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Jahrz. Nr. 39.]
Dritte folge.
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Nachdem wir durch einige kothige Gaſſen gegangen waren, in denen nur elende Breterhäuſer ſtanden, gelang⸗ ten wir hart am Geſtade des Meeres zu der fraglichen Hütte..
Der Vollmond beleuchtete das Schilfdach und die weißen Wände meiner neuen Behauſung. Auf dem Hofe, der mit einer Mauer von Strandkieſeln umſchloſſen war, ſtand eine zweite kleinere Hütte, die noch älter war, als die erſtere.
Das Geſtade fiel ſteil bis zu dem Meere ab, welches die Grundmauer der elenden Hütte beſpülte, aus der man unabläſſig das Gemurmel der Wogen hörte.
Der⸗Mond beſchaute mit friedlichem Blick das aufge⸗ regte, aber ſeinem Einfluß unterworfene Element, und ich vermochte bei ſeinem Scheine in der Ferne zwei Schiffe zu unterſcheiden, deren ſchwarzes Takelwerk ſich einem Spin⸗ nengewebe ähnlich von dem bleichen Himmel abhob.
„Es ſind Schiffe, die auf der Rhede liegen,“ dachte ich,„und morgen werden nach Gheleratſchik abſegeln.“
Ein Koſak von der Linie erfüllte bei mir das Amt eines Dentſchik. Ich befahl ihm, meinen Reifekoffer von dem Wagen zu heben und den Kutſcher zu verabſchieden. Dann rief ich den Herrn der Hütte und pochte an die Thüre, doch vergebens.
Endlich ſah ich einen Burſchen von etwa vierzehn Jahren, der ſich von einem Steine neben der Thür der Hütte erhob.
„Wo iſt der Herr?“—
„Es iſt hier kein Herr.“
„Wie? das Haus hat keinen Herrn?“
„Nein.“
„Und auch keine Hausfrau?“
„Die iſt in die Stadt gegangen.“
„Wer wird mir denn die Thür öffnen?“ fragte ich und V ſtampfte mit dem Fuße.*
Die Thür öffnete ſich von ſelbſt; eine übelriechende
und ſchnarchte bereits nach zehn Minuten.
feuchte Luft quoll mir entgegen. Ich zündete ein Streich⸗ holz an und hielt es dem Knaben vor das Geſicht.
Dieſes Licht ließ mich zwei vollkommen weiße Augen erblicken. Der Knabe war blind— durchaus blind gebo⸗ ren. Er ſtand regungslos vor mir, und ich konnte ungeſtört die Züge ſeines Geſichts betrachten.
Ich betrachtete ihn lange mit einer Empfindung von Mitleid, als plötzlich ein faſt unbemerkliches Lächeln über
ſeine dünnen Lippen ſchwebte und ein gewiſſes unange⸗
nehmes Gefühl bei mir hervorrief. „Biſt Du der Sohn vom Hauſe?“ fragte ich ihn endlich. „Nein.“ „Wer biſt Du denn?“ „Eine arme Waiſe.“ „Hat die Hausfrau Kinder?“ „Nein.“ Sie hatte eine Tochter, aber die iſt über das
Meer entflohen mit einem Tataren.“
„Was war das für ein Tatare?“
„Das weiß der Teufel! Es warnein Tatare aus der Krim, ein Schiffer von Kertſch.“
Ich trat in die Hütte. Zwei Bänke, ein Tiſch und eine große Kiſte, welche neben dem Ofen ſtand, bildeten das ganze Mobiliar. Man bemerkte kein Bild an der Wand— und das deutete nichts Gutes an.
Der Wind, welcher über das Meer blies, drang durch die zerbrochenen Scheiben in die Stube.
Ich nahm ein Endchen Wachslicht aus meinem Reiſe⸗ koffer, zündete es an und ordnete dann meine Sachen.
Ich ſtellte meine Flinte in eine Ecke, legte meine Pi⸗ ſtole auf den Tiſch und breitete dann meine Burka auf eine Bank; mein Koſake legte die ſeinige auf eine andere Bank Ich vermochte dagegen nicht einzuſchlafen. Es war mir immer, als ſähe ich den Blinden mit ſeinen weißen Augen durch das Dunkel vor mir ſchleichen.
„Was für eine teufelmäßige Sonne! Sie ſpottete ſo eifrig, daß die Howadji ganz ſchweigſam wurden, nachdem ſie es zuvor als etwas Gutes betrachtet hatten, eine Mumie, die ſie in den Königsgräbern zu Theben gefunden, zu Haus zeigen zu können. Aber wer ſollte ſo etwas wagen, wenn eine ſolche Sonne aus dem Himmel ſtrahlt? So ſchlichen ſie ſehr demüthig vorwärts, die Strahlen der Sonne abwehrend mit großen ſchweren Schirmen und darüber beſtändig in Gefahr, von ihren Pferden herabzugleiten, während die geſpenſterartigen Schwammfelſen das Halloh der Pferdejungen im Spottecho nachriefen.„Ei, die guten Herrn reiſen weit, um Gräber zu ſehen. Aber Ihr werdet eins davon genug haben, Ihr jungen Herrn. Was ſteht denn am Ende aller Eurer Reiſe?“ Der Howadji ſchlich noch ſtiller vorwärts und erreichte zuletzt das Ende des gewundenen ſteinigen Thales in dem Herzen der Hügel Libyens. 3 Hier iſt vornehme Geſellſchaft. Iſt mancher Platz berühmt, weil zwei lebende Könige dort zuſammen kamen, was ſoll dann dieſer Verſammlungsort zahlloſer todter Könige und nur Könige? Hier ſind keine Ritter, keine Höflinge, keine Lakaien. Nichts als der reinſte Staub liegt hier. Rings umher führen die niedrigen Thüren, die in die Felſen gehauen ſind, in ihre Audienzgemächer. Da iſt kein goldner Portierſtock, der uns einlaſſen kann, kein Kammerherr, der uns vorſtellen kann. War je eine Demokratie ſo demokratiſch, wie dieſe Verſammlung todter Könige? Laßt uns mnaßcteſse. Hinab alſo. Doch halt! Die Könige ſind nicht hier. Sie find in dem Vatican, in dem Louvre, in London, Berlin, Wien, in auserwählten Muſeen, oder achtungslos umhergeſtreut auf den Felſen. Der Herr des Hauſes iſt nicht zu Hauſe, und folglich werdet ihr nicht eintreten.
Doch laſſet ſie den Muſeen und der Geſchichte. Was ſind ſie für uns? Ihre Gräber, nicht ſie ſelbſt ſind jetzt Gegenſtände unſerer Bewunderung. Rameſes Grab iſt in dieſem Augenblick für uns wichtiger, als ſein ganzes Leben. Stände er auf Memnon'’s Piedeſtal, würde der Howadji es aufgeben, ſein Grab zu ſehen, um ihn zu ſehen?(Schluß folgt.)
„
Aus der Gegenwart.
Ein neuer Titel für ein altes Amt.
Eine neue Erſcheinung der diesjährigen Saiſon in Baden⸗ Baden ſind die„Accompagnateurs“— der Damen, die für diesmal keinen„Cavalier“ fanden.
Die Functionen eines ſolchen Accompagnateurs laſſen ſich in folgenden Punkten zuſammenfaſſen:
Er ſpielt die Rolle eines Gatten, Bruders, Couſins, Onkels, Vormundes, älteren Freundes oder— des Intendanten von „Madame.“
Er trägt den En⸗tous⸗cas, den Shawl, den kleinen Hund, das Porte⸗Monnaies von„Madame.“
Er ſieht Alles, aber begreift Nichts.
Er zeigt den aufmerkſamſten Takt in der Weiſe und in dem Zeitpunkte zu kommen und zu gehen.
Er ſchlägt ſich, im Nothfall, für die Ehre von
Er muß viel Haltung und feine Wäſche zeigen.
Seine Mienen müſſen ernſt und würdig ſein.
Er muß in ſeiner Jugend großartig gelebt und mit allen
„Madame!“


