, das mit Leidenſchaft Verſe macht, hatte den Stoff des Fechters ſeit Jahren mehrfach in ſeiner wunder⸗ lichen Weiſe behandelt. Die Verſuche deſſelben, ſeine

Stücke in Wien zur Aufführung zu bringen, mißglückten ngtürlich. Aber eines dieſer ſeltſamen Producte kam in die Hände Friedrich Halm's, der es las und benutzte wie viel oder wie wenig, darüber wollen wir nicht ſtreiten. Genug, es iſt klar wie der Tag, daß Friedrich Halm den Bacherl geleſen und benutzt hat. Kein vernünftiger Menſch macht Herrn von Münch⸗ Bellinghauſen aus dieſer Benutzung einen Vorwurf, viel⸗ mehr iſt alle Welt ihm dankbar, daß er den rohen Stoff

durch eine glänzende rhetoriſche Behandlung zu einem wirk⸗

ſamen Bühnenſtück umformte.

das Geheimnißvolle, das in dem Stoffe liegt, konnte er

bei breiterer Ausführung beſſer ausbeuten. Das Uebrige ſind nunDorfgeſchichten.Der Hannewackel und ſeine

Schweſter iſt die ſchwächſte, weil die Auswanderung Pe⸗

ters nach Amerika auf einem einfachen äußerlichen Irrthume beruht, wie er überall vorkommen kann; warum tritt hier nicht ein innerer ſittlicher Conflict ein, der nur in der neuen Welt ſeine Löſung finden kann? Des Schulzen Fritz undDas Schreinerbäbele ſind ein paar fertig

Verdacht wird ihm aber, daß er ſich nicht hat überwinden können, jene Benutzung, die zufällig ans Licht kam, offen einzugeſtehen. Er ver⸗ öffentlichte eine lange Erklärung, in welcher er ſich ſorg⸗ fältig hütete, jene Benutzung abzuleugnen, und eine offen⸗ bare Unwahrheit hat er ſich alſo nicht zu Schulden kommen laſſen. Dagegen ſuchte er auf alle mögliche Weiſe indirect das Publicum zu dem irrigen Schluſſe zu verleiten, daß er

den Bacherl gar nicht geleſen habe, und das iſt mit Recht

gerügt worden.

ausgearbeitete Novellen, die mit ungeſtörtem Behagen und

Auf den poetiſchen Werth der vorliegen⸗ den Sachen kommen wir ſpäter ausführlich zurück. R. Giſeke.

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