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Jahrg. V Nr. 38.]
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„ zugehen, oder nur große Toilette zu machen, ſo iſt es in
einer iſt. Gerade die Deutſchen fühlen ſich am meiſten ge⸗ ſchmeichelt, wenn man ſie für„Fremde“ hält. Die Freude der guten Handwerker und kleinen Kaufleute iſt aber deſto größer, wenn man ſie von ihrem Meidinger⸗Franzöſiſch erlöſt und auf franzöſiſche Fragen deutſch erwidert. Dann kommt der gute Schwabe wieder zum Vorſchein, und das gemüthliche, ungenirte, mit Provinzialismen geſpickte Deutſch des gebildeten Schwarzwälders iſt für unſer hoch⸗ deutſch geſchultes Ohr zwar fremdartig, aber nicht ohne Reiz.
Den ſchwarzwälder Bauer aus dem Oberland, der am alemanniſchen Dialekt feſthält und Schweizer Klänge hineinmiſcht, wird aber der Nordeutſche ſchwerlich verſtehen. Das Allemanniſche iſt vom Hochdeutſchen faſt ebenſo ver⸗ ſchieden, als das Plattdeutſche. Wir beſitzen zwar in beiden Mundarten ſo claſſiſche literariſche Werke— Hebel's alemanniſche Gedichte und Groth's„Quick⸗ born“— daß das Studium dieſer Mundarten, den Werken zuliebe, auch unter den Hochdeutſchen allgemeiner geworden iſt, als früher. Indeß dürften ſich beide Dialekte doch weit bequemer leſen als hören, und ich zweifle, ob ein Berliner, der Hebel's Gedichte ſämmtlich auswendig wüßte, im Wieſenthal ſich nur verſtändlich machen könnte. Die Oberländer würden immer noch glauben, er declamire hochdeutſch, und er würde die guten Schwarzwälder be⸗ lehren wollen, daß ſie ihre eigene Sprache anders ſprechen, als ſie gedruckt ſteht.
Ich hatte Gelegenheit dieſe Bemerkungen zu machen, als ich am Nachmittag durch die Hauptſtraße und über den Leopoldsplatz ſchlenderte, um endlich die berühmten Pro⸗- Es war ein Sonntag, der Tag, wo die faſhionable Welt ſich nicht ſehen läßt. Iſt es ſchon in den großen Städten nicht fein, des Sonntags— wo der fleißige Bürger und Landmann feiert, ſich ſeines Lebens freut und den beſten Staat anlegt, um den Tag der Ruhe und Gottesfeier zu ehren— aus-
Dritte Folge.
Baden⸗Baden, wo das geſellſchaftliche Leben zu dem der deutſchen Hauptſtädte ſich verhält, wie etwa gefrorener Champagner zu ordinärem— ganz unerhört, daß die haute volée Sonntagsruhe und Sonntagsfreuden kennt und genießen ſollte. Sie zieht ſich in ihre Salons und Boudoirs zurück, ſchließt die Fenſter mit Jalouſien und kommt erſt Montag Mittag wieder zum Vorſchein. Dieſes ſonntägliche Klausnerleben wird den Herrſchaften dadurch ſehr erleichtert, daß ſie Sonnabend Abend regelmäßig Bälle geben und die Nacht hindurch tanzen, um den Sonntag deſto ungeſtörter verſchlafen zu können. Alſo auch hier derſelbe Inſtinet des Geſchmacks⸗Unterſchiedes, daſſelbe Naturgeſetz der Scheidung zwiſchen Hoch und Niedrig, wie bei der Volks⸗ und Städte⸗Wanderung nach Weſten und Oſten!
Dieſe Sonntags⸗Antipathie der haute volée hat aber ihr Gutes. Sie macht die Promenaden, die Salons im Converſationshauſe und die ſonſtigen Vergnügungsorte frei und überläßt deren Beſitz und Genuß ungeſtört und ungetrübt der bürgerlichen Welt gerade an dem Tage, an dem allein ſie derſelben ſich erfreuen kann. Die Eiſenbahn⸗ züge vom Sonnabend Nachmittag bringen denn auch aus dem ganzen badiſchen Lande viel fröhliche Sonntagsgäſte hier zuſammen. Aus dem„Niederlande,“ von Raſtatt, Carlsruhe, Bruchſal, Mannheim u. ſ. w. kommt meiſt der Bürger, Beamte und Kaufmann mit Familie; aus dem „Oberlande,“ von Offenburg, Freiburg und weiter her kommen mehr Handwerker und Landleute. Letztere ſtrömen des Sonntags auch aus den umliegenden Ortſchaften maſſenweis hier zuſammen und verſammeln ſich gruppen⸗ weis an den Hauptplätzen, oder durchziehen truppenweis die Straßen. Man hat dann Gelegenheit, alle Dialekte des Landes, den Pfälzer, den Schwäbiſchen, den Breis⸗ gauer und Alemanniſchen Dialekt, kennen zu lernen.
Der Landmann miſcht ſich nicht mit dem Städter. Er
hält ſich für ſich, ſowohl in ſeiner Kleidung und ſeinen
Dieſe Anekdote iſt buchſtäblich wahr und kann vom Erzähler verbürgt werden, der ſich während des Vorfalls in Straßburg
aufhielt. Sie paſſirte vor wenig Wochen, im Juli 1856.. ** .. Was ſich Berlin erzählt. F3 ſ 2 Ein Souper in der Bärengrube. Die Tage des„Königs Franz und ſeines Löwengartens“
haben ſich hier mit kleinen Variationen erneut. Zweien unſerer jungen Gardeofficiere gelang es durch klingende Beredſamkeit den Wächter im zoologiſchen Garten zu vermögen, ihnen die Bären⸗ grube zu öffnen, und wohlgemuth„verſuchten ſie die Götter“ und ſtiegen da unten hinab,„wo es fürchterlich iſt.“
Kaum eingetreten, machte ihnen der Bärenvater ſeine Auf⸗ wartung, kündigte ihnen im grunzenden Baß an, daß dies ſeine und der Seinen ausſchließende Wohnung ſei, und machte Miene mit vorgeſtreckten Tatzen dieſe Bebauptung zu unterſtützen und ſein gutes Hausrecht zu wahren. Der Gaſt, wobl einſehend, daß er hier eine befriedigende Erklärung nicht vermeiden könne, gab auch ſofort eine ſolche auf das Nachdrücklichſte vermöge eines kräftigen Fauſtſchlags auf die Naſe des unhöflichen Wirthes, in deren Folge ſich dieſer brummend in einen Winkel ſeines Palaſtes zurückzog und dem ſeltſamen Beginnen mit ſtoiſcher Ruhe zuſah.
Die Eroberer machten ſich's in ihrem errungenen Beſitze
bejauemz; ein Tiſchchen, mit Champagnerflaſchen beſetzt, nahm ſofort
die Mitte der Grube ein, und die beiden jungen Männer nahmen
an demſelben auf Stühlen Platz, und bald erſchollen die friedlichen
Schüſſe der Champagner⸗Böller.— Aber an Eines hatten ſie nicht X—
gedacht: Die Berliner Bären⸗Jungen ſind eben ſo famoſe Straßenjungen, wie die andern; ihre Zudringlichkeit kennt keine Gefahr, und bald umlagerten ſie ſo drängend den Tiſch, daß den Speiſenden nichts übrig blieb, als ſie höflichſt zu Gaſte zu bitten.
Mit ſämmtlichen Vorräthen waren die jungen Gäſte, denen man keineswegs den Vorwurf machen konnte, Koſtverächter zu ſein,
bald fertig, und nach dem Genuß der Ambroſia ging es nun an
den Champagner⸗Nektar, der auch ſo wenig ſeine Wirkung ver⸗
fehlte, daß der total berauſchte junge Bärentroß bald ſelbſt die Tafelmuſik übernahm und knurrend und brummend in den luſtigſten Sprüngen ſeine Gäſte umtanzte. Nach geleerten Flaſchen endete der Schmaus zu allgemeiner Befriedigung; die Bären ſtreckten ſich einſchlummernd zur Erde, die jungen Aben⸗ teurer verließen lachend die friedliche Wahlſtatt, und auch der Wächter, der wahrſcheinlich ſeinen Poſten verlieren dürfte, wird ſich wohlvorgeſehen haben, ſeine Dienſtpflicht um einen hinläng⸗ lichen Preis zu opfern, um ruhig Entlaſſung und Strafe zu ertragen und hinfort ſeinen Beruf als Bärenwärter mit einer Klein⸗Schnittwaaren⸗Handlung oder einem Bier⸗ oder Brannt⸗ weingeſchäftchen zu vertauſchen.— Keine Laune iſt ſo bunt, ſie kann einem muthigen Manne zu einem Bürgerbrief verhelfen.
Miscellen. Keltere Hoſchargen.
Man hat ſchon öfters die ſonderbaren Titel erwähnt, die
einige Beamte an dem Hofe Ludwigs XIV. führten, wie z. B. den
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