wärts. Im Mittelpunkte alles Gewühls, dort, wo der Säulenporticus ſich erhebt, ſind die Spielſäle. Das gedämpfte Licht der grünen Tiſche, das durch die offnen Fenſter ſchimmert, hat etwas Geiſterhaftes. Dort rollt das Gold, dort glühen die Leidenſchaften, lockt die Ver⸗ die Stimme des Gewiſſens betäuben. Auf all' das Men⸗ Schwarzwaldes herab, und zwiſchen hindurch rauſcht und plätſchert unbefangen ihr junges Kind, die kleine Oos.
ſein mildes Licht aus über Natur und Menſchen, über Gute und Böſe.
Mein Blick gleitet links an den Bergzügen hin, die in freier, erhabener Rhythmik auf⸗ und abſchwellen und dunkle Wellen ſchlagen, die im Nachthimmel ſich erſenken. In der Tiefe ihrer Schluchten ſchimmern einzelne Lichter aus einſamen Häuſern; hier und da blitzt im Thal die Oos im Mondenlicht auf. Und über dem Ganzen liegt ein leichter Nebelſchleier ausgebreitet und hüllt Berg und Thal in märchenhaften Duft.— Ruhe und Schweigen allenthalben.
Die Muſik iſt verſtummt; die glänzenden Lichter im Thal verlöſchen, eins nach dem andern. Auch die Menſchen ſuchen Ruhe— vor ſich ſelbſt. Ihre Leidenſchaften ſchweigen bis zum andern Morgen, um mit erneuter Ge⸗ walt zu erwachen. Dumpfer Donner rollt über den ſil⸗ bernen Streifen des Rheins aus Frankreich zu unſeren Bergen herüber. Er verkündet ferne Gewitterſtürme im weiten Weſten, von denen die ſtille Ruhe unſeres Thales nichts ahnt.
Der Schumann⸗Eichendorf'ſche Nachtgeſang zog durch meine Seele und begleitete meine Träume.———
Das waren die Eindrücke der erſten Nacht in Baden⸗
Noveſſen⸗Zeitung.
führung, und es iſt mir, als wollte die ſchmetternde Muſik
ſchengewühl ſchauen ſchweigend die ernſten Berge des
Und am Himmel thront ruhig der volle Mond und gießt
Jahrg.
IV. Durch die Stadt.
Es verging der erſte Vormittag im Durchwandern der Straßen, die durch ganz beſondere Reinlichkeit und eine gewiſſe künſtliche, herausfordernde Eleganz ſich auszeichnen, ohne doch beſonders ſchön und intereſſant zu ſein. Das Ländliche miſcht ſich mit dem Großſtädtiſchen hier auf ſelt⸗ ſame Weiſe. Die Stadt hat die Haltung eines reichge⸗ wordenen Kammerdieners, der die feine Lebensart im Hauſe ſeiner ehemaligen Herrſchaft gelernt hat und nun ſelbſt recht vornehm thut. Nur in der Atmoſphäre der großen Hötels, die faſt alle an der Hauptſtraße(unter den Badener „Linden“) und am rechten Ufer der Oos nebeneinander, jede Concurrenz verachtend, ſich aufgepflanzt haben— athmet man echt großſtädtiſchen Geiſt und ahnet Pariſer Preiſe.
Die Kaufläden wetteifern mit den Hôtels. Ihre ele⸗ ganten Schaufenſter, der Geſchmack, der Reichthum und die Fülle ihrer Stoffe ſagen uns, daß ihre Beſitzer Paris geſehen haben, und daß die Käufer wohl den Luxus des Lebens, aber nicht den Werth des mühſam erworbenen Geldes kennen.
Die franzöſiſchen Schilder vor den gut deutſchen Hand⸗ werksläden haben mich aber ſehr amüſirt. An„Tailleur,“ an„Chambre garnie“ und„Restaurant“ ſind wir auch im Norden ſchon längſt gewöhnt. Aber„Cordonnier’“ und „Chapellier“ dürften ſchon ſeltener ſein, und bis zum „Charcutier“(anſtatt„Wurſtler,“ wie ſie hier ſetzen) zum „Boulanger,“„Epicier,“ zur„Brasserie“ und„Laiterie,“ haben wir's doch noch nicht gebracht!
Das Franzöſiſch, das dieſe Leute ſprechen, um ihren Schildern möglichſte Ehre zu machen, iſt oft komiſch genng. Aber jeder eintretende Fremde muß franzöſiſch angeſprochen⸗
Baden. werden. Er würde grob werden, wenn man ihn ohne Weiteres für einen Deutſchen halten wollte, ſelbſt wenn er ertheilen, im Fall Sie nicht vorziehen, noch Anderen als mir„Sie glauben, wir haben keine Beweiſe in den Händen? Hier Rede ſtehen zu müſſen.“— ſind ſie. Erſt vor einer Stunde gab Ihre Tochter im Telegraphen⸗ „Mein Herr, ich verſtehe Sie nicht und bitte, mir zu Bureau dieſe Depeſche nach Weißenburg auf.“ f erklären“—. Die erſchrockene Mutter fällt beinahe in Ohnmacht, als ſie ein „Sie werden mich ſogleich verſtehen. Sie wiſſen, daß ſeit Papier, mit der Unterſchrift ihrer Tochter, in der Hand hält, das drei Tagen in Madrid wieder Revolution ausgebrochen und daß die räthſelhaften Worte enthält: Espartero geſtürzt iſt.“ 9„Don Carlos kommt.“.—.. „Allerdings, denn es ſteht in allen Zeitungen.“ d Die Mutter ruft ihre beiden Töchter zitternd herein.— „Sie wiſſen aber weit mehr, als in den Zeitungen ſteht. Sie Neues Verhör, neues Erſtaunen, neue Spannung. kennen die Pläne der Carliſten.“ Als aber die munteren Töchter das corpus delicti leſen, „Ich? Was fällt Ihnen ein? brechen ſie in lautes Gelächter aus, zum großen Erſtaunen der „Leugnen hilft zu Nichts, Madame. Wir ſind genau unter⸗ Mutter und des Polizeimanns.— Wenige Worte und der Brief richtet, daß Sie mit den Carliſten in Verbindung ſtehen.“ aus Mannheim klären die Erſtaunten auf, doch beruhigt ſich der „Sie träumen, mein Herr!“ geheime Agent noch nicht ganz und wittert neue Myſtificationen. „Durchaus nicht. Wir wiſſen, daß Sie mit den Carliſten Da rollt abermals ein Wagen vör⸗ Der dlückliche Mana⸗ correſpondiren, die ſich an der Grenze verborgen halten,(Mit iend dein ängeue he vunnünnahfndimde hie fliegt ihm in dem durſpengenden Blick eines Inquirenten:) zum Beiſpiel in V i Diet kele ich Ihnan no dnͤen Wor Carlos vor. Sie — Weißenburg. 3 1,Se„ſſcheinen vergeſſen zu haben, daß der ſpaniſche Staatsverräther (Nadame betrachtet den geheimen Polizei⸗Officianten mit bereits todt iſt, daß aber in Deutſchland ein anderer Don Carlos, ſprachloſem Erſtaunen.)—.„von einem gewiſſen Herrn von Schiller, ein ewiges Leben „Sie ſchweigen? Nun dann, Sie ſind ſogar unterrichtet, daß haben wird!“ Don Carlos nach Spanien zurückkehrt. Nur durch ein offenes Allgemeines Gelächter erſchallt, unter dem der Polizeimann, Geſtändniß aller Einzelnheiten können Sie vermeiden, mir augen⸗— der ſchon geträumt hatte, durch ſeine Entdeckung zum Polizei⸗ blicklich in die Conciergerie folgen zu müſſen.“ miniſter zu avanciren,— ſich unter tauſend Entſchuldigungen Jetzt reißt der Madame die Geduld. Sie verlangt Genug⸗ V verwirrt zurückzieht.— Als die Sahwveſtern ihn in den Wagen. thuung, ſie bittet den geheimen Polizeimann, augenblicklich ihr ſteigen ſahen, bemerkten ſie, daß der Präfect von Straßburg ſchon„
Haus zu verlaſſen.— Dieſer, nicht im Geringſten erſchüttert, zieht ein Papier hervor und erwidert:
darin ſaß und daß vor dem Hauſe und an den Straßenecken verkleidete Gensdarmen Wache gehalten hatten!————
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Nr. 38
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