ſchrecklichen Wanddecoration vorüber und eilte in den Blumengarten der Tänzerinnen.
Bald hatte ich meine Schöne gefunden. Sie ſtand allein an einer Porzellanvaſe, in welcher eine kleine Fon⸗ taine von Eau de Cologne leiſe plätſcherte, und ſchien nach⸗ denkend, wenigſtens war ihr Auge von den langen ſeidenen Wimpern überſchattet; dennoch glaube ich, daß ſie mich kommen ſah, denn die Damen haben eine merkwürdige Fertigkeit mit niedergeſchlagenen Augen zu ſehn.
Sie erröthete leicht, als ich ſie begrüßte. Ich bat ſie
um den Cotillon. Den aber hatte ſie ſchon vergeben. Wieder zuckte ein brennender Stich durch mein Herz, allein nur auf einen Augenblick, denn ich war ſpät gekommen und es war natürlich, daß ſie engagirt war. Sie verſprach mir den erſten Walzer und ich war unbeſcheiden genug, noch um eine Contredanſe zu bitten. FHalb verwundert, aber nicht unwillig ſagte ſie zu. Ich ſprach von ihrer Fahrt am Morgen, von unſerer Begeg⸗ nung, und unſer Geſpräch flocht ſich weiter wie ein Blumen⸗ kranz, in dem ſich Blüthe an Blüthe fügt, bis eine rau⸗ ſchende Fanfare den Beginn des Balls ankündigte.
Wie ein Diner dem Gange des menſchlichen Lebens ſich anpaßt, ſo correſpondirt der Lauf eines Balls mit dem Gange des menſchlichen Geſchlechts von den früheſten Mo⸗ menten an.
In der Leere und Oede des Saales ertönen zuerſt in chaotiſchen Diſſonanzen die ſtimmenden Inſtrumente des Orcheſters. Einzelne Gäſte treten hinein wie die erſten Elemente der Ordnung, ſie werden mehr und mehr, und in der Verwirrung des Chaos bilden und knüpfen ſich Be⸗ ziehungen und Aſſociationen für künftige Entwickelungs⸗ phaſen, aber Alles ſtill unter der Hülle des leiſen, mur⸗ melnden Geflüſters. Die Geſellſchaft brütet über ihrer künftigen Form und erwartet den belebenden Funken.— Da ſchlägt dieſer Funken hinein, das Trompetenſignal er⸗ tönt, das Leben iſt erwacht.
Novellen⸗Zeitung.
In langſam feierlichem Rhythmus erſchallt die Muſik der Polonaiſe, und wie Saturn den Tanz der Geſtirne an das Firmament heraufführte, ſo ſchreiten in regelmäßigen Bahnen, in unverrückbarer Ordnung die alten würdigen Paare daher. Den ſtrahlenden crachat auf der Bruſt, führt der Saturn des Balles einen Reigen von größern und kleinern Fixſternen und Planeten erſter und zweiter Claſſe, alles bewegt ſich in feierlicher Würde, in abge— meſſenem Tritt, in ewig wiederkehrenden Touren und Ver⸗ ſchlingungen.
Da verſtummt die Muſik der Polonaiſe, der feierliche Reigen ſtockt und unter die Würdenträger des ſaturniſchen Reiches ſtürzen die jungen freudigen Schaaren, geführt von den Göttern der Liebe und Schönheit.
Noch einmal gährt das Chaos auf, es entſteht ein Ge⸗ tümmel wie im Kriege der Titanen.
Dieſe aber werden überwunden. In kurzer Zeit iſt der Raum frei für,die Herrſchaft der jungen Götter, die
je ein großer Stern mit ſeinen Trabanten; in dem Tar⸗ tarus der Nebenzimmer bleiben die geſtürzten Titanen, und die Karten gleiten über die Tiſche wie die Schatten über die Asphodeloswieſe. 1 mig
Da beginnt das Reich der Schönheit.
den Götter ſchlangen, ſo durchziehen die jugendlichen Tänzer
Walzers den Saal.
Voll von dieſem Eindruck, den Sonne Griechenlands in meinem Herzen, meiner Königin an..
Ein zartes, ätheriſches, weißes Kleid umhauchte ihre ſchlanke Geſtalt, friſche natürliche Blumen dufteten aus ihren Haaren und Alles an ihr war leicht, zart und mor⸗ genſchön.
Strahl der rein
.
Wie die Hirten zur Leier des verbannten Apoll ſhwabten
auszugeben? War er ein Ortsliterat, der für Aufhebung der
Kammern, für Reorganiſation des Adels und Einführung der
Stockprügel ſeine Feder führte? 1 In Neudietendorf, der letzten Station vor Gotha, verließen
wir die Eiſenbahn, um ſüdlich von der Chauſſée an den Burgen
der drei Gleichen vorüber nach dem Städtchen Arnſtadt zu fahren. Der Beſuch, den ich hier machen wollte, war das Hauptziel meiner Reiſe. Der Tag neigte ſich, als wir über das holperige Pflaſter vor dem Gaſthof zur goldenen Henne vorfuhren. Ich erkundigte mich ſogleich nach dem Wege, den ich zu gehen hatte. Durch das enge, dröhnende Thor führte man mich vor die Stadt, nach der ſüdlichen Seite, wo bald hinter den letzten Häuſern die erſten Hügel des thüringer Waldes ſich wölben und das anmuthige Thal
ſich öffnet, in dem die Chauſſée von hier nach Ilmenau langſam
bergauf ſich hinſchlängelt. Die Gegend nimmt hier ſchon mehr, als irgendwo bisher auf unſerer Tour, Gebirgscharakter an; die Abendbeleuchtung, die alle Dimenſionen vergrößert, erhöhte den⸗ ſelben. Im Hintergrunde verduftete das Thal in dunklem Blau; rechts und links ſtiegen Berge empor, aus deren ſchwarzgrünem Laube die abendlichen Schatten in das Thal ſich herabſchlichen. Links von der Chauſſée ab wurde ich an einer Gartenmauer ent⸗
lang, dann in eine alte, ehrfurchtgebietende Buchenallee gewieſen,
in der die Nacht ein frühzeitiges Lager aufzuſchlagen begann, und aus ihrem heimlichen Dunkel lachte rechts ein Landhaus mit neuen
weißen Mauern, rings von einem wohlgepflegten Garten umgeben,
freundlich behaglich mich an. Das war die neuerbaute Behauſung von Wilibald Alexis. 3
Ich habe, ſo lange ich ſeine Romane kenne, zu den enthu⸗ ſiaſtiſchen Verehrern unſeres deutſchen Walter Scott gehört. Da
ich als Student, unbefriedigt von den abſtracten philoſophiſchen Syſtemen, Verlangen empfand, des realen Lebensgehaltes mich zu bemächtigen, und in hiſtoriſchen Studien dieſes Verlangen zu befriedigen ſuchte, da waren es neben zwei verehrten akademiſchen Lehrern, dem ſeligen G. A. Stenzel und dem in ſeine Stelle gerückten R. Röpell, vorzüglich die geſchichtlichen Romane von Wilibald Alexis, die mir das Verſtändniß des Staates im All⸗ gemeinen und ſpeciell des preußiſchen Staates vermittelten, wie er als vernünftiger und nothwendiger Organismus aus der feudalen Zerſplitterung und Selbſtherrſchaft des Mittelalters zur Souveränetät ſich herausgearbeitet hatte. Es war damals ſtets mein Wunſch geweſen, Wilibald Alexis kennen zu lernen. Im
Jahre 1854 wurde dieſer Wunſch erfüllt, da ich nach vorheriger
angeknüpfter Correſpondenz in Folge einer Recenſion, die des Dichters Beifall gewann, ihn in Berlin zu beſuchen wagen durfte. Ich hatte den Stoff ſeines Romanes„Der Roland von Berlin!“ zum Sujet einer Tragödie gewählt und wollte über dieſe Arbeit Dr. Häring's(ſo heißt W. Alexis bekanntlich mit ſeinem bürger⸗ lichen Namen) Rath und Urtheil mir erbitten. Ich hatte die Freude, ſein Intereſſe an meinem Verſuche in hohem Grade erregt zu ſehen und über die innere Unterſcheidung meiner dramatiſchen Auffaſſung von ſeiner epiſchen eine lebhafte, tiefer eingehende Anerkennung zu finden, wie ſie mir ſpäter von Andern, denen der Roman wahrſcheinlich viel ferner lag, nicht zu Theil wurde.
Seit dem hatte ich den Gönner nicht wieder geſehen. Bei mehrmaligen Beſuchen in Berlin hörte ich, er ſei in Arnſtadt in Thüringen und baue ſich daſelbſt eine Villa, nachdem er ſein bis⸗ heriges Beſitzthum im Seebade Häringsdorf bei Swinemünde, zu deſſen Aufnahme er ſo viel beigetragen, verkauft hatte. Ein paar
(lI. Jahrg.
Geſtirne gruppiren ſich zu Syſtemen an den Whiſttiſchen,
Wie in den heitern Griechenland ſich die Reigen der belebenden, blühen⸗
und Tänzerinnen bei den heitern leichten Klängen des erſten
trat ich mit
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Nr. 30
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