Novellen⸗
„Herr General,“ erwiderte ich gereizt,„Sie ſcheinen behaupten zu wollen, ich hätte geſtern zu viel getrunken!“ „Nun,“ lachte er,„zu viel iſt ein böſes Wort, zu we⸗ nig aber haben Sie wohl nicht getrunken, wie wir Alle.“ „Sie Alle mögen gethan haben, was Sie wollen,“ ſagte ich heftig,„ich muß mir aber jede Anſpielung ver⸗ bitten und hätte Ihnen, Herr General, mehr Takt zuge⸗ traut.“ (Schluß folgt.)
Zeitung.(II. Jahrg.
ohne belebende Staffage. Aber die Umriſſe ſind nicht“ nagh einander entſtanden, wie unter der Hand des bildenden Künſtlers, ſondern auf einmal, im Nebeneinander von Raum und Zeit. Man kann zwar noch nicht wählen und ſuchen, aber man kann deſto vollkommener dem Total⸗ eindruck ſich hingeben und um ſo ungeſtörter genießen.
So zeigte Baden-Baden ſich mir in der erſten Stunde im vollen Glanz ſeiner überraſchenden Gegenſätze, und dieſer ſchöne Totaleindruck hat ſich nicht wieder verwiſcht, ſoviel Detailmalerei auch ſeitdem hinzu gekommen iſt.
Ich kam des Abends hier an, in der beſten Zeit der Saiſon(Ende Juli) und zu der günſtigſten Tageszeit, um
Badens Schönheiten recht unmittelbar empfinden zu können.
Aus d
Eine Saiſon in Baden⸗-Baden.
Tagebuch⸗Blätter eines deutſchen Journaliſten.
Der erſte Eindruck.
Bei neuen Bekanntſchaften iſt der erſte Eindruck faſt immer der entſcheidende, weil er der unbefangenſte iſt. Wir gaben uns noch reflexionslos dem Totaleffect hin; wir beobachten, wir analyſiren, wir kritiſiren noch nicht; wir ſind noch Menſch dem Menſchen gegenüber, und das ewige Komödien⸗Spiel, welches Lebensklugheit, Bildung, Erziehung oder guter Ton genannt wird, iſt noch ohne Wirkung, weil der Vorhang eben erſt aufging und die harmloſe Expoſition beginnt. Gewohnheit ſtumpft ſpäter ab, gegen Fehler und Vorzüge, gegen Genuß und Schmerz, gegen Schönheit und Sünde, gegen Liebe und Knechtſchaft.
Mit der Natur ergeht es uns nicht beſſer. Auch hier iſt das erſte Geſammtbild das wirkſamſte. Es iſt zwar nur ein photographiſches Bild, in einem ſonnigen Moment erfaßt und fixirt und deshalb ohne charakteriſtiſche Fär⸗ bung, ohne wechſelnde Beleuchtung, ohne Detailmalerei,
dem betäubenden Gewirr des gashellen Bahnhofs— dem Stoßen und Drängen der Suchenden, dem Schreien und Rufen der Kofferträger und Conducteure, der Kutſcher und Bedienten, dem Raſſeln der Wagen, dem Rauſchen der feinen Reiſetoiletten und dem wahrhaft babyloniſchen Sprachgewirr— rettete mich eine mitleidige Droſchke, die ich aus der aufgefahrenen Wagenburg herausholte.— Kaum hatte ich den Bahnhof verlaſſen, ſo wurde ich unmittelbar in die tiefſte Stille, in nächtliche Waldeinſamkeit verſetzt. Dieſer Gegenſatz war ſo unvorbereitet, daß er mich auf das lebhafteſte überraſchte. Er iſt charakteriſtiſch für Baden, wo die ſeltſamſten Antitheſen— und welche wäre ſchroffer, als die zwiſchen Natur und„Geſellſchaft?“— ſo hart an einander ſtoßen, daß man oft glauben könnte, mitten in einem franzöſiſchen Roman zu leben.
Der Bahnhof iſt das erſte Gebäude in der Stadt. Er liegt als Wächter vor ihrem Eingange, an der ſchmalſten Stelle des ohnehin engen Oosthales. Die Berge ſchieben ihren Fuß bis dicht an den Schienenweg heran. Um von hier aus in den höchſten Theil der Stadt, auf den ſoge⸗ nannten Schloßberg zu gelangen, iſt der bequemſte Fahr⸗ weg eine neu angelegte Chauſſée, die Leopoldsſtraße. Sie führt nicht durch die Stadt, ſondern um dieſe herum,
wir nur einzig und allein dem böſen Temperament der Stute, wenn ſie angeſpannt war, unſer Leben danken; denn als die Schwarzen es nicht ſo leicht thunlich fanden, die Stute beim Kopf feſtzuhalten, machten ſie eine Attaque gegen das Buggy, und
Zwei oder Drei hatten die Freude, ſein Gewicht auf ihren Rippen zu fühlen, während zwei von hinten angreifende Burſchen die
„disjecta membra“ d. h. die Läufe meines Gewehres mit ins Spiel zogen.
Zwei oder drei raſſelnde Hiebe legten die letzten der Feinde be⸗
ſinnungslos und blutend an die Erde. Ich vermied übrigens für die Folge den Bezirk— und ſo hat ſelbſt die Beraſſinenjagd ihre Gefahren.
Dia.
Es gibt bei den Muſelmännern keine öffentlichen Beamten, die ſo wie bei den weſtlichen Völkern die Pflicht haben, Verbrechen gegen Privatperſonen ex officio zu derfelgen. Dem Vellehten Theile, den Verwandten des Opfers, wenn der Tod eines Menſchen ſtattfand, kommt es zu, Beſtrafung oder Genugthuung für das Verbrechen nachzuſuchen. In dem Fall eines Mordes kann die Familie des Getödteten ſich den Verbrecher ausliefern laſſen, um an ihm das Recht der Wiedervergeltung auszuüben oder ſtatt dieſer Genugthuung ſich mit einer Schadloshaltungi in Geld zu begnügen, welche man Dia nennt. Das Geſetz empfiehlt die letztere Wahl, ohne indeß irgend einen Tadel derer auszuſprechen, welche das andere Mittel vorziehen. Die Tödtung eines Mörders durch die Verwandten des Opfers iſt ein entſetzliches und erregendes Schau⸗ ſpiel. Man hört den Leidenden zuweilen bis zum letzten Augen⸗ blicke Anerbietungen ausſprechen, welche zuweilen von den Be⸗!
theiligten berathen werden, wie etwa von einem Fleiſcher, den irgend Jemand darum anſpräche, ihm einen Ochſen oder einen Schöps zu überlaſſen, welchen er fhlächten will. Wird endlich der Tod feſt beſchloſſen, ſo verhandelt der Verurtheilte noch über die Art und Weiſe der Anwendung deſſelben, und dieſe richtet ſich nach der Art und Weiſe, er z. B. mit einem einzigen Schlage getödet, ſo hat er das Recht, zu verlangen, ebenſo getödtet zu werden; bediente er ſich zu ſeiner
That einer ſcharfen, ſchneidenden Waffe, ſo darf er jede ſtumpfe, roſtige oder ſchartige zurückweiſen, durch die er mehr leiden würde, als er ſein Opfer leiden ließ.
Es iſt bekannt, daß die Schadloshaltung an Geld für Todt⸗ ſchlag in der Geſetzgebung der Barbaren beſtand, welche die Staaten des neuern Europa gründeten, und daß ſie ſich nach dem Rane des Todten richteten. Die Erinnerungen daran haben ſich lange erhalten, denn z. B. in der erſten Hälfte des 17. Jahr⸗ hunderts bot Fortia de Piles, der im Duell den S Sohn des Dichters Malherbe getödtet hatte, dem Vater eine Summe Geldes, die dieſer annahm, indem er ſich verpflichtete, dafür ſeinem Sohne ein Mauſoleum zu errichten. g.
„ Anaya.
Es iſt bekannt, daß die Kabylen die wildeſte Bevölkerung Algeriens bilden. Zwar beginnen ſie ſich ein wenig zu civiliſiren, aber noch gibt es Stämme unter ihnen, zu denen Fremde, beſonders Euröpäer, kaum durchzudringen vermöchten, ſie müßten denn mit einer Anaya verſehen ſein. So nennt man irgend einen Gegen⸗
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