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Nr. 38.) Dritte Folge. 603
vom Bahnhof direct aufwärts, in Schlangenwindungen Es wäre ja ſonſt kein Modebad geweſen!— Das alte, über die Berge, durch einen prächtigen Tannenwald.— hiſtoriſche Baden ſteigt bergauf nach Oſten hin. Die neue Der Fremde, dem das laute Treiben der eiſenbahnfahrenden Modeſtadt des neunzehnten Jahrhunderts, mit ihren Pracht⸗ Menſchheit noch in den Ohren ſummt, glaubt ſich ploͤtzlich hötels, ihren Villen und Geſellſchaftshäuſern, zieht ſich in die Waldeinſamkeit des Schwarzwaldes verſetzt. Er im Thal nach Weſten hin, Iſt es Inſtinet, daß die ver⸗ athmet die herrliche Nachtluft der Berge, eine Quelle ſchiedenen Schichten der Geſellſchaft ſich ſogar in den rieſelt längs des Weges ihm entgegen, auf den hohen, Himmelsgegenden ſcheiden? Oder iſt es Naturgeſetz, um
dunklen Tannen ruht das weiche Mondlicht, kein Laut die Colliſionen des Geſchmackes zu vermeiden?— Der
unterbricht die heitere Ruhe der Nacht. Er glaubt ſich Menſch,„die kleine Narrenwelt,“ hat ſeinen Oedipus noch
allein, fern von der Welt„und ihrer Qual.“ nicht gefunden, der all' die unzähligen Räthſel löſen könnte, Da raſſelt der Wagen wieder über das Pflaſter; wir die aus ſeinem Mikrokosmos hervorquellen!
ſind in die Region der Gaslaternen zurückgekehrt, die uns Das ſtattliche Haus, das mich gaſtlich aufnahm(eines
hinlängliches Licht geben, um wiſſen zu können, wo wir der älteſten der Stadt, das ſogar ſeine beſondere Geſchichte ſind. Der Wagen hält am ſteilen Bergabhang; wir ſind bat), liegt wie eine Burg am ſteilen Bergabhange, mit in der Schloßſtraße angelangt, zwar in keinem noblen freiem Blick nach drei Seiten. Mein erſter Gang war und ſchönen Stadttheil, aber ſicher im intereſſanteſten— nach dem breiten Fenſter, in einem erkerartigen Vorbau. weit genug von der feinen und vornehmen Welt, um ſie Ich öffnete. Die milde Nachtluft ſchmeichelte mir den mit dem Fernrohr beobachten zu können. Süden vor. Und ringsum breitete ſich ein herrliches Pan⸗ Der Schloßberg beherrſcht das ganze Oosthal; er trägt orama aus, das mich Badens mannigfaltige Schönheiten den höchſten und älteſten Theil der Stadt, die„City.“ mit einem Blick überſchauen ließ.
Man athmet hier friſchere, reinere Luft; man hat hier die Vor mir, in der Tiefe die erleuchtete Stadt, mit ihren geſündeſte Lage, die herrlichſte Rundſicht— aber man iſt glänzenden Hötels, ihren reizenden Villen, ihren ſchönen etwa zweihundert Fuß über den faſhionablen Promenaden, Gärten. Die prachtvollen Baumgruppen der Promena⸗ Wagen können nur auf Umwegen hierher fahren, die den am Oosbach und der Parkanlagen auf den Bergen, Straßen gehen ſteil aufwärts, man kann zu vielen Häuſern ſind von Gaslaternen erleuchtet, ſo daß ſie wie in grünem nur durch Treppen gelangen.— Das Alles iſt der feinen Lichte zu glänzen ſcheinen. Die großartige Säulenfronte Welt zu unbequem. Sie hat zu kurzen Athem; ihre Füße der Trinkhalle ſteht ernſt und dunkel, mit claſſiſcher vertragen das Pflaſter nicht, ihre Bruſt nicht das Steigen; Ruhe dazwiſchen, und zeigt ſeine plaſtiſchen Formen im die Bergluft iſt ihr zu friſch und zu leicht. Und die feine Mondlicht. Wenige Schritte weiter nach links das be⸗ Welt iſt im Thale geblieben und hat ſich dort ihr„Weſtend“ rühmte Converſatio nshaus, aufs glänzendſte erleuchtet. gegründet. In den breiten Kaſtanien⸗Alleen, welche dieſe Geſellſchafts⸗ Die ſeltſame Beobachtung, die man ſchon ſo mannig- räume umgeben, wühlt und wimmelt, ſummt und rauſcht fach gemacht hat, daß die Civiliſation ſich immer nach es ſeltſam. Tauſende von Menſchen ſind dort verſammelt; Weſten ausbreitet, daß die Städte nach Weſten hin ſich der Lärm ihrer Vergnügungen dringt gedämpft an mein vergrößern, und die vornehme Welt immer im Weſtende Ohr. Dazwiſchen erklingt rauſchende Militairmuſik, und ſich anbaut, mußte ſich natürlich auch in Baden beſtätigen. der Wald trägt ihre Töne weithin, bergauf und thalab⸗
ſtand, der andeutet, daß ein Mitglied des Stammes, bei dem man auf den Weg und reiſt auf der Eiſenbahn betrübt von Straßburg ſich zeigt, einem ſeinen Schutz verſprochen hat und für ſeine ab, mit dem Bemerken, daß er ſich noch einige Stunden in Sicherheit Bürgſchaft leiſtet. Ein Kabyle könnte dieſe Bürgſchaft Weißenburg aufhalten müſſe, um dort Verwandte zu beſuchen.
nicht mißachten, ohne ſich einen tödtlichen und unverſöhnlichen Kaum hat er ſeine betrübte Braut verlaſſen, ſo trifft ein &.. 4„...:. 2.-. 2....
Feind in demjenigen ſeiner Landsleute zuzuziehen, deſſen Anaya Brief aus Mannheim unter ſeiner Adreſſe bei ihr ein. Die Braut, er mißachtet hätte. a. den Inhalt ahnend, öffnet den Brief und lieſt, leider zu ſpät, die
frohe Bootſchaft, daß die Oper in Mannheim abbeſtellt ſei,„Don Carlos“ aufgeführt werde und der Sänger⸗Bräutigam noch drei Tage Urlaub habe.
Aus der Gegenwart. Die Verzweiflung, daß der Brief zu ſpät kam, um den ii aßrſir. zeliebten feſtzuhalten, dauert eben nicht lange. Das junge Eine ge r- 9 5 C el Lfld 1 Lut ben, Ne 9 E gefährliche teſegraphiſche De peſche. Mädchen erinnert ſich, daß ihr Bräutigam um dieſe Stunde noch
Ein junger Künſtler, der als Sänger am Hoftheater zu in Weißenburg ſein müſſe. Ohne ihrer Mutter ein Wort zu ſagen, Mannheim engagirt iſt, hatte ſich in Straßburg verliebt und macht ſie ſich mit ihrer Schweſter auf den Weg— zum Tele⸗ verlobt. Nichts war natürlicher, als daß er ſeine junge Braut, graphen⸗Bureau. mit Hülfe der jetzt vollendeten pfälziſchen Eiſenbahn, ſo oft Sie gibt, mit einiger Befangenheit über ihren gewagten beſuchte, als ſeine Beſchäftigung an der Oper nur immer erlaubte. Schritt, an den Bräutigam nach Weißenburg(icht an der fran⸗ Er hatte zu dieſem Zweck kürzlich wieder einige Tage Urlaub zöͤſiſchen Grenze) eine höchſt lakoniſche Depeſche auf, um ſich nicht erhalten, jedoch mit dem Bemerken, daß er am nächſten Sonntag zu verrathen und das Geld möglichſt zu ſparen. Sie telegra⸗ in Mannheim wieder eintreffen müſſe, weil an dieſem Tage dort phirt nur:
Opernvorſtellung ſein ſollte. Im Fall aber die Oper abgeſagt„Don Carlos.— Komm!”“ würde, ſollte er ſchleunigſt Nachricht nach Straßburg erhalten. und entfernt ſich eiligſt, nicht ohne Herzklopfen und Erröthen, Man würde dann„Don Carlos“ von Schiller geben, und er Eine Stunde ſpäter fährt ein Wagen am Hauſe ihrer Mutter
könnte in dieſem Falle noch drei Tage länger bei ſeiner Braut in vor. Ein eleganter Herr in Civil ſteigt aus und verlangt die
Straßburg bleiben. Dame des Hauſes zu ſprechen. Sie erſcheint und fragt nach den Der glückliche Bräutigam kommt in Straßburg an und Wünſchen des Fremden.
verlebt dort einige ſchöne Tage. Aber die erſehnte Nachricht aus„Es thut mir leid, Sie beläſtigen zu müſſen, Madame,“
Mannheim, welche ſein Glück noch einige Tage verlängert hätte, beginnt dieſer feierlich,„allein das Wohl Frankreichs verlangt,
trifft nicht ein. Pflichtgetreu macht er ſich daher ſchon Sonnabend! daß Sie mir offen und unumwunden Antwort auf meine Fragen


