daß man immer eine unausfüllbare Tiefe vor ſich ſieht, und ſelbſt wenn ſie niedergelaſſen iſt, ſo ſteht auf der Mitte der⸗ ſelben ein wachender Geiſt mit ſcharfem blitzenden Stahl, der uns mit kalter Drohung zuruft, ja nicht zu weit vorzu⸗ dringen. Bei andern iſt die Brücke des Blickes immer
aufgezogen und ſie leben in ſteter Abgeſchiedenheit ihrer
Seele; bei noch andern iſt ſie ewig niedergelaſſen, und alles beliebige Volk kann bis in die innerſten Räume der Seele dringen, wo dann allerdings gewöhnlich nicht viel zu fin⸗ den und zu holen iſt.
Wenn aber der reizende kleine cypriſche Gott die Rolle des Thorwächters übernimmt, dann läßt er dieſe Brücke mit ſanften Tönen nieder und auf einen Wink ſeines Auges
überwölbt ſie ſich mit duftigen Blüthenkränzen, tauſend
kleine Diener des ſchalkhaften Liebesgottes gaukeln darüber her und hin und führen die Einlaß begehrende Seele lieblich hinein in das Heiligthum der erwartenden.
Solche Blicke waren es, die ſich magiſch von den Augen meiner Geliebten zu mir herüber wölbten, und mein Herz eilte freudezitternd auf ihnen hinüber und vergaß das Wie⸗ derkommen. Der Champagnergeiſt und die heitere Deſſert⸗ ſtimmung führte uns hinüber in das Reich des Cotillon.
Im Cotillon herrſcht und blüht die Galanterie, aber es iſt nicht mehr die ernſt züchtige Galanterie des Mittel⸗ alters, ſondern es iſt die kokette frivole Galanterie aus den Zeiten der Régence und der Pompadour.
Für den Cotillon müſſen Geiſt und Herz Puder und Schönpfläſterchen anlegen, einen kleinen Galanteriedegen an die Seite ſtecken zu den geiſtreichen kleinen Mignon-Atta⸗ quen und Paraden der Unterhaltung; die überſpannten und ermüdeten Gefühle verlieren ihre gewaltigen Schwingen und entfalten nur kleine Schmetterlingsflügel in den flat⸗ ternden Sprüngen der tändelnden Intrigue.
Alles ſetzte ſich.
Die mütterliche Tapiſſerie der Wände erfriſchte ſich durch einige Ströme Eau de Cologne, und ſcharf wie
Novellen⸗Zeitung.
[II. Jahrg.
Schwerter durchblitzten die unerbittlichen Richterblicke von Neuem den Saal.
O weh! neben meiner Schönen erblickte ich ihren Be⸗ gleiter von der Spazierfahrt.
Ich war wüthend. Aber ein Blick, der auf mich fiel,
belebte mich wieder, ich lächelte über meine Eiferſucht und ſah ſtumm dem Getriebe des Tanzes zu, aus deſſen ver⸗ ſchlungenen Touren mir immer die Sylphengeſtalt meiner Geliebten entgegenſtrahlte. Da öffneten ſich die Gruppen an der Thür und zwei Lakaien trugen einen Tiſch in die Mitte des Saals, auf welchem die verhängnißvollen Schleifen und Bouquets in tauſend Farben ſchimmerten.
Alle Herzen ſchlugen höher, auf allen Geſichtern ſpannte ſich die Erwartung.
Dieſe Erwartung verwandelte ſich bald hier in Aerger, bald dort in lebhafte Freude, als die Tour begann und die duftenden und ſchimmernden Liebesboten hierhin und dort⸗ hin flogen.
Jetzt kam die Tour an die Dame meines Herzens. Ich ſtand in einer Ecke des Saals und folgte den leichten Schritten, mit denen ſie an den Tiſch ſchwebte.—
Sie ſtand eine Zeitlang zögernd. Endlich ergriff ſie eine blaue Schleife, wandte ſich kurz und ſchwebte wie ein Wolkenhauch in ihrem zarten weißen Kleide auf mich zu. Sie verneigte ſich leicht, ich trat vor, empfing die Schleife und befeſtigte ſie auf meiner Bruſt, gerade über dem Herzen.
Dann ſchwebten wir auf den Klängen der Muſit d rch den Saal. Mein Herz war voll Glück und Seligke glaubte in ihrem Tanz eine liebevolle Hingebung zu fe len, und als ich ſie auf ihren Platz brachte, traf mich ein Blich, der mir zündend durch die Seele drang und Alles, was darin noch nicht glühte, in helle Flamme verſetzte. Ich verließ den Saal, ließ mir von einem Diener ein Blatt Papier und einen Crayon geben und ſchrieb mit glühendem Herzen und zitternder Hand die folgenden Verſe:
„
verglichen. Aber die Hauptſache iſt doch verſtanden, das habe ich von vielen Seiten gehört,— die Scene mit Burksdorf!“— Der Leſer unſeres zu verſtehen! Wir kamen auf des Dichters frühere Sachen zu ſprechen: „Der Iſegrimm iſt doch das Beſte, was ich geſchrieben habe. Düſter, Grau in Grau,— aber innerlich durchgearbeitet.“— Ich nannte„Cabanis“ dagegen als nicht weniger vollendet.
„Nein,“ erwiderte er,„das könnte ich nicht mehr ſchreiben,— die
Jugendgeſchichte vielleicht! Das liegt mir jetzt fern.“— So ſchlägt der Autor oft gering an, was die Welt am meiſten bewundert! Und ſo hat ein ſtübender Geiſt unermüdlich zuarbeiten: was ſein eigenſtes Weſehewar, wird ihm fremd, und was ihm unerreichbar ſchien, das muß er ſich aneignen.
Ich hatte bei alle dem wenig von leidendem Zuſtande gemerkt.
Als man ſich aber zum Theetiſch ſetzte und vielleicht die Auf⸗
regung, die der unerwartete Gaſt erweckt hatte, einen Rückſchlag übte, kamen mehr Zeichen von Zerſtreutheit zum Vorſchein. Wie er ſelbſt es geſagt hatte, ſo gerieth er jetzt in Verlegenheit, wenn er Dinge wie Meſſer, Semmel u. ſ. w. nennen ſollte. Dabei tauchten bisweilen Gedankenblitze in ihm auf, die mich in Er⸗ ſtaunen ſetzten, wie lebhaft und wie treu ihm das noch vor den Sinnen ſtand, was wir damals vor drittehalb Jahren geſprochen hatten, und das er mir ſelber erſt ins Gedächtniß zurückrufen mußte. So ſagte er plötzlich:„Ich frug Sie damals ſchon: wer hat die Recenſion über meinen Iſegrimm in den Brockhaus'ſchen Blättern geſchrieben?— Es intereſſirt mich ſehr, ich möchte es gern wiſſen und habe hin und her gerathen. Sie verſprachen mir 2
Blattes möge ſie nachſchlagen, um die Aeußerung
beſchließen.
damals, ſich zu erkundigen!“— Ich erſchrak über meine Ver⸗ geßlichkeit, denn ich hatte mich zu erkundigen unterlaſſen.
Dann ſprach man von Arnſtadt, von dem Emporkommen des. dortigen Soolbades, von der anmuthigen Gegend, von Leipziger und Dresdener Bekannten, von dem Plane meiner Reiſe. Herr Häring empfahl mir den Beſuch der halb verfallenen gothiſchen Kirche in Arnſtadt aufs Dringendſte.„Brockhaus kennt ſie auch,“ ſagte er,„er nennt ſie mit das Schönſte, was er in der Art geſehen.“
Es wurde für mich Zeit aufzubrechen, um meine Reiſege⸗ fährten noch im Hoôtel zu treffen. Wir ſtanden auf, Häring ſprach von ſeinem Hauſe, deſſen Eleganz und Comfort ich lobte. „Dies Haus habe ich gebaut,“ ſagte er,„um hier mein Leben zu Es iſt ganz nach meinem eignen Plane, für meine eignen Bedürfniſſe; aber wenn ich es noch einmal bauen könnte, würde ich Manches anders machen,— es iſt mit Vielem ſo im Leben!— Ich hätte Landwirth werden mögen. Das hätte mir ſo ganz zugeſagt!“
Kann man dem alternden Dichter eine Stimmung der Unzu⸗ friedenheit verdenken, der für ſein unausgeſetztes poetiſches und patrioriſches Streben ſo wenig Dank geerntet hat? Während von ſeichter franzöſiſcher und engliſcher Ueberſetzung oft zahlloſe Maſ⸗ ſen in das Volk dringen, hat W. Alexis dieſes Jahr zum erſten Male von einem ſeiner Romane eine zweite Auflage erlebt. Es haben alſo vielleicht ein bis anderthalb Tauſend Exemplare unter einer Bevölkerung von vierzig Millionen Deutſchen einen Käufer gefunden.
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