Jahrgang 
27-52 (1856)
Seite
596
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ſich in freier Unterhaltung emporſchwingen ohne das Leit ſeil des Papiers und der Feder, ohne die Regel geſchäft⸗ licher Convenienz.

Um die Zeit bis zum Abend hinzubringen, kleidete ich mich an und ſtieg zu Pferde.

Es war ein reiner, heller Frühlingstag, die Natur athmete aus tauſend und tauſend Blumenlippen und der

Novellen⸗Zeitung.

In leichtem, freudigem Gehorſam ſprang mein Pferd an und im untadelhafteſten Galop ſprengte ich an dem Wagen mit tiefem Gruße vorbei. Der alte General dankte lächelnd, über das Geſicht meiner Angebeteten ſchien ein Strahl freudiger Bewegung und eine leiſe Röthe, die Morgenröthe meiner Hoffnung, zu fliegen, da fiel mein

Blick auf den Rückſitz des Wagens und ich ſah meiner

Duft ihres Athems hauchte rein und würzig zum Himmel

empor, mein Pferd öffnete ſeine Nüſtern weit und ſchien die Schönheit der Luft und des Lichtes mitzufühlen.

Du edles Thier, dachte ich, wie lange wird die Dauer deines Geſchlechts noch auf dieſer Welt ſein, wie lange wirſt du den Menſchen noch auf deinen ſchönen Gliedern in ſtolzer Pracht durch die Welt tragen? O ich ſehe die Zeit kommen, wo Schienen auf allen Straßen ſein werden, wo man eine Locomotive vor ſeiner Thür wird vorfahren

Schönen gegenüber einen eleganten jungen Mann, der in angelegentlichem Geſpräch mit ihr begriffen zu ſein ſchien

und mich nun verwundert anſah.

laſſen und durch eine Allee von langen Schornſteinen da⸗

hinfahren, wo man die Sonne durch eine ſchwarze Dampf⸗ wolke ſehn wird und den Duft der Kohlen und des Theers mit Wonne ſchlürfen.

Wie vor einiger Zeit eine große Königin für alles Gold ihres Reiches nicht einen einzigen Mops, den treuen Ge⸗ fährten der guten alten Zeit, auftreiben konnte, ſo wird man einſt vielleicht in einer Laune des Augenblicks ein Pferd

verlangen und keines finden und die Eltern werden ihren

Kindern Bilder deiner Geſtalt zeigen und lächelnd ſprechen: Seht, auf ſolchen Thieren ſaßen unſere Vorfahren und ließen ſich durch jene Wälder tragen, von denen Ihr in der Schule gehört habt, die nun aber lange nicht mehr da ſind.

Das Thier ſchien aber meine wehmüthigen Gedanken nicht zu theilen, ſondern ſchritt leicht und elaſtiſch mit freudigem Schnauben durch die ſchattigen Wege des Parks vor der Stadt dahin.

Da rollte uns eine Equipage entgegen. Ich blickte

hin und erkannte darin den alten General mit ſeiner ſchönen tauſendmal dieſem Vorſatz untreu geworden war, fing mir

Tochter.

Wenn man an einem ſchönen Frühlingsmorgen eine thaufriſche Roſe gepflückt hat, um ſich an ihrem ſüßen Duft zu erfreuen, und plötzlich ringelt ſich ein widerlich ſchwarzer Wurm daraus hervor, daß man erſchrocken und entſetzt die Blume weit von ſich fort wirft, dann hat man ein ähnliches Gefühl, als es mich bei dem Anblick jenes jungen Mannes durchſchauderte.

Wo waren mit einemmal alle Traumblüthen meiner Liebe geblieben? Ein Froſt war auf ſie gefallen und faſt hingen ihre Köpfe herab. Der Wurm der Eiferſucht rin⸗ gelte ſich auf der eben aufgebrochenen Roſe meiner Liebe,

und ſtatt ihn fortzuwerfen, wollte ich die Blume von mir.

ſchleudern. 3

Allein das war nicht leicht, ſie war feſt gewurzelt Aber aus ihren Stengeln ſchoſſen jetzt ellenlang, hart wi Stahl, die mächtigen Dornen auf und riſſen mir tiefe blutige Wunden in das Herz.Non son rosa Senna spi rief ich grimmig lachend und damit auch mein Pfer Wahrheit dieſes Wortes empfinden ſollte, drückte die Sporen tief ein, daß es mich in gewaltigen Langalt über Stock und Stein davontrug. Nachdem ich eine Wei in raſender Eile herumgeritten war und, wie

de

ſendmal vorgenommen, meine Liebe zu vergeſſen, und

Feuilleton.

ode

Thüringer Jahrten. III.

Erinnerungen an Jena.

Der kleine neugierige Herr. Beſuch bei Wilibald Alexis.

Erfurt. Arnſtadt.

Die Berliner ſind bekanntlich Berolinor. Zu letzterer Claſſe gehörte offenbar der kleine, alte, zugeknöpfte, neugierige Herr, der mit uns allein ein Coupé auf

Ecke gelehnt uns zugehört hatte, bis er in unſer Geſpräch

Der Sonderbare bei

der Tour von Köſen nach Gotha zu de unbemerkt in ſeine

ſich miſchte und eine ſtaunenswerthe Bekanntſchaft all' der Perſön⸗ lichkeiten des Köſener Badelebens entfaltete, die wir eben mit all der Gemüthlichkeit durchgehechelt hatten, wie man das in Köſen

und außer Köſen an ſeinen beſten Freuden zu thun pflegt, wenn 4 8 Fe 4 1 die Vorſtellung zahlloſergeſtürzter Päpſte, zahlloſer Blutgänge

Wir waren alle auch einmal in Berlin

ſie nicht dabei ſind. Gott ſei Dank!

geweſen und deshalb ſo zu ſagen nicht auf den Mund gefallen.

Wir ließen uns alsbald mit unſerem Berolinor ſcheinbar ſehr

uns gelang, ihm weiß zu machen, daß die Perſönlichkeiten, die er kannte, ganz andere ſeien als die, von denen wir ſprachen.

ſtudirt. vertrauensvoll in ein ſehr ausführliches Geſpräch ein, in dem es fahrt in ihm auf.

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Grüßen Sie gefälligſt die Baronin von K. aus Bremen, wenn Sie wieder dorthin kommen, kleiner, alter, zugeknöpfter, neu⸗ gieriger Herr!

Mit Ihbrer ſtaunenswerthen Perſonalkenntniß und Ihren ſtets geſpitzten Ohren, bei Ihrem ewigen Hin⸗ und Herreiſen, von

entweder Beroliner oder dem Sie erzählten, ohne den Zweck deſſelben anzugeben, erſchienen

Sie mir als einer jener Menſchen, die nichts weiter zu thun haben, als den Ruf Anderer zu begründen oder noch lieber zu vernichten, nicht aus Liebe, nicht aus Haß, nicht aus ſittlicher Entrüſtung, nicht aus ſataniſcher Bosheit, nur aus Laune, aus Langer⸗ weile, aus Luſt am Schwatzen, ohne zu wiſſen, was Sie ſchwatzen.

Station Apolda! Von hier geht die Poſt nach Jena. Jena, Du Wallhalla der biertrinkenden, mit Stürmern renommi⸗ renden Jugend, wie erweckt der bloße Klang Deines Namens

auf krumme und grade Säbel mit und ohneBinden und Bandagen! Mein Reiſegefährte hatte Anfangs der dreißiger Jahre in Jena Mancherlei Erinnerungen tauchten während der Weiter⸗ Er war damals Mitglied der Burſchenſchaft geweſen und erzählte charakteriſtiſche Geſchichten aus jener erſten Zeit des erwachenden revolutionairen Geiſtes. Die Burſchenſchaft:

II. Jahrg.

das in ſolchen

Fällen ſtets zu gehn pflegt, über Alles gewüthet hatte, was zwiſchen Himmel und Erde exiſtirt, nachdem ich mir tau⸗

Nr. 38

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