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Nr. 38.)
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wir durch den Saal und aus meinem Herzen ſtrömten die Worte perlend und rein wie die Fluth der caſtaliſchen Quelle.
Alles um uns und in mir leuchtete wie die Natur im Strahl der Morgenröthe unter dem ſanften Scepter der olympiſchen ſeligen Götter; aber es war nicht das derbe kräftige Morgenroth, wie es aus den Bergen aufblitzt, nein, der Ballſaal ſchimmerte ſo fein und zierlich wie ein Bild der jungen Natur auf Elfenbein gemalt. Und dieſen Umgebungen, dieſen Eindrücken entſprechend klang meine Liebe in jungen und friſchen Tönen heraus.
Was ich ſprach mit meiner Dame, ich kann es nicht
ſagen,
luftigen Klängen eines Lanner'ſchen Walzers einherſchwebte, war es mir, als ſollte ich mich hinaufſchwingen zu des Olymps ſonnigen Höhen und Theil nehmen an den Reigen der ſeligen Götter der Freude.
Der Tanz war zu Ende. Die duftige Friſche ſchwand aus dem Saal, aus den Toiletten, aus den Geſichtern.
Wie die Völkerwanderung in das Hellenenthum und ſeine Nachklänge, ſo drangen ungeheuerliche, abſonderlich maſſive und wilde Tänze in die Geſellſchaft.
Die raſchen Wirbel der Galoppade, die abenteuer⸗ lichen Wendungen der ſlaviſchen Polka Mazurka und Cra⸗ covienne verſcheuchten die friſchen ſchüchternen Grazien und ich athmete erſt wieder auf, als die Muſik zur Contredanſe Die ritterliche Courtoiſie dieſes Tanzes tritt ordnend und mildernd in den verwilderten Lauf des Balles
wie die Zeit der Ritterregel und des Minnedienſtes in die.
Weltgeſchichte. Ich führte wieder meine Geliebte in die graciös ſich verſchlingenden Reihen.
Hatte ich ſie vorhin betrachtet wie Adonis die Göttin der Liebe, ſo ſprach ich jetzt zu ihr wie der Ritter zu ſeiner Dane bir der Minneſänger zu ſeinem Ideal, zierlich und
Drilte folge.
aber was aus meinem Herzen in meinen Worten heraufdrang, das ſah ich aus dem reinen Spiegel ihrer Augen wiederſtrahlen, und während ich mit ihr nach den
doch herzlich, und wieder leuchtete die wohlgezügelte Flamme meines Herzens aus ihren Blicken wieder, ſie lächelte mich an wie eine Dame, die ihrem Ritter den Lohn ſeiner Treue in Ausſicht ſtellt, wenn er ihr zwei Dutzend, getödtete Drachen zu Füßen legen wird.
Voll Hoffnung führte ich ſie zurück und fühlte den Muthn in mir, allen Drachen und Rieſen der Welt zu trotzen für ein Lächeln ihres Mundes.
Noch tanzte man einen zweiten Walzer zierlich und accurat, aber matt und kalt, denn man hungerte.
Dann ging man zum Souper.
Die Zeit will im Großen und Kleinen ausruhen auf ihrem Entwickelungsgange, und wie in der Welt die concret hausbackene Periode des ſpätern Mittelalters auf das junge Ritterthum folgte, ſo tritt das Souper in nothwendiger Folge in den Gang des Balles ein.
Ich konnte meine Angebetete, nachdem ich zweimal mit ihr getanzt hatte, nicht zu Tiſch führen, doch war ich ſo glücklich einen Platz ihr gegenüber zu finden.
Die arme Dame, die ich geführt hatte, wird jenen Abend und mich verwünſchen. Nur mit Zwang richtete ich einige herkömmliche Redensarten an ſie und hatte nur Sinne für mein vis-A-vis. Meine Schöne unterhielt ſich heiter und lebhaft mit ihrem Nachbar, welcher glücklicherweiſe nicht der junge Mann von heute Morgen war, einigemal aber ſtreifte ihr Zlick zu mir herüber, und ich glaubte in ſeinem magnetiſchen Strahl Etwas zu leſen, das mich mit Glück und Hoffnung erfüllte. 1 Es iſt zu allen Zeiten viel und mancherlei über die Augenſprache und die Kraft des Blickes geſprochen, philo⸗ ſophirt und gedichtet, aber es iſt auch etwas Wahres an Allem, was darüber vorgebracht ſſt. Wie die Sprache die Brücke iſt, auf welcher die Geiſter ſich vereinen, ſo iſt der Blick die Brücke der Seelen. Bei,vielen Menſchen iſt er eine Zugbrücke, welche nur ſelten niedergelaſſen wird, ſo 2
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Anfragen, in Angelegenheit geſchäftlichen literariſchen Verkehrs, ließ die Verbindung nicht ganz einſchlummern. Ich erhielt eine Einladung nach Arnſtadt; erſt nachdem wir im vorigen Frühjahr die erſchreckende Kunde von Häring's gefährlicher Erkrankung erhalten hatten, kam ich jetzt dazu, den Beſuch abzuſtatten. Es curſiren ſo viele Gerüchte, die den Dichter bald für völlig rettungs⸗ los, bald für völlig geheilt erklären, daß ſicher manchem ſeiner Freunde und Verehrer mit einer Schilderung ſeines Befindens ein Dienſt geſchehen iſt. 5 3
Es war wohl im Februar dieſes Jahres, als Dr. Häring, im Begriff ſeiner Frau die Zeitung vorzuleſen, plötzlich zuſammen⸗ hangslos in verſchiedenen Sprachen zu reden begann. Der Arzt, der herbeigeholt war, erklärte als Urſache dieſer Gedächtnißſtörung
einen Gehirnſchlag, in Folge deſſen ein Gefäß im Kopfe Nur
geſprengt und das Blut in das Gehirn getreten ſei. dauernde Ruhe und völlige Entziehung von geiſtiger Beſchäftigung könne bewirken, daß das ausgetretene Blut allmählich aufgeſaugt werde und der freie Gebrauch der geiſtigen Fähigkeiten wieder eintrete. 3
In einem ſchönen, großen Salon ſeines Hauſes in erſter Etage, mit breiten Fenſtern und einem Balcon nach dem Ilmenauer Thale hinaus, trat Herr Häring, von einem Spaziergange heim⸗ kehrend, mir entgegen, mit dem Anſcheine vollkommenſter Geſund⸗ heit. Der Mann, der ein hoher Fünfßziger iſt, könnte für einen Vierziger gelten: ſein Haar iſt noch nicht gebleicht, ſeine Geſichts⸗ farbe friſch und blühend. Nach der erſten Anrede hatte er mich erkannt und führte mich in ſein Studirzimmer. Es war für mich erſchütternd, wie er, dem ich nicht eine Spur von Leiden anſah, das Geſprächemit dem Geſtändniß eröffnete:„Sie werden es mir
7 3 zuerſt nicht anmerken, wie ſchwer mir das Sprechen wird. Ich bin immer noch nicht ganz hergeſtellt; das weiß man nicht, weil die Zeitungen anders berichtet haben, und ſo werden viele, viele Freunde mir zürnen, daß ich ihre freundſchaftlichen Zuſchriften noch nicht beantwortet habe. Aber Sie werden bald ſehen, woran es mir gebricht; mein Gedächtniß iſt noch immer nicht ganz im Gange. Es fehlen mir oft die gewöhnlichſten Worte aus der häuslichen Wirthſchaft und dem alltäglichen Leben, während das Entfernteſte da iſt. Ich habe ganz merkwürdige pſychologiſche Erfahrungen an mir gemacht! Seit vierzig Jahren habe ich faſt keine Zeile Griechiſch getrieben, und als man in meiner Krankheit von einer Aufführung des Ajax imBerliniprach, da konnte ich ganze Monologe auswendig, von ich vorher nichts mehr gewußt hatte. Man weiß gar nichtwas in dieſem menſchlichen Baue Alles vorgeht!“ Ich erkundigte mich nach ſeinen neuen Arbeiten.
„Ich arbeite an einem Genrebilde für meinen Kalender,“ gab er zur Antwort, „aber es wird mir recht ſchwer.“ Ich frug, ob der letzte in dieſem Jahre erſchienene Roman noch vor ſeiner Krankheit vollendet ſei. „Gott ſei Dank,“ ſagte er,„ich bin eben noch fertig geworden mit der Dorothee. Puttlitz hat das Buch zum Druck beſorgt,— ich muß von Glück ſagen, daß das Alles ſo noch gekommen iſt. Die
Arbeit hat mir den Stoß gegeben,— die Anſtrengung und die Aufregung durch die politiſchen Parallelen! Das Ganze iſt nicht B. der Student
ſo durchgearbeitet, wie ich gewünſcht hätte,— z. n
Caſtricius und das Kind, denen fehlen die Spitzen. Die Contraſte mußten noch mehr durcheinandergehen. Es iſt nicht die—— wie ſoll ich ſagen? Wir haben die epiſchen Anforderungen damals beſprochen, als wir Ihr Stück mit meinem
„Roland von Berlin“


