Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
614
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614 Novellen⸗ mit einer ſelbſt für dieſe Gelegenheit ungewöhnlichen Kälte entgegen. Beide mußten mich für einen Raufbold halten, dder ohne allen Grund Händel ſuchte.

Mein Herz trieb mich zu einer Erklärung, allein ich durfte ſie in dieſem Augenblick nicht geben, wenn ich nicht befürchten wollte, für einen Feigling angeſehn zu werden. Die Schritte wurden gemeſſen, die Piſtolen geladen.

Der General iſt der Beleidigte und hat den erſten Schuß, ſagte ich zu dem Secundanten meines Gegners.

Derſelbe verneigte ſich und beide Secundanten traten zurück. Der General erhob ſeine Waffe ſchnell, zielte kurz und ſchoß. Ich fühlte einen warmen Strich an meinem rechten Oberarm.

Graf Arthur begann für meinen Schuß zu zählen.

Ich trat vor und ſagte:

Herr General, bevor wir weiter gehn, habe ich Ihnen Etwas Wichtiges und Nöthiges zu ſagen.

Beide Secundanten ſahen mich höchſt erſtaunt an. Der General erwiderte kalt:

Ich weiß nicht, was Sie mir jetzt in einer andern Sprache ſagen können, als in derjenigen, in welcher ich ſo eben zu Ihnen geſprochen habe.

Und doch, entgegnete ich,habe ich Ihnen Etwas für mich unendlich Wichtiges zu ſagen oder vielmehr Sie um etwas zu bitten.

Er ſah mich erſtaunt an.

Herr General, fuhr ich fort,ich liebe Ihre Toch⸗ ter und bitte um ihre Hand.

haben.

Zeitung.

Ich erzählte ihm nun, wie ich ſeine Tochter vom erſten Augenblick unſerer Bekanntſchaft an geliebt hätte, wie ein Mißverſtändniß einiger zufällig auf dem Ball gehörten Worte den Grafen Arthur mir als begünſtigten Neben⸗ buhler hätten erſcheinen laſſen, wie ich in der verzweifelten Stimmung, in welche mich dieſe Annahme verſetzt hätte, mit ihm zuſammengetroffen wäre und ihn in meiner Ge⸗ reiztheit beleidigt hätte.

Bald darauf, fuhr ich fort,erfuhr ich das wahre Verhältniß der Dinge und bereute aufrichtig meine Ueber⸗ eilung. Allein eine Abbitte, bevor ich Ihnen Genugthuung gegeben, hätte mich Ihnen als feig erſcheinen laſſen müſſen, und einem Feigling würden Sie Ihre Tochter nicht gegeben Deshalb bin ich hierher gekommen. Jetzt, Herr General, haben Sie Genugthuung, ich bitte Sie nochmals von ganzem Herzen um Verzeihung und um die Erlaubniß, mich bei Ihrer Tochter ſelbſt um ihr Herz zu bewerben.

Auch Sie bitte ich um Verzeihung, Herr Graf, ſagte ich zu dem Secundanten des Generals,ich hielt Sie für meinen begünſtigten Nebenbuhler, das wird mein Be⸗ tragen bei Ihnen entſchuldigen. 4*

Der General hatte mich mit dem höchſten Erſtaunen angehört, der Ausdruck des Zorns aber war allmählich von

Nun, ſagte er lächelnd,Sie haben zwar für Ihre Brautwerbung die eigenthümlichſte Form gewählt, die

Der alte Herr ſtand ſprachlos, die Piſtole entfiel ſeinen Händen.

Herr, ſagte er,wollen Sie Ihre Beleidigungen fortſetzen und mich zum Beſten haben, oder

Sein Blick fügte hinzu:Sind Sie verrückt?

Ich ſehe ein, ſagte ich,daß mein Betragen Ihnen ſonderbar vorkommen muß, erlauben Sie mir aber Ihnen daſſelbe einigermaßen zu erklären.

Doch es iſt Unrecht, daß Sie mich beinahe zum Mörder

Sie mir willkommen ſein.

bei Euch verliebten jungen Leuten etwas Nachſicht üben.

gemacht haben, Sie laſſen mich auf Sie ſchießen und haben die Abſicht ſich nicht zu vertheidigen; eigentlich könnte ich Ihren Schuß verlangen, um mein Gewiſſen zu beruhigen.

wohl je vorgekommen iſt, ſeit die Welt ſteht, aber man muß

[II. Jahrg.

ſeinem Geſicht verſchwunden. 1

Indeß die Sache ſei abgethan, hier iſt meine Hand, ſchlagen

Sie ein; wenn Sie mit meiner Tochter fertig werden, ſollen

ſich alle an den Tiſch, und es begann das gewaltige Biertrinken, wie unter den Göttern und Helden der alten nordiſchen Mythologie.

Brander! Brander! rief ein junger Menſch mit von Eſſen und Bier heißem und geröthetem Geſicht,Brander, ſage ich! Du biſt ein Doctor! Nein, ein Papſt; Du biſt ein Papſt!

Dieſe Worte waren an einen blaſſen, ruhig ausſehenden Menſchen gerichtet, welcher gegenüber ſaß und eifrig damit beſchäftigt war, einen armſeligen geſchornen Pudel auf einem Stuhle neben ſich auf den Hinterbeinen ſitzen und eine kurze thönerne Pfeife in der Schnauze halten zu laſſen, ein Unter⸗ nehmen, zu welchem der Pudel eben nicht ſehr geneigt ſchien.

Du biſt gefordert! erwiderte der blaſſe Student, von ſeinem Hunde ſic abwendend, welcher die Pfeife aus der Schnauze fallen ließ und unter den Tiſch ſprang.

Sogleich wurden Secundanten gewählt und die Waffen beſtimmt, nämlich ſechs mächtige Krüge oder Paßgläſer, bis an den Rand mit ſchäumendem Biere gefüllt. wurden drei geſtellt.

Vor jeden Duellanten

blaſſe Student war Sieger. Er hatte eher als der Andere das dritte Glas geleert. Einen Augenblick hielt er es umgeſtürzt, um die letzten Tropfen berauslaufen zu laſſen, ſetzte es dann ruhig

auf den Tiſch, blickte ſeinem Gegner ins Geſicht und ſagte:

's ſitzt!

Luibin ſah er mit der größten Ruhe unter den Tiſch und pfiff ſeinem Hunde. Sein Gegner hielt mitten in ſeinem dritten Glas inne. Jede Ader auf ſeiner Stirn ſchien zerſpringen zu wollen; ſeine Augen waren wild und mit Blut unterlaufen, ſeine Hände verloren allmählich ihren Halt auf dem Tiſch, und er ſank und rollte zuſammen, wie ein Stück Blei. Er war betrunken.

In dieſem Augenblick ſchritt eine majeſtätiſche Geſte lt durh

die trübe, raucherfüllte Atmoſphäre mitten auf den Tiſch herab. Ohne Rock, im bloßen Halſe, verworrenen Haares, die Augen weit geöffnet, blickte er gerade aus, als ſähe er in der Luft eine winkende Hand, welche die Andern nicht ſehen konnten. Seine linke Hand ruhte auf der Hüfte, und in der Rechten hielt er einen blanken mit der Spitze nach unten gekichteten Schläger. Ohne

Ergreift die Waffen! rief einer der Secundanten, und jeder ſich um Jemand zu kümmern, mit martialiſchem Schritt marſchirte

der Kämpfenden ergriff ein Glas. Stoßt an! Und die Gläſer klirrten einen Gruß, als ob ſich Schwerter kreuzten. Setzt an! Jeder ſetzte ſein Glas an die Lippen. Aus! Und Jeder goß den Inhalt in die Gurgel hinab, wie durch einen Trichter in ein Bierfaß. Die andern zwei Gläſer folgten raſch, ſo daß kaum ein ſchmaler Athemzug dazwiſchen lag. Der

eer geſtreckt mitten auf den Tiſch hin, indem er bei jedem Schritt Gläſer zertrat und Flaſchen umwarf. Die Studenten fuhren zurück, ſowie er ſich näherte, bis endlich einer, der betrunkener oder herzhafter als die übrigen war, ihm ein Glas voll Bier ins Geſicht goß. Es entſtand ein allgemeiner Tumult und der Stu⸗ dent ſprang mit dem Schläger auf den Boden herab. Es war von Kleiſt. Er renommirte damit. Mitten in dem Lärmen konnte man die beleidigenden Worte unterſcheiden: Arrogant! Abſurd! Impertinent! Dummer Junge! Von Kleiſt ging dieſen Abend mit nicht weniger als ſechs

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