Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
618
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So verging etwa eine Stunde. Der Mond ſchien durch das Fenſter, und ſeine Strahlen erhellten den Lehm⸗ ſchlag, welcher der Hütte als Fußboden diente.

Plötzlich ſchwebte ein Schatten an dem erhellten Theile der Stube vorüber. Ich erhob mich und ſchaute durch das Fenſter. Es war Jemand ganz in der Nähe vorüber⸗ gegangen und hatte ſich dann vermuthlich verſteckt.

Ich konnte nicht annehmen, daß der fragliche Jemand nach dem Ufer entflohen ſei, und dennoch war jedes andere Verſteck unmöglich.

Nachdem ich meinen Mantel übergeworfen und meinen Dolch eingeſteckt hatte, ſchlich ich ganz leiſe aus der Hütte.

Der Erſte, dem ich begegnete, war der blinde Knabe. Ich verbarg mich neben der Mauer des Hofes und ſah ihn mit vorſichtigen, aber ſichern Schritten vorübergehen.

Er trug unter dem Arm einen Packen, ging in der Richtung nach dem Hafen und glitt dann einen ſchmalen und ſteilen Steg hinab. An jenem Tage ſagte ich zu mir ſelbſt: Die Stummen werden reden und die Blinden wer⸗ den ſehen.

Dann folgte ich ihm ſo, daß ich ſeine Spur nicht ver⸗ lieren konnte. Indeß begann der Mond ſich mit Dünſten zu umgeben, und der Nebel, welcher ſich von der See erhob, ließ kaum die Laterne an dem Vordertheil eines in der Nähe liegenden Schiffes erkennen.

Das Geſtade ward mit Schaum überdeckt von den Wogen, die es in jedem Augenblick zu verſchlingen drohten.

Nicht ohne Mühe ſtieg ich den ſteilen Gang hinab und ſchlich an der Böſchung des Ufers entlang. Der Blinde war erſt ſtehen geblieben und hatte ſich dann am Ufer rechts gewandt. Er ging ſo nahe an dem Meere, daß man in jedem Augenblick hätte befürchten mögen, eine Woge werde ihn erreichen und mit ſich hinwegführen.

Allein er machte wahrſcheinlich dieſen Weg nicht zum erſten Male, wenn man anders ein Urtheil nach der Sicher⸗ heit fällen durfte, mit welcher er von einer Klippe auf die

Novellen⸗Zeitung.

andere ſprang und dabei alle Riſſe und Auswaſchungen⸗ des Ufers vermied.

Endlich blieb er ſtehen, als ob er irgend etwas gehört hätte oder auf etwas horchte, ſetzte ſich nieder und legte ſeinen Packen neben ſich. Ich beobachtete alle ſeine Be⸗ wegungen, während ich durch einen Vorſprung des Ufers gedeckt war. Nach wenigen Minuten erſchien von der ent⸗ gegengeſetzten Seite her eine weiße Geſtalt. Dieſe näherte ſich dem Blinden und ſetzte ſich an ſeine Seite.

Der Wind trug mir ihre Unterhaltung zu.

Was für ein Sturm! ſagte eine weibliche Stimme; Janko wird nicht kommen.

Janko fürchtet ſich nicht vor dem Sturm, antwortete der Blinde.

Der Nebel wird immer ſtärker, verſetzte die weibliche Stimme mit dem Ausdruck des Bedauerns.

Mit Hülfe des Nebels gelangt man um ſo leichter um die Wachtſchiffe herum.

Und wenn er nun ertrinkt! 1

Nun, dann bekommſt Du auf den Sonntag kein neues Band, um in die Kirche zu gehen.

Es entſtand ein kurzes Schweigen; ein Umſtand hatte mich beſonders überraſcht: nämlich, daß der Blinde, als er mit mir ſprach, den Dialekt von Klein⸗Rußland ge⸗ brauchte, während er jetzt in reinem Ruſſiſch ſprach.

Siehſt Du, daß ich Recht habe, nahm dann der Knabe wieder das Wort und ſchlug in ſeine Hände;Janko

fürchtet weder das Meer und den Wind, noch den Nebel

und die Küſtenwächter. Höre! dieſes Rauſchen iſt nicht das natürliche des Waſſers, ſondern es ſind die Schläge ſeiner langen Ruder.

Die Frauensperſon erhob ſich mit Lebhaftigkeit und begann mit dem Ausdruck einer innigen Angſt in die Ferne zu ſchauen.

Du träumſt ich bemerke nichts!

Arten der Ariſtokratie ſich abgegeben haben, um ſich nie in irgend einem der Kreiſe, in die man gerathen könnte, überraſcht oder verlegen zu zeigen.

Er muß einen berühmten Namen mit hiſtoriſchen Erinnerungen beſitzen oder einen ſolchen anzunehmen verſtehen.

Er muß mit Glück zu ſpielen verſtehen, indem er immer für Madame ſpielt und ſtetsMadame den vollen Gewinn zu⸗ kommen läßt.

Für alle dieſe Functionen iſt das WortAccompagnateurt adoptirt, damitMadame ſagen könne: Das iſt mein Accom⸗

pagnateur natürlich auf dem Piano! F.

Was iſt der Journalismus in dmerika?

Nichts geht über die Macht eines amerikaniſchen Journaliſten. Jeder haßt ihn, aber Jeder zieht den Hut vor ihm, weil Jeder ihn fürchtet. Ehre und Vermögen Aller ſind der Willkühr dieſes Menſchen ausgeſetzt, denn die Preßgeſetze ſollen dort noch erfunden werden und nichts begrenzt bis jetzt ſeine Exceſſe. Nur er, da er nicht einmal der Wahl unterworfen iſt, iſt die einzige öffentliche Macht, die nicht einmal Rechenſchaft zu geben hat!

Aber jedes Ding hat auch ſeine Rückſeite. Wo die Geſell⸗ ſchaft noch keine Geſetze hat, ſucht jeder ſelbſt ſein Recht oder Unrecht! Der Beiſpiele ſind unzählige! Haſt Du Jemandes Intereſſe in der Preſſe verletzt, ſo kommt er am anderen Tage und ſetzt Dir die Piſtole auf die Bruſt. Ein amerikaniſcher Redacteur muß täglich bereit ſein ſich zu ſchlagen. Prügel und Pulver ſind dort die nächſte und letzte Waffe der Polemik.

Was alſo iſt der Journalismus in Amerika? Eine unbeſchränkte und unverantwortliche Gewalt, die nur Rechenſchaft gibt vor den Revolvern! F.

Literatur.

Biographiſches Lexikon des Kaiſerthums Oeſter⸗ reich, umfaſſend die Lebensſkizzen der denkwürdigen Perſonen des Jahrhunderts 1750 bis 1850 im Kaiſerſtaate und ſeinen Kron⸗ ländern. Von Dr. Conſt. v. Wurzbach. Wien. Zamarski's Univerſitäts⸗Buchdruckerei. 1856.

Von dieſem verdienſtlichen, mühſamen Werke liegt uns hier die zweite Lieferung vor.

Sie geht von d'Ayala bis Baumgarten und enthält unter Anderem von nennenswerthen Belletriſten die Biographien von Bäuerle und Bauerfeld. Das Ganze iſt eine Abtheilung des Sammelwerkesder große öſterreichiſche Haus⸗ ſchatz. Dr. v. Wurzbach, der kürzlich eine bibliographiſch⸗ ſtatiſtiſche Ueberſicht des Kaiſerthums herausgegeben, iſt bekannt⸗ lich auch Dichter, und ſeineGemmen von C. W. Conſtant (Hamburg, Hoffmann& Campe. 1854) werden unſern Leſern noch in gutem Andenken ſein.

Franzöſiſch⸗deutſches Geſprächbuch. Von G. H. F. de Caſtres. Leipzig.

Fünfte Auf⸗

lage. E. Wengler.

1856.* Engliſch⸗deutſches Geſprächbuch. Sechſte Auflage,

vermehrt und verbeſſert v. Dr. O. Fiebig. Ebendaſelbſt.

Dieſe unter den TitelnParlez-vous français?es undDo

(II. Jahrg. 9.

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